Letzte Hoffnung?

Putins Denkfehler: Gas-Strategie zum Scheitern verurteilt – „Steht viel auf dem Spiel“

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Putin will westliche Sanktionen gegen Russlands Wirtschaft umgehen. Doch der russische Präsident bedenkt dabei entscheidende Faktoren nicht.

Moskau – Die westlichen Sanktionen treffen Russlands Wirtschaft mit voller Wucht. Mit ihren jüngsten Maßnahmen hat die EU erstmals russisches LNG ins Visier genommen. Für Wladimir Putin gibt es jetzt nur noch wenige Möglichkeiten, sein einst profitables Gas-Geschäft weiterzuführen. Offenbar entwickelt Putin deshalb nun eine Strategie, um westliche Kunden als Käufer für russisches Gas zurückzugewinnen und Druck auszuüben.

Herausforderung für Russlands Wirtschaft: Putin will den Westen mit Gas unter Druck setzen

Russland will offenbar europäische Länder als potenzielle Käufer für Gas wieder ins Visier nehmen. Russlands Energieriese Gazprom soll Käufern in Mittel- und Osteuropa bereits Rabatte von angeblich mindestens zehn Prozent planen, um westliche Kunden anzulocken. Diese Theorie stellt der ThinkThank CEPA (Center for European Policy Analysis) in einer Analyse vom 26. Juni 2024 auf. Bestätigt ist dies noch nicht.

Putin versucht den Westen erneut auszutricksen.

„Nun mehren sich die Anzeichen, dass der Kreml und seine Freunde dies ausnutzen, um heimlich die Gaslieferungen an wohlhabende mitteleuropäische Märkte wieder aufzunehmen, in denen die Gier größer ist als die Politik“, schrieb Aura Sabadus, Journalistin und Expertin für europäische Energiemärkte beim Independent Commodity Intelligence Service (ICIS) in einem anderen CEPA-Beitrag vom 20. Juni 2024.

Auch auf die Ukraine hat es Putin wohl abgesehen: Vor dem Hintergrund, dass der Gastransitvertrag zwischen Ukraine und Russland zum Ende des Jahres 2024 ausläuft, könnte Russland versuchen, Kiew zu überzeugen, den Vertrag zu verlängern. „Es steht viel auf dem Spiel“, so Sabadus in ihrer Analyse und verwies nicht nur auf die Folgen Russlands, sondern auch auf Auswirkungen auf die künftige Energiepolitik Europas. Bislang blieb die Ukraine allerdings eisern und lehnte eine Verlängerung ab. Es stellt sich also die Frage, wie hoch die Erfolgsaussichten für Putin sind.

Sanktionen erschweren Gas-Geschäfte für Russland – scheitert Putin mit seiner Strategie?

Eigentlich wollte Putin laut Experten schon vor dem Ukraine-Krieg den Westen von russischem Gas abhängig machen. Putin habe beabsichtigt, „Europa mit einem Energiekrieg zur Unterwerfung zu zwingen, um zu verhindern, dass es sich mit der Ukraine solidarisch zeigt“, so Energieexperte Thomas O´Donnell im Mai 2024 zur Newsweek. „Zu seiner Überraschung ist dies nicht geschehen.“

Studien haben zudem gezeigt, dass Europa auch sehr gut ohne russisches Gas zurechtkommen würde. Laut einer Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts DIW vom Mai 2024 müsste der Westen sich sogar keine Sorgen um Gas-Engpässe machen, wenn der Import von russischem LNG betroffen wären. Selbst wenn die Gasnachfrage in der EU bis zum Jahr 2030 hoch bliebe, wäre ein vollständiger Verzicht auf russisches Erdgas möglich, heißt es. Auch Länder, die bislang abhängig von russischer Energie sind, wie Österreich und Ungarn, wären laut der Studie nicht auf Gas-Importe aus Russland angewiesen.

Sanktionen treffen Putin und Russlands Wirtschaft – hohe Verluste als Folge des Ukraine-Kriegs

Die russische Wirtschaft ist von den Folgen des Ukraine-Kriegs geschwächt. Die Sanktionen sorgten für massive Einbrüche im Energiesektor – selbst Putins wirtschaftliches Flagschiff Gazprom hat Verluste einbüßen müssen. Erstmals seit 1999 machte das russische Energieunternehmen laut russischen Medienberichten keine Gewinne und hat im vergangenen Jahr vergleichsweise weniger Gas exportiert. Im Jahr 2021 exportierte Gazprom noch über 174 Milliarden Kubikmeter Erdgas in europäische Länder. 2023 beliefen sich die Erdgaslieferungen von Gazprom nach Europa jedoch nur noch auf 28,3 Milliarden Kubikmeter, wie Berechnungen der Nachrichtenagentur Reuters zeigen (Stand Januar 2024).

Zudem hat Putin Probleme, Abnehmer für russisches Gas zu finden. Seit dem Beschluss der jüngsten EU-Sanktionen, die die Umladung von russischem LNG innerhalb der EU verbieten, muss Putin um sein LNG-Geschäft bangen. Denn es verlängern sich nicht nur die Transportzeiten. Ein bisheriger Abnehmer für russisches LNG will den Import nun deutlich erschweren. Wie das finnische Staatsunternehmen Gasum am 25. Juni 2024 in einer Mitteilung ankündigte, will das Unternehmen ab dem 26. Juli 2024 weder russisches LNG kaufen noch importieren.

Auch Russlands letzte Hoffnung, eine Gas-Pipeline nach China zu verlegen, wird gedämpft. Putins Bemühungen, mit China eine Vereinbarung für das Projekt „Power-of-Siberia-2-Pipeline“ auszuhandeln, gerät offenbar ins Stocken. (bohy)

Rubriklistenbild: © Alexei Druzhinin/dpa

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