Arbeitsmarkts-Experte und Verdi-Gewerkschafterin

Wie Künstliche Intelligenz die Arbeitswelt verändert

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Viele Jobs könnten sich durch den Einsatz von KI-Technik enorm verändern.
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Künstliche Intelligenz könnte viele Jobs verändern, einige ersetzen. Trotzdem wird sie nicht zu mehr Arbeitslosigkeit führen, glauben Experten.

300 Millionen Arbeitsplätze könnte Künstliche Intelligenz ersetzen, sagt die Bank Goldman Sachs. Und bei 19 Prozent der US-Arbeitnehmer könnte die Hälfte ihrer Aufgaben von KI übernommen werden, sagen die ChatGPT-Entwickler von OpenAI. Studien wie diese lassen erwarten, dass Experten hysterisch vor KI-Technik warnen müssten. Spricht man aber mit zwei von ihnen, wirken sie ziemlich entspannt.

Da ist Verdi-Gewerkschafterin Nadine Müller, die sagt: „Ich habe Kontakt zu Kollegen und Vertretern aus Firmen in ganz Deutschland – und kenne keine Fälle, in denen neue KI-Technik absehbar ganze Berufe ersetzt.“ Und Oliver Stettes vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln: „Wir Forscher können bislang nicht feststellen, dass weniger Menschen Arbeit haben werden, weil es KI-Technologie gibt.“

Ki birgt viele Chancen – aber auch Risiken

Kann also Entwarnung gegeben werden? Nein, sagen beide, der Einsatz von KI berge Chancen, aber auch Risiken. Was am Ende schwerer wiegt, hängt demnach von vielen Faktoren ab.

Insgesamt, mit Blick auf den gesamten Arbeitsmarkt, mag die KI vielleicht nicht zu weniger Stellen führen. Für den Einzelnen aber ist die Sorge vor Jobverlust teilweise aber durchaus gerechtfertigt. Auch wenn vielleicht keine ganzen Berufe wegfallen: „Innerhalb der Berufe sind bereits einige Arten von Tätigkeiten oder auch Stellen weniger wichtig geworden – und könnten in der Tat irgendwann ersetzt werden“, sagt Müller von Verdi.

Routineaufgaben kann die KI künftig übernehmen

Viele Jobs könnten sich zudem enorm verändern. „In vielen Segmenten, bei vielen Arbeitsschritten und Aufgabengebieten, könnten neue Kompetenzen gefordert sein“, sagt Stettes. Und diesen Veränderungen kann sich diesmal wohl kaum jemand entziehen. Bei bisherigen Umwälzungen in der Arbeitswelt waren vor allem Menschen mit Routineaufgaben von Veränderungen betroffen. Beispiele sind die Robotisierung in den Fabriken oder die bisherige Computerisierung. „Nun könnte sich auch für hochqualifizierte Wissensarbeiter etwas verändern“, sagt Stettes. „Auch sie müssen sich auf die Nutzungsmöglichkeiten der KI-Technik einstellen.“

Immer wieder gibt es Studien dazu, welche Jobs am stärksten von technischen Entwicklungen betroffen sein könnten. Welche Konsequenzen für die Beschäftigung daraus folgen, so Stettes, lasse sich daraus aber noch nicht ableiten.

Ein Beispiel: Der sogenannte „Job-Futuromat“ des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gibt an, dass theoretisch 100 Prozent der Aufgaben eines Chemikanten durch digitale Technik automatisiert werden könnten. „Wenn man mit Firmen spricht, merkt man jedoch: Der Bedarf an Fachkräften in diesem Bereich wird auch in der Zukunft zentral sein“, sagt Stettes. Der Beruf werde sich weiterentwickeln, statt zu verschwinden. „Das Aufgabenprofil der Chemikanten ändert sich.“

Diese Jobs könnten sich durch KI verändern

Immerhin lässt sich jedoch grob einordnen, welche Berufsbereiche besonders stark von der KI betroffen sein könnten. „Besonders effektiv ist KI-Technik zum Beispiel, wenn es darum geht, Prozesse zu optimieren, früh Fehler zu finden, oder Routineaufgaben im Büro zu übernehmen“, sagt Stettes. So könnten etwa Buchhalter oder Software-Ingenieure in Zukunft anders arbeiten.

