VonLars-Eric Nievelsteinschließen
Russlands Wirtschaft leidet unter schwacher Kreditaufnahme. Die Schuld trägt offenbar die Zentralbank. Gleichzeitig naht die Rezession.
Moskau – Russlands Wirtschaft steht unter hohem Druck. Wichtige Branchen, darunter der Stahlsektor oder die Ölproduktion, melden Produktionsverluste oder Insolvenzen. Eine hohe Inflation führte zu Rekord-Leitzinsen. Das rächt sich jetzt: Mehrere Banken äußerten bereits Sorge wegen Rückständen bei ihren Krediten. Russlands Haushalte reagieren – und leihen sich weniger Geld.
Kreditgeschäft in Russland erlahmt – Privatkunden borgen weniger
Der russische Kreditmarkt wuchs im Juli 2025 um rund 1,7 Billionen Rubel (umgerechnet rund 18,2 Milliarden Euro) und erreichte laut einem Bericht der Zentralbank einen Schuldenstand in Höhe von insgesamt 150 Billionen Rubel (1,6 Billionen Euro). Gleichzeitig verlangsamte sich die jährliche Wachstumsrate – diese soll im Juli nurmehr 10,1 Prozent betragen haben. Das sei das niedrigste Tempo seit 2021, berichtete die Moscow Times.
Die Regulierungsbehörde hat die Kreditvergabe an Privatkunden als „schwach“ eingestuft, die an Unternehmen immerhin als „moderat“. Für diese Verlangsamung sei die restriktive Geldpolitik der Zentralbank verantwortlich. Im Vergleich zum Vorjahr sei die Kreditvergabe zwar schon um zehn Prozent gestiegen, aber das sei eher auf den Kreditboom im Jahr 2024 zurückzuführen.
„Die Haushalte haben im Juli vorrangig frühere Verpflichtungen zurückgezahlt und zeigte nur wenig Appetit für neues Kreditaufnahme“, zitierte die Moscow Times die Zentralbank.
Probleme im Bankensektor – „toxische Schulden“ bedrohen Russlands Wirtschaft
Die Probleme in Russlands Bankensektor sind allerdings nicht neu. Unter anderem liegt der russische Leitzins nach wie vor auf einem extrem hohen Niveau, was die Lust auf Kreditaufnahme sowohl für Privatkunden als auch bei den Unternehmen verringert. Erst vor wenigen Wochen hatte die Zentralbank den Schlüsselsatz bei den Leitzinsen vom Rekordniveau 21 Prozent abgesenkt auf 18 Prozent. Die Hoffnung dahinter: Unternehmen und Bürger sollen wieder mehr Geld leihen.
Dabei handelte es sich um den größten Zinsschritt seit Mai 2022. Damals hatte sich Russlands Wirtschaft gerade vom ersten Schock erholt, den die westlichen Sanktionen ausgelöst hatten. Wegen der enormen Inflation innerhalb Russlands musste die Zentralbank unter Elvira Nabiullina die Leitzinsen später jedoch wieder anheben.
Das hatte weitreichende Folgen für alle russischen Haushalte und Unternehmen, die sich Geld leihen wollten. Das war plötzlich wesentlich teurer. Gleichzeitig befeuerte der Kreml die Vergabe günstige Kredite, die Banken an Unternehmen der Rüstungsbranche vergeben hatten. Eigentlich sollte der Schritt die russischen Kriegsanstrengungen unterstützen, aber die Nebenwirkungen waren gravierend. Im Markt für Unternehmenskredite wuchs – so die Warnung von Ökonomen – ein Grundstock an „toxischen Schulden“ heran.
Wird die Kreml-Rettung nötig? – Top-Banker äußern Sorge
Das ging so weit, dass innerhalb des russischen Bankensektors Sorgen über Kreditausfälle laut wurden. Mitte Juli 2025 berichtete Bloomberg davon, dass russische Top-Banker erhebliche Mängel in ihren Kreditbüchern gefunden hätten, die weit über das hinausgingen, was der Kreml offiziell verlautbaren ließ. Im Privaten sollen sie die Möglichkeit einer Rettungsaktion durch den Kreml diskutiert haben.
Das sei notwendig, sollte sich die Situation verschlechtern. Mindestens drei anonyme Kreditinstitute, die die Zentralbank als systemrelevant eingestuft hat, sollen die Möglichkeit einer Rekapitalisierung innerhalb der nächsten zwölf Monate in Betracht gezogen haben. Die Führungskräfte sollen überlegt haben, wie sie dieses Anlegen am besten bei der Bank von Russland ansprechen sollten. Die Informationen stammen von Mitarbeitern, die anonym bleiben wollen, weswegen sich das nicht unabhängig verifizieren lässt.
Offiziell aber soll das russische Bankensystem relativ gesund sein. Der Anteil der schlechten Kredite soll noch im annehmbaren Bereich liegen. Einige Top-Banker aber, darunter Herman Gref von der wichtigen russischen Sberbank, sollen damit begonnen haben, Warnungen für 2026 abzugeben. Ökonomen warnen bereits jetzt vor einer Rezession, die Russland bevorsteht.
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