Energiepolitik

Klimaschutz trotz Atomausstieg

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Auch das Atomkraftwerk Isar 2 in Niederbayern ist vor einem Jahr vom Netz gegangen. I
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Der CO2-Ausstoß ist im Jahr seit der Abschaltung der letzten drei deutschen AKW gesunken, wie eine Studie zeigt. Allerdings ist weiterhin Nuklearstrom im Netz – aus Importen.

Vor knapp einem Jahr sind in Deutschland die letzten drei Atomkraftwerke abgeschaltet worden, nämlich Emsland (Niedersachsen), Neckarwestheim 2 (Baden-Württemberg) und Isar 2 (Bayern). Diese lieferten zuletzt rund fünf Prozent des in Deutschland verbrauchten Stroms. Der Ausstieg war damals heftig umkämpft – auch innerhalb der Ampel-Bundesregierung. Eine aktuelle Bilanz zeigt jedoch, dass die Sorgen bezüglich der Folgen für Klima und Strompreis unbegründet waren. Danach hat die Stromerzeugung in Deutschland im ersten Jahr ohne Atomstrom aus hiesigen Anlagen sogar deutlich weniger Treibhausgase verursacht als im Vorjahreszeitraum, und der durch den Ausstieg befürchtete Preisschock ist ausgeblieben. Allerdings wird weiterhin Atomstrom genutzt, nämlich aus Importen.

Der Atomausstieg war 2011 nach dem Super-GAU im japanischen Fukushima von der damaligen schwarz-gelben Bundesregierung beschlossen und parteiübergreifend im Bundestag abgesegnet worden. Enddatum für die letzten drei von ehemals 19 Leistungs-AKW: Ende Dezember 2022. Angesichts der Energiekrise und einer Strompreisexplosion, ausgelöst durch Putins Angriffskrieg auf die Ukraine, der im Februar 2022 begann, setzten dann aber heftige Debatten über die Sinnhaftigkeit dieses Schritts ein. Die Opposition von Union und AfD, aber auch die Ampel-Partei FDP forderte, die Laufzeiten wieder zu verlängern. Vor allem die Grünen lehnten das ab, und der Konflikt wurde erst durch ein Machtwort von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) gelöst. Die drei AKW wurden im „Streckbetrieb“ gefahren und dreieinhalb Monate später, Mitte April 2023 abgeschaltet.

Das Berliner Beratungsunternehmen Enervis kommt in der jetzt vorlegten Studie zu dem Ergebnis, dass der CO2-Ausstoß im Energiesektor in der Zeit seit dem Ausstieg – untersucht wurde der Zeitraum 16. April 2023 bis 15. März 2024 – um 24 Prozent gesunken ist. Grund dafür seien ein Wachstum bei den erneuerbaren Energien sowie zurückgegangene Strommengen aus fossilen Energiequellen gewesen: Braunkohle minus 29 Prozent, Steinkohle minus 47 Prozent und Gas minus fünf Prozent. Entlastend für die Klimabilanz wirkte zudem, dass die Stromnachfrage im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zurückgegangen ist, vor allem wegen der schwächelnden Wirtschaft. Die Studie war von Greenpeace und der Ökoenergiegenossenschaft Green Planet Energy in Auftrag gegeben worden.

Eingegangen wird in der Untersuchung auch darauf, dass Deutschland im Jahr nach dem Ausstieg mehr Strom aus dem Ausland bezog. Dieser Importüberschuss von rund 20,6 Terawattstunden sei nicht Folge von Engpässen im nationalen Kraftwerkspark gewesen, betonen die Enervis-Fachleute. Vielmehr hätten steigende Kosten für fossile Brennstoffe und CO2-Zertifikate im EU-Emissionshandel zur Verteuerung der fossilen Verstromung und so zur verringerten Nutzung geführt. Die Analyse habe gezeigt, dass im Betrachtungszeitraum genug Kapazitäten in Erdgaskraftwerken für zusätzliche Stromerzeugung bereit gestanden hätten, so Greenpeace. Diese Kapazitäten seien nicht genutzt worden, da Importe günstiger waren.

Etwas mehr als die Hälfte der importierten Elektrizität kam nach Zahlen der Bundesnetzagentur aus erneuerbaren Quellen, jeweils rund ein Viertel stammte aus AKW respektive fossilen Kraftwerken. Der Atomstromanteil im deutschen Netz betrug damit rund vier Prozent. Die stärksten Importländer von April 2023 bis März 2024 waren laut der Agentur Dänemark (22 Prozent), Frankreich (19) und die Schweiz (zwölf), wobei die letzten beiden viel Atomstrom im Netz haben. Die Enervis-Fachleute erwarten, dass der starke Ausbau erneuerbarer Energien Deutschland ungefähr ab 2030 zum Exporteur von günstigem grünem Strom macht. Derzeit beträgt der Anteil von Ökostrom am Verbrauch gut 50 Prozent, bis 2030 sollen es nach Plänen der Ampel mindestens 80 Prozent sein.

