Gastbeitrag von Ulrich Lange

Der „Automobilkollaps“ droht: „Unternehmen wie BMW beginnen bereits zu schwächeln“

VW ist zum Sorgenkind geworden – und auch Autobauer wie BMW schwächeln bereits, warnt CSU-Politiker Ulrich Lange. Er fordert im Gastbeitrag ein Umsteuern.

Von CSU-Verkehrspolitiker und MdB Ulrich Lange

VW ist vom starken zum kranken Mann der deutschen Automobilwirtschaft geworden. War der Autobauer mit seinen Zulieferern und Vertragshändlern einmal das industrielle Herzstück, ist er inzwischen ein Unternehmen, für das es um alles geht: um Standorte und Jobs, um technologische Führerschaft, um Ansehen und Käufer – und nicht zuletzt die Unterstützung durch die Politik.

In einem schleichenden Prozess haben verschiedene Krankmacher den Konzern über mehrere Jahre infiziert und an den Rand der Überlebensfähigkeit gebracht. Dazu gehören vor allem Unehrlichkeit, Vertrauensverlust und falsche strategische Entscheidungen in der Vergangenheit. Ihr Beginn reicht um die zehn Jahre zurück.

Erst der Abgasskandal, dann „Electric Only“: VW bleibt als einziger Auto-Hersteller dabei

Der Abgasskandal im Jahre 2014/2015 bildet einen zentralen Ausgangspunkt des Krankheitsverlaufs. Kunden und Behörden wurden von VW über Jahre bewusst getäuscht. 2015 kam der Betrug ans Licht und hat den VW-Konzern in die schwerste Krise seiner Geschichte gestürzt. Gekostet hat VW das bis heute nicht nur mehr als 32 Milliarden Euro, sondern auch das Vertrauen der Menschen in ihren bis dato geschätzten Autobauer.

Wahrscheinlich war das auch ein entscheidender Grund dafür, warum VW den Verbrennungs- und insbesondere den Diesel-Motor hinter sich lassen und ein neues Kapitel in seiner Produktionsgeschichte aufschlagen wollte. 2021 wurde bekanntgegeben, dass VW den letzten Verbrenner in Europa zwischen 2033 und 2035 vom Band laufen lassen will. In Norwegen sollten bereits ab 2024 nur noch vollelektrische Autos angeboten werden.

Der CSU-Parlamentarier Ulrich Lange sieht Probleme auf VW, BMW und Co. zukommen – im Gastbeitrag fordert er beherztes Umsteuern.

Damit war VW neben Mercedes der erste deutsche Automobilhersteller, der einen Kurswechsel zu „Electric only“ vorgab - und ist der bisher einzige, der bei diesem Kurs geblieben ist. Alle anderen deutschen Autohersteller setzen weiterhin auf die Gleichberechtigung von Verbrennern und E-Pkw und damit auf mehrere Standbeine. Denn in ihren Chefetagen ist ein neuer Realismus eingekehrt. Mercedes hat seine Strategie sogar zugunsten des Verbrenners wieder geändert.

VW, Mercedes, BMW, Audi produzieren E-Autos teurer als Tesla

Dass sich diese Abkehr von der Technologieoffenheit bei VW rächen könnte, hat in der Vorstandsetage wohl niemand bedacht. Dabei war dies unter den gegebenen Rahmenbedingungen abzusehen. Deutsche Autobauer stehen massiv unter Druck. Auf dem Markt für Elektromobilität ist ein scharfer Preiskampf zu erwarten. VW, Mercedes, BMW und Audi produzieren teurer als etwa Tesla.

Das führt dazu, dass E-Autos von deutschen Herstellern teurer angeboten werden müssen und damit an Attraktivität gegenüber ausländischen Herstellern einbüßen. Weiter befeuert wird das Preisproblem durch wachsende Konkurrenz aus China. Zwar dominieren chinesischen Hersteller noch nicht den deutschen Markt, aber Anbieter aus Fernost entdecken den deutschen E-Auto-Markt zunehmend für sich. Immer mehr chinesische E-Autos, die deutlich billiger sind als deutsche Fabrikate, strömen hierzulande auf den Markt.

Die Ampel-Koalition hat ein Förderchaos angerichtet

Aufgrund der Preise büßen deutsche E-Autos aber nicht nur gegenüber ihren ausländischen Pendants an Attraktivität ein, sondern auch gegenüber Autos mit Verbrennungsmotor. Auch VW hat nach wie vor kein günstiges E-Auto in der Angebotspalette. Besonders bitter: Ausgerechnet der Volkswagen-Konzern, der einst mit Käfer und Golf Kleinwagen baute, die sich praktisch alle leisten konnten, schafft es derzeit nicht, einen kostengünstigen Stromer auf die Straße zu bringen. Erst Anfang 2026 soll es ein E-Modell geben, das um die 25.000 Euro kostet. Dann könnte es aber zu spät sein.