Wie kommt dieser Eisbär in die Wüste? Erstellung von KI-Bildern einfach erklärt

Ein Eisbär läuft durch die glühend heiße Sahara.
Eine Fotomontage ist oft dann gut, wenn man ihre Echtheit auf den ersten Blick nicht anzweifelt – egal wie absurd ist, was sie zeigt. Weil Schatten, Reflexionen, Proportionen perfekt passen. So wirkt auch dieser Eisbär für eine Sekunde unverdächtig. Dabei läuft er durch eine Wüste. Wäre das Bild eine Fotomontage, sie könnte also als gelungen gelten. Doch es ist keine. Eine Künstliche Intelligenz (KI) hat es generiert, innerhalb von Sekunden. © Maximilian Litzka/Midjourney (maschinell erstellt*)
Ein majestätisches Nashorn stürmt durch einen verschneiten Kiefernwald und kontrastiert mit seiner kraftvollen Präsenz mit der ruhigen Winterlandschaft.
Natürlich hat die KI das nicht alleine gemacht. Ein Gestalter musste ihr erstmal sagen, was sie machen soll. Genau wie bei diesem Werk: ein Nashorn im Schnee. Dafür muss der Gestalter sich viel Zeit nehmen. Damit das Ergebnis so gut wird, braucht die Person, die die KI bedient, Erfahrungswerte. Doch programmieren können muss sie dafür nicht, ein Technik-Profi braucht sie auch nicht zu sein. In ganzen Sätzen hat sie der KI eine Art Arbeitsauftrag geschrieben, der genau ausführt, wie das Bild aussehen soll. © Maximilian Litzka/Midjourney (maschinell erstellt*)
Eine majestätische Waran sitzt majestätisch auf einem verwitterten Stein inmitten einer atemberaubenden Alpenlandschaft in den leuchtenden Farben des Frühlings.
Auch Sie können das ausprobieren. Dafür müssen Sie sich bei einem KI-Bildgenerator anmelden. Dazu, welche es gibt, kommen wir gleich. Dann können Sie drauflosschreiben – und den Text so lange ausbessern, bis Ihnen die Bilder gefallen, die ausgespuckt werden. Für ein solches Bild könnten Sie etwas schreiben wie: „Ein Waran sitzt vor einer Berglandschaft auf einem Stein. Der Stil ist realistisch. Neugierig soll er nach links blicken.“ Diesen Text nennt man Prompt. © Maximilian Litzka/Midjourney (maschinell erstellt*)
Ein majestätisches Pferd galoppiert in einer Unterwasserwelt aus leuchtenden Korallen und bewegt sich anmutig durch die Tiefen des Ozeans.
Sie fragen sich nun sicher: Wie funktioniert diese Technik? Zuerst einmal muss die KI lernen – anhand einer Datenmenge, die unvorstellbar groß ist und aus dem Internet stammt. Die KI erkennt Muster in ihr. Bilder erzeugen kann sie dann, indem sie diese gelernten Muster reproduziert. © Nicolas Bruckmann/Midjourney (maschinell erstellt*)
Ein majestätischer Weißer Hai ist in einem kleinen Fischglas eingesperrt, seine immense Kraft wird durch die Glaswände, die ihn umgeben, eingeschränkt.
Doch wie geht die KI vor, um Sätze, die wir ihr geben, zu Bildern zu machen? Sie nimmt einen Satz und verwandelt ihn in eine Art Code. Diesen versteht sie besser, als normale Wörter. Dann nimmt sie diesen Code und wandelt ihn in eine Reihe von Anweisungen um. Die sagen, was das Bild zeigen soll. Nun folgt die KI diesen Anweisungen und generiert ein Bild: zum Beispiel das eines Hais, der in einem Goldfischglas herumschwimmt, mitten im heimischen Wohnzimmer. © Maximilian Litzka/Midjourney (maschinell erstellt*)
Ein Wildschwein liegt auf einem hohen Ast inmitten eines leuchtend grünen Baumes und demonstriert dabei seine Anpassungsfähigkeit.
Und wie funktioniert dieser letzte Schritt, das Generieren des Bildes? Dafür gibt es verschiedene Techniken. Eine besonders wichtige heißt Diffusionsmodell. So wird das trainiert: Einem Bild werden nach und nach immer mehr Farbflecken hinzugefügt, bis es kaum noch zu erkennen ist. Dabei lernt die KI. Danach beherrscht sie das umgekehrte Vorgehen: Sie nimmt ein chaotisches Farbfleck-Gewusel und entfernt diesmal nach und nach Flecken, bis ein sinnvolles Bild entsteht. © Nicolas Bruckmann/Midjourney (maschinell erstellt*)
Eine Kuh steht in türkis schimmerndem Wasser an einem paradiesischen Strand.
Nun können Menschen mithilfe der KI kreative Werke erstellen – wie diese Kuh im Wasser. Für alle Bilder in dieser Fotogalerie kam das Programm Midjourney zum Einsatz. Es kann besonders realistische Ergebnisse erstellen – aber ist auch recht kompliziert zu bedienen. Das Programm Stable Diffusion soll die größte Flexibilität bei der Gestaltung bieten. Und Dall-e 2 von OpenAI ist besonders benutzerfreundlich, auch wenn die Bilder oft eher einfach gehalten sind. © Maximilian Litzka/Midjourney (maschinell erstellt*)
Eine Giraffe ist umgeben vom Meer und Eisbergen in der Arktis.
Aller Faszination zum Trotz: Die Programme haben auch Schattenseiten. Sie können nicht nur benutzt werden, um Kunstwerke wie diese Giraffe in der Arktis zu schaffen. Mit ihnen können auch täuschend echte Bildfälschungen generiert werden. Kritiker sorgen sich, dass so Fake News gestreut werden. Letztens spukte etwa ein Bild durchs Internet, das viele für echt hielten: Es zeigte Papst Franziskus mit einer extravaganten weißen Daunenjacke, die es gar nicht gibt. © Maximilian Litzka/Midjourney (maschinell erstellt*)
Ein Oktopus klammert sich an einen verwitterten Stein in der Weite einer kargen, heißen Wüste.
Ein weiteres Problem ist, dass die KI mit Texten und Bildern übt, die aus dem Internet stammen. Und im Internet gibt es eben nicht nur richtige Informationen und besonnene Äußerungen, sondern auch unzählige problematische Inhalte. So gab es schon viele Fälle, in denen KI-Bildgeneratoren Vorurteile weitergegeben haben. KIs neigen laut zahlreicher Berichte dazu, Akademiker als weiße Menschen darzustellen, Gefängnisinsassen hingegen seltener. © Maximilian Litzka/Midjourney (maschinell erstellt*)
Ein Elefant läuft selbstbewusst über den schwelenden Vulkanrand, während Lava ausbricht, aus der Vogelperspektive aus der Ferne fotografiert.
So ist es mit den Bilder-KIs, wie mit beinahe allem auf der Welt: Mit ihnen kann großer Schaden angerichtet werden. Aber sie haben auch Vorteile. Ihre Ergebnisse sind mitunter beeindruckend. So sehr, dass der deutsche Fotograf Boris Eldagsen sogar den Sony World Photography Award gewonnen hat – mit einem KI-Bild, das wie eine Fotografie aussieht. Den Preis hat er nicht angenommen. Aber wer weiß, vielleicht hat ja auch dieses Werk mit einem Elefanten auf Lavagestein Preis-Potential. © Nicolas Bruckmann/Midjourney (maschinell erstellt*)

