- VonHannes Kochschließen
Viele Unternehmen in Deutschland arbeiten an Künstliche-Intelligenz-Programmen. So einflussreich wie Chat-GPT ist aber keines von ihnen. Das liegt auch am mangelnden Geld.
Trump steht und hebt die Faust, nachdem er den Mordanschlag im Juli 2024 knapp überlebt hat. Die Leibwächter drumherum machen amüsierte Gesichter. Ist dieses Foto Wahrheit oder Fälschung? Ein KI-Programm findet es schnell heraus. In diesem Fall stammt die Künstliche-Intelligenz-Software aus Deutschland – und mal nicht aus den USA oder China.
Um die Frage zu beantworten, sucht das Programm zum Beispiel weitere Fotos vom Attentat im Internet, vergleicht sie, prüft die Aufnahme-, Bearbeitungsdaten, Quellen und präsentiert die Ergebnisse auf einer übersichtlichen Seite. Das ist eine große Hilfe für Journalistinnen und Journalisten, die schnell die Echtheit von Fotos kontrollieren müssen. Das Ergebnis lautet: „Fake“. Denn auf dem fraglichen Foto wurden die freudigen Gesichter manipuliert und Personen hinzugefügt, die tatsächlich nicht da waren.
Gretchen AI („Artificial Intelligence“) heißt die Firma, die das Programm entwickelt. Inspiriert von Goethes Faust soll es Gretchen-Fragen beantworten wie „Lüge oder Wirklichkeit?“. Ende 2025 ist dann wohl das Journalistenprodukt zur Erkennung von schwer zu erkennenden Desinformationen (deepfakes) marktreif. „Aber unsere Technik kann man auch für weitere Zwecke verwenden“, sagt Co-Gründer Tim Polzehl. Gelingt es zum Beispiel dem Kunden eines Internetanbieters nicht, seinen neuen Rooter anzuschließen, könnte die jeweilige Firmen-Hotline anhand eines hochgeladenen Fotos automatisiert feststellen, dass das Datenkabel in der falschen Buchse steckt.
Komplett selbst ausgedacht hat sich die Firma ihr Programm nicht. Es ist abgeleitet von sogenannten Großen Sprachmodellen aus den USA, die ähnlich wie ChatGPT selbstständig sinnvolle Texte produzieren können.
Auf dieser Grundlage entstand mittels einer speziell trainierten Datenarchitektur ein kleineres Expertenmodell. Damit stellen sich weitere Gretchen-Fragen: Warum kommen diese Großen Sprachmodelle aus den USA oder China, nicht aber aus Europa? Angesichts der wirtschaftlichen und politischen Neuaufteilung der Welt könnte Letzteres durchaus Vorteile für die ökonomische Unabhängigkeit bieten.
Zu wenig Rechenkapazität
Bei der Suche nach Antworten hilft das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) mit seiner Niederlassung am Berliner Spreeufer. Als Expertin für maschinelles Lernen braucht DFKI-Forscherin Vera Schmitt bei ihrer Arbeit immer wieder extrem leistungsstarke Computer. Deshalb kooperiert sie oft mit dem ebenfalls vorwiegend staatlich finanzierten Forschungszentrum Jülich. „Dort muss man die Nutzung von Rechenleistung allerdings beantragen“, berichtet Schmitt.
Die Nutzungszeiten sind beschränkt. Klappt irgendetwas nicht, kann es beim neuen Antrag zu Wartezeiten kommen. Das Rechenzentrum Jülich ist technisch zwar auf modernstem Stand, seine Rechenkapazität aber oft ausgebucht, weil es so viele Forschende nutzen wollen.
Um bei der Künstlichen Intelligenz mithalten zu können, mangelt es in Deutschland anscheinend an Rechenkapazität, nicht nur in den teilweise öffentlich bezahlten Einrichtungen. Auch die Datenzentren von Unternehmen weisen eine deutlich geringe Rechenleistung auf, als sie Forschenden und Entwickler:innen in den USA und China zur Verfügung steht.
Der Grund dafür? „Hierzulande fehlt es oft an Kapital“, sagt Andreas Schepers, Sprecher des DFKI in Berlin. Bevor ein Unternehmen ein Programm wie ChatGPT auf die Welt loslässt, sind Milliarden Dollar in Entwicklung, Rechnerleistung und Datentraining geflossen. Diese großen Summen investieren Kapitalgeber in den USA offenbar eher als Finanziers in Europa. Hier reichen die Mittel nur für kleinere Modelle und Programme, die Spezialaufgaben erledigen, etwa die Deepfake-Erkennung von Gretchen. Jörg Bienert, Vorstand des KI-Bundesverbands, teilt die Analyse. „In den USA stehen KI-Unternehmen mehr Kapital und Rechnerleistung zur Verfügung.“ Seiner Einschätzung nach „hat das teilweise mit der mangelnden Risikobereitschaft europäischer Investoren zu tun“.
Trotz des Rückstandes gegenüber den USA und neuerdings auch China arbeiten hierzulande aber hunderte, wahrscheinlich tausende kleine und mittlere Unternehmen, die von modernen KI-Produkten gut leben. Zum Beispiel die Merantix Gruppe in Berlin, die unter anderem als Investor, Entwickler und Beratungsfirma agiert.
Fokus auf Spezialanwendungen
In der weitläufigen Besprechungsetage, wo sich die Sitzgruppen zwischen großen, grünen Pflanzeninseln verstecken, erklärt Medizin-Informatiker Thomas Wollmann ein Beispiel-Projekt. Für das Pharma-Unternehmen Boehringer Ingelheim entwickelte Merantix ein KI-Programm, das stundenlange Videos von Mäusen auf deren Verhalten hin analysiert, nachdem diesen Wirkstoffe für neue Arzneimittel verabreicht wurden. „Der KI-Algorithmus kann manche Aufgaben schnell und gut erledigen und den Menschen massiv unterstützen“, sagt Wollmann. Für ihn zeigt das auch, wie europäische Unternehmen mit KI umgehen. Sie interessierten sich besonders für „spezielle Endanwendungen, und nicht nur für breite Grundlagen-Technologien“.
KI-Verbandsvorstand Bienert, der auch Partner bei der Merantix-Tochter Momentum ist, betrachtet eine solche Haltung allerdings skeptisch. „Dass europäische Unternehmen keine großen KI-Modelle entwerfen und mit Spezialanwendungen Geld verdienen wollen, halte ich für eine Ausrede und einen Fehler.“ Denn die großen Modelle seien „die Basis für die nächsten Schritte, etwa die humanoide Robotik“ – Maschinen, die menschliche Bewegungen und Verhaltensweisen kopieren. „Europa braucht so etwas wie ein Airbus-Projekt für die KI“, fordert Bienert.