Darüber hinaus besteht weiterhin eine Ungewissheit für den Fortbestand des Verbrennungsmotors. Nach über eineinhalb Jahren ist dank Ampel-Verkehrsminister Wissing noch immer ungewiss, ob der Verbrennungsmotor in Europa eine Zukunft hat oder nicht. Die Versprechen des Ministers, mit einer Regelung schnell für Klarheit zu sorgen, wurden bislang nicht gehalten. Auch die neue EU-Kommission hat sich noch nicht positioniert. Zudem hat die Ampel-Regierung in puncto Elektromobilität ein Förderchaos angerichtet und damit viele Kunden verunsichert. Die Umweltprämie wurde Ende 2023 über Nacht gestrichen.

Mit der Prämie hat die Ampel den E-Auto-Absatz befeuert, um ihn dann radikal einbrechen zu lassen. Eine weitere Ursache für die schwindende Attraktivität von Elektroautos liegt darin, dass Deutschland es verschlafen hat, sich strategisch auf den Übergang in die elektromobile Welt vorzubereiten. Es fehlen hier, aber auch in ganz Europa zum Beispiel massiv Rohstoffe. China hingegen ist dabei, sich für die elektromobile Welt zu perfektionieren. Es hat ganz gezielt eine Industrie entlang der gesamten Wertschöpfungskette aufgebaut und gefördert, angefangen von den Minen über die Veredlung der Rohstoffe bis hin zur Batteriezelle.

Automobil-Standort Deutschland: So kann es nicht weitergehen

Diese Entwicklungen zeigen: Wenn wir wollen, dass Deutschland weiterhin ein Standort für eine starke Automobilwirtschaft bleibt, kann es nicht so weitergehen wie bisher. Wir brauchen neue Lösungen. Finanzielle Staatshilfen oder eine Vier-Tage-Woche lehnen wir allerdings entschieden ab. Vielmehr halten wir es für entscheidend, die Rahmenbedingungen für die Unternehmen so zu setzen, dass sie aus eigener Kraft agieren können. Technologieoffenheit ist für uns das oberste Gebot.

Bei VW zeigt sich, dass es nicht erfolgreich ist, bestimmte Technologien zu verteufeln und Unternehmen damit dazu zu treiben, sich auf eine einzige Technologie festzulegen. Wir wollen deshalb, dass der Markt entscheidet, welche Technologie für die Beste gehalten wird. Zudem sehen wir es als essenziell an, Planungssicherheit und verlässliche Perspektiven für unsere Automobilunternehmen zu schaffen. Dazu gehört zum Beispiel, dass Klarheit auf europäischer Ebene zum Fortbestand des Verbrennungsmotors hergestellt wird.

Das bisherige Hin und Her muss ein Ende haben, denn es kann wie bei VW zu verfrühten technologischen Entscheidungen führen, die einem Unternehmen erhebliche Probleme machen. Individualförderprogramme wie Prämien für E-Autos halten wir nicht für zielführend. Wohin das führt, zeigt uns das Beispiel der Ampel-Umweltprämie. Auch sehen wir eine Wiederauflage der Abwrackprämie kritisch. Wir wollen ordnungspolitische Klarheit und Stetigkeit.

Problem für die Autobauer in Deutschland: Strom ist zu teuer

Dazu gehört zum Beispiel, dass wir eine Technologie wie die E-Mobilität voranbringen wollen, indem wir auf die richtige Infrastruktur setzen. Dazu gehören Straßen und Brücken, Schienen, Stromtrassen, H2- und CO2-Leitungen sowie der Ausbau der Lade- und H2-Tankinfrastruktur. Wichtig ist auch, dass die finanziellen Belastungen für unsere Unternehmen gesenkt werden. Dazu sollte die Unternehmenssteuerbelastung auf ein international wettbewerbsfähiges Niveau reduziert werden. Die hohe Steuerbelastung ist für die hiesigen Unternehmen ein Nachteil im weltweiten Wettbewerb und nimmt ihnen den Spielraum zur Finanzierung der für die Transformation wichtigen Investitionen.

Von Audi bis Jaguar: Diese Autos wurden 2024 bereits eingestellt

Renault Megane in Blau
Renault Mégane: Seit knapp 30 Jahren bauen die Franzosen den Kompaktwagen. Er ist damit ein absoluter Dauerbrenner. Doch für den Verbrenner ist nun Schluss! Die elektrische Version mit dem Namenszusatz E-Tech darf jedoch weiterleben. © Renault
Ein Renault Zoe.
Renault Zoe: Obwohl der Kleinwagen rein elektrisch unterwegs ist, sind seine Tage nach knapp zehn Jahren gezählt. Damals war der Zoe eines der ersten elektrischen Massenmodelle. In seine Fußstapfen tritt Ende des Jahres der 5. Damit verabschiedet Renault ein Modell und holt den Namen eines anderen sehr erfolgreichen Pkw wieder zurück. © Renault
Kia e-Soul.
Kia e-Soul: Und auch ein weiterer Wegbereiter der Elektromobilität verschwindet vom deutschen Markt. Und auch hier füllt ein anderes Modell die Lücke. Der Kia EV3 soll den e-Soul beerben. Die Gründe liegen auf der Hand: Der EV3 ist günstiger und bietet mehr Leistung als der e-Soul. Mit der veralteten Technologie und dem unkonventionellen Design war der e-Soul in Deutschland nie besonders beliebt. 2023 wurden lediglich 556 Einheiten in Deutschland verkauft. © Kia
Smart ForTwo EQ.
Smart ForTwo EQ: Der Abschied des Kleinstwagen kommt alles andere als unvorbereitet. Er ist die Folge der Neuausrichtung der Marke an sich. Nach 25 Jahren ist seit Ende März endgültig Schluss. Ein neuer Zweisitzer ist aber in Planung und könnte 2026 auf den Markt kommen. © Mercedes-Benz
Mitsubishi Space Star.
Mitsubishi Space Star: Mit dem Japaner stirbt ein weiterer Kleinwagen den Modelltod. Mitsubishi begründet das Aus des Space Star mit steigenden Anforderungen an Assistenzsysteme und Cybersicherheit. © Mitsubishi
Volvo S60
Volvo S60: Ein kompletter Abschied ist das eigentlich nicht. Denn der S60 soll ab 2025 in China und der Türkei weiter angeboten und gebaut werden. In Deutschland ist er dann jedoch nicht mehr erhältlich. Der Kombi V60 hingegen vermutlich schon. © Volvo
Ein Peugeot 508 Hybrid lädt an einer Wallbox
Peugeot 508: Und auch bei den Franzosen muss ein Mittelklassemodell gehen. Mit dem 508 trat Peugeot gegen den VW Passat und den Audi A4 an. Anfang 2023 spendierte man dem 508 noch einmal ein Facelift. Hier erwischt es neben der Limousine aber auch den Kombi. Diese gibt es schon jetzt nur noch als Plug-in-Hybride. Ende des Jahres ist dann Schluss. © Peugeot
Maserati Levante
Maserati Levante: Im Jahr 2016 war der Levante der erste SUV der Nobelmarke aus Italien. Sieben Jahre später heißt es frei nach Andrea Bocelli: Time to say Goodbye. Die Produktion lief bereits im März aus. Einen Nachfolger soll es ab 2027 geben. Natürlich rein elektrisch! © Maserati
Ein Jaguar F-Type.
Jaguar F-Type: Mit einem finalen Sondermodell schicken die Briten den Sportwagen in seinen wohlverdienten Ruhestand. Das letzte Exemplar wird im Markenmuseum ausgestellt. Doch auch andere Modellreihen werden nur noch abverkauft. Jaguar stellt nämlich konsequent auf Elektro um und verkauft vorerst keine Neuwagen mehr. © Jaguar
Audi R8
Audi R8: Sportwagen kann man auch in Ingolstadt. Das hat Audi mehrfach beweisen und mit dem R8 im GT-Bereich zahlreiche Rennen und Titel gewonnen. Und auch auf der normalen Straße war der Sportwagen eine Ikone. Im März 2024 verließen die letzten Exemplare die Manufaktur Böllinger Höfe in Heilbronn. Insgesamt wurde der R8 seit 2006 45.949 Mal gebaut.  © Audi

Zudem müssen wir für wettbewerbsfähige Strompreise sorgen. Dies gilt sowohl mit Blick auf die Produktion als auch mit Blick auf Verbraucher. Als zentraler Kostentreiber erweisen sich zunehmend die steigenden Netzentgelte. Was den Ladestrom anbelangt, halten wir eine Ausweitung der Senkung der Stromsteuer auf das europäische Mindestmaß auf Privatverbraucher für sinnvoll.

„Das Problem ist größer als VW“: Auch BMW und Co. beginnen bereits zu schwächeln

Eine wesentliche Bedeutung messen wir auch der Verringerung von Abhängigkeiten von ausländischen Bauteilen und Rohstoffen bei. Deshalb müssen wir unsere Energie- und Rohstoffpartnerschaften ausbauen. Gerade in den aktuellen Zeiten hoher geopolitischer Unsicherheiten ist es für Deutschland und die EU essenziell, solche Kooperationen auszubauen und neue Allianzen zu entwickeln. Damit wird sichergestellt, dass die heimische Produktion erhalten bleibt.

Zu guter Letzt müssen wir den freien Handel stärken. Dazu wollen wir den Abschluss von Freihandelsverträgen forcieren. Denn freier und fairer Marktzugang sowie der Abbau von tarifären und nichttarifären Hindernissen sind bei einer Exportquote von über 75 Prozent essenziell für die Automobilwirtschaft. Maßnahmen wie Zölle, die eine Protektionismusspirale in Gang setzen, halten wir nicht für den richtigen Ansatz.

Zeit zu verlieren gibt es nicht. Nur wenn diese Schritte schnell umgesetzt werden, kann verhindert werden, dass sich auch andere Teile unserer Automobilwirtschaft mit dem krankmachenden Virus anstecken, der VW ereilt hat. Erste Unternehmen wie BMW beginnen bereits zu schwächeln. Nur wenn das Virus schnell eingedämmt wird, lässt sich ein Automobilkollaps verhindern. Und die Folgen für unsere Volkswirtschaft wären nicht auszudenken – das Problem ist größer als VW!

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