Krankenhausreform

Lage in Krankenhäusern „dramatisch wie noch nie“: Jede sechste DRK-Klinik insolvent

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Die Ampel-Krankenhausreform will die Finanzierung der Krankenhäuser ändern und Insolvenzen damit verhindern. Doch einige Kliniken rutschen nun erst recht in die Pleite. Experten warnen vor einer Verschlechterung der Lage.

Berlin – Die Lage in deutsche Krankenhäusern ist dramatisch. Bereits sechs der 38 Krankenhäuser in Trägerschaft des Roten Kreuzes sind insolvent. Von den Insolvenzen betroffen seien fünf Standorte in Rheinland-Pfalz und einer in Hessen. Im vergangenen Jahr traf es bereits ein Krankenhaus in Bayern und Baden-Württemberg. In den kommenden Jahren könnten weitere Krankenhäuser von gemeinnützigen Trägern in Schieflage geraten. „Auch bei anderen Einrichtungen ist die finanzielle Lage sehr schwierig“, warnt Präsidentin des Deutschen Roten Kreuzes, Gerda Hasselfeldt, in der Neuen Osnabrücker Zeitung.

Die DRK-Präsidentin kritisiert die Krankenhausreform von Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD). „Ausgerechnet den Häusern, die strikt gemeinwohlorientiert sind, droht als Erstes das Aus“, sagte Hasselfeldt. Nach Meinung der DRK-Präsidentin fehle es bei der Ampel-Reform an finanziellen Übergangsregelungen. „Nicht einmal Kostensteigerungen aus der Inflation werden abgedeckt“, monierte sie. Freie Träger müssten Überschüsse direkt wieder einsetzen und nur begrenzt Rücklagen bilden. Privat und kommunal geführte Häuser hätten da mehr Sicherheit.

Weitere Insolvenzen drohen: Wirtschaftliche Lage in Krankenhäusern so schlimm wie seit 20 Jahren nicht mehr

Seit Einführung der Fallpauschale ist die wirtschaftliche Situation in Krankenhäuser so besorgniserregend wie seit langem nicht mehr. Laut DKI-Krankenhaus-Barometer erreichte der Anteil der Kliniken mit Problemen 2024 einen Höchststand von 80 Prozent. 79 Prozent der Krankenhäuser gingen mit einem negativen Jahresergebnis aus dem Jahr heraus. Für 2025 rechnen zwei Drittel der Krankenhäuser mit einer Verschlechterung. Preissteigerungen bei den Personal- und Sachkosten machen Kliniken demnach besonders zu schaffen. Das aktuelle Defizit wird auf über 14 Milliarden Euro beziffert.

„Die Lage der deutschen Krankenhäuser ist so dramatisch wie noch nie“, erklärte auch Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), der Augsburger Allgemeinen. Abteilungen würden geschlossen, Personal eingespart und Standorte aufgegeben. Besonders seien kleineren Häuser in ländlichen Regionen unter 300 Betten betroffen. Nun müssten Krankenhäuser „knallhart“ betriebswirtschaftlich kalkulieren und große Verlustbringer abstoßen. Für Patienten hieße das, „eine schlechtere Versorgung in ihrer Nähe“, so Gaß. Man erlebe „bereits jetzt den Beginn der Wartelistenmedizin“.

Die Krankenhausreform führt zu mehr Insolvenzen bei Geimnwohlkliniken. (Symbolbild).

Lauterbachs Krankenhausreform: Verluste durch neues Finanzierungssystem

Lauterbachs Krankenhausreform ist am 1. Januar 2025 in Kraft getreten. Sie hat zum Zweck, die Fallpauschale durch Vergütungen mit Leistungsangeboten, also beispielsweise Personal, eine Notaufnahme oder notwendiger Medizintechnik, zu ersetzen. Auf dem Land sollen Krankenhäuser als „sektorenübergreifende Versorgungseinrichtung“ stärker ambulant tätig werden. Die Grundidee besteht darin, weniger Standorte, aber bessere Versorgung anzubieten.

Durch die Behandlung von immer mehr Patienten lag enormer Druck auf Kliniken. Patienten verließen Krankenhäuser schneller, Behandlungen wurden damit abgekürzt. Die Finanzierung mittels der sogenannte Mindestvorhaltezahlen soll die Fallpauschalen auf 40 Prozent senken, während 60 Prozent über das Leistungsangebot fließen. Kliniken sollen so dauerhaft Plätze für bestimmte Behandlungen bereithalten und somit die regionale Versorgung sicherstellen.

Laut Berechnungen einer Vebeto-Analyse würden durch die neuen Finanzierungsregelungen jedoch für viele Kliniken Einnahmen von bis zu 30 Prozent wegfallen. Aus der Simulation geht hervor, dass bei nicht Erreichung der Mindestvorhaltezahl an Betten, Personal und Geräten bei einer bestimmten Behandlung das Krankenhaus im darauffolgenden Jahr die Finanzierung durch die „Vorhaltepauschalen“ verliert. Damit würde nach Angaben der Deutsche Krankenhausgesellschaft die Planungssicherheit Krankenhäuser beeinträchtigt werden.

DKG-Chef schlägt Alarm: Dringende Entbürokratisierung benötigt

Der DKG-Chef hob besonders auch die bürokratische Belastung hervor. Laut einer Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) verbringen Krankenhausärzte in deutschen Allgemeinkranken­häuser durchschnittlich knapp drei Stunden mit Doku­mentations­tätigkeiten. Für Pflegekräfte ergibt sich ein Wert von 2,7 Stunden pro Arbeitstag. Bei einer 40-Stunde-Woche sind fallen demnach 39 Prozent der Arbeitszeit auf Bürokratie. „Die Bürokratie allein im ärztlichen Bereich kostet Deutschland so viel wie 60.000 volle Klinikarztstellen“, so Gaß. 

Wegen des neuen Medizinforschungsgesetzes müsste ärztliches Personal minutengenau einzelnen Patienten und sogenannten Leistungsgruppen zuzuordnen. „Ärzte müssen also dokumentieren, wie lange sie bei welchem Patienten