In vielen Berufen würde kreative Arbeit weiterhin gebraucht, während standardisierte Aufgaben eher von Computern übernommen werden. Etwa im Bereich der Übersetzung ist das schon heute oft so, sagt Müller von Verdi. Menschen, die etwa Gebrauchsanweisungen übersetzen, seien künftig wohl weniger gefragt. „Aber Übersetzer, die sich komplexen Fachtexten oder kreativer Literatur widmen, werden sicherlich weiterhin gesucht.“ Außerdem bräuchte es Menschen, die Korrektur lesen. Denn die KI macht oft Fehler.

Ähnlich ist es mit Arbeitnehmern, die viel mit Menschen interagieren. „Etwa Ärzten kann die KI helfen, Datenmengen zu analysieren, Diagnosen zu stellen, Therapien vorzuschlagen“, sagt Stettes. Der Mensch werde sich aber nicht ersetzen lassen. „Kreativität und Empathie kann die KI nicht.“

Wie die KI sogar mehr Jobs schaffen kann

Auch wenn sich die Technik sehr schnell entwickelt: Es dauert oft lange, bis sie auch wirklich eingesetzt wird. „So bleiben Unternehmen und den Mitarbeitern Zeit, sich auf neue Aufgaben einzustellen“, sagt der Experte. Es sei eher eine Evolution als eine Revolution auf dem Arbeitsmarkt.

Technologischer Fortschritt habe in der Geschichte zu mehr Wohlstand und Arbeit geführt: In der industriellen Revolution ersetzten Maschinen zwar Handarbeit, schufen aber Jobs in Fabriken. Mit der Automatisierung der Landwirtschaft wurden Arbeitskräfte von den Feldern verdrängt – sie fanden jedoch oft neue Beschäftigung in der Industrie und im Dienstleistungssektor. Auch in der Ära des Computers gingen mancherorts Arbeitsplätze verloren. Aber anderswo entstanden unzählige neue Stellen und es entwickelten sich neue Berufsfelder. „Auch die KI kann die Produktivität steigern, zu Wirtschaftswachstum und damit mehr Jobs beitragen“, sagt Stettes.

Insgesamt macht der Experte Hoffnung: „Wo Technologien menschliche Arbeit ersetzen, bedeutet das für die Betroffenen nicht zwingend, arbeitslos zu werden.“ Sie übernehmen andere Aufgaben in ihrer Firma, wechseln den Arbeitgeber oder Beruf. Vieles kann sich jedoch noch ändern. Es ist wichtig, dass Unternehmer, Arbeitnehmer, Forschung und Politik rechtzeitig handeln“, sagt Stettes. „Dann könnten die Vorteile sogar überwiegen.“

So oder so glaubt der Experte: „Die Gesellschaft wird immer älter, Fachkräfte fehlen überall.“ Die KI werde deshalb kaum jemandem Jobs wegnehmen, sondern könne helfen, Beschäftigungslücken zu füllen.

So könnte die KI in der Arbeitswelt mehr nützen als schaden

Vieles kann sich jedoch schnell ändern, je nachdem, welche technischen Entwicklungen es gibt. „Deshalb ist es wichtig, dass Unternehmer, Arbeitnehmer, Forschung und Politik rechtzeitig handeln“, sagt Stettes. „Dann könnten die Vorteile sogar überwiegen.“

Und wie soll das gelingen? „Arbeitgeber sind in der Pflicht, ihre Belegschaften in den Prozess einzubinden“, sagt Müller. „Sie müssen Arbeitnehmer weiterbilden.“ Sie fordert, dass Unternehmen Interessenvertretungen mehr mitnehmen. „Die Mitarbeiter sollen mitentscheiden können, welche KI-Technik in der Firma eingesetzt werden soll. Denn sie kennen die Prozesse.“ Dass Betriebsräte bei technologischen Neuerungen Mitsprache haben, sagt Stettes, sei ohnehin im Betriebsverfassungsrecht umfassend geregelt: „Auch der Begriff KI findet hier explizit Erwähnung.“ Aber: „Die Frage, ob eine technologische Neuerung eingeführt wird, bleibt am Ende immer eine unternehmerische Entscheidung.“

Und auch Arbeitnehmer müssten anpacken, sagt Stettes: „Bis zum Ende der Berufstätigkeit muss man sich jederzeit weiterbilden.“ Natürlich benötigten sie hierbei auch Unterstützung. „Ob aber die vorhandenen Förderstrukturen und -instrumente hier der Weisheit letzter Schluss sind – eher fraglich.“ Ein Beispiel sei das Qualifizierungsgeld, das zuletzt viel diskutiert wurde.

Am Ende, sagt Müller, sei eines besonders wichtig: Alle müssten aktiv dafür sorgen, dass KI-Systeme „nur zum Einsatz kommen, wenn sie mehr nutzen als schaden.“ KI sei kein Selbstzweck.

Damit das gelingt, so scheint es, muss die Gesellschaft noch viel ausprobieren, immer wieder nachbessern: Die Gewerkschafterin erzählt von einer Firma, die Lastfahrzeuge auf Teilen ihres Fabrikgeländes durch selbstfahrende Fahrzeuge ersetzt hat. Das habe aber nicht gut mit den Wegen und Abläufen der Beschäftigten harmoniert, die Autos seien zu langsam. „Sie wurden bereits reduziert und werden vermutlich abgeschafft“, sagt sie. Hier bleiben erstmal die Menschen am Steuer.

*Dieses Bild wurde mithilfe maschineller Unterstützung erstellt. Dafür wurde ein Text-to-Image-Modell genutzt. Auswahl des Modells, Entwicklung der Modell-Anweisungen sowie finale Bearbeitung des Bildes: Art Director Nicolas Bruckmann.

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