Die Anti-Atom-Organisation „Ausgestrahlt“ rechnete vor, dass das Plus bei den erneuerbaren Energien die Stromproduktion der drei AKW rechnerisch komplett ersetzt hat. Danach haben die Windkraft- und Solaranlagen in Deutschland von April 2023 bis März 2024 zusammen 29 Milliarden Kilowattstunden (kWh) mehr Strom als in den zwölf Monaten zuvor erzeugt, was ziemlich genau dem weggefallenen Atomstrom (30 Milliarden kWh) entspreche.

Bilanz

In dem Jahr nach dem Atomausstieg haben Erneuerbare Energien 28 Terawattstunden (TWh) zugelegt. Gleichzeitig erzeugten Kohlekraftwerke – da diese mit einem gesunkenen Erdgaspreis wieder unwirtschaftlicher sind – 54 TWh weniger Strom. Stattdessen wurde mehr Strom im- als exportiert: Bezogen auf die gesamte Stromnachfrage stieg der saldierte Import auf knapp fünf Prozent an.

Der importierte Strom stammte zur Hälfte aus Erneuerbaren Energien und zu einem Viertel aus Kernkraftwerken.

Im Jahr nach dem Kernkraftausstieg sank der Börsenstrompreis infolge niedrigerer Energiepreise, geringerer Stromnachfrage und steigender Anteile Erneuerbarer Energien um 13,5 auf 8,2 Cent pro Kilowattstunde. Zwar hat die Stilllegung der drei letzten Meiler einen preiserhöhenden Effekt (Berechnung von Prognos für 2024: 0,3 ct pro Kilowattstunde), dieser wurde allerdings durch den deutlichen Preisrückgang aufgrund der entspannten Lage an den Energiemärkten überkompensiert. FR

Die Stabilität des Netzes hat sich aufgrund des Atomausstiegs nicht verändert, obwohl mit den drei Meilern Grundlast-Kraftwerke wegfielen. Das teilte die Bundesnetzagentur der FR mit. Die Abschaltung der AKW sei lange geplant gewesen und wurde von allen Akteuren entsprechend berücksichtigt. „Es steht genügend gesicherte Kraftwerksleistung aus anderen Anlagen bereit, um einen sicheren Netzbetrieb zu gewährleisten“, so die Agentur.

Entwarnung gibt es auch in puncto Strompreis. Die Netzagentur stellt fest, der Atomausstieg habe den Großhandelspreis an der Strombörse „nicht oder allenfalls geringfügig beeinflusst“. Der Preis sei im Frühjahr 2022 aufgrund der „Gaskrise“ infolge des Ukraine-Kriegs stark angestiegen und ab Anfang 2023 wieder deutlich gesunken. „Eine Änderung des Großhandelspreises rund um den Atomausstieg im April 2023 ist nicht erkennbar“, so die Agentur.

Kein Wunder, dass sich die Umweltverbände durch die Entwicklung bestätigt sehen. Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital bilanzierte: „Ein Jahr nach dem Atomausstieg ist Strom in Deutschland sauberer, günstiger und sicherer als zuvor.“ Der Ausstieg aus der Hochrisikotechnologie sei die richtige Entscheidung gewesen, er habe die Energiewende beschleunigt. „Ausgestrahlt“ betonte, das Abschalten der AKW habe Deutschland zudem unabhängiger gemacht. „Anders als jene Länder, die noch auf Atomkraft setzen, ist Deutschland nicht mehr abhängig von russischem Uran“, sagte Sprecher Armin Simon.

Auch der Präsident des Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (Base), Christian Kühn, betont, dass Deutschland mit dem vollzogenen Ausstieg auf dem richtigen Weg sei. „Deutschland ist durch den Atomausstieg sicherer geworden“, sagte er. Zudem habe der Schritt „dafür gesorgt, dass keine weiteren hochradioaktiven Abfälle mehr produziert werden“.

Kühn verwies darauf, dass Deutschland „anders als viele andere Staaten einen gesetzlich geregelten, wissenschaftsbasierten und transparenten Suchprozess“ für ein nukleares Endlager festgelegt und durch einen Fonds finanziell abgesichert habe, in den Atomkraftwerksbetreiber einzahlen mussten. Und er warnte: „Dieser vertrauensbildende Prozess ist gefährdet, wenn der Atomausstieg und wider besseres Wissen die weltweit anerkannte Notwendigkeit der geologischen Tiefenlagerung infrage gestellt werden.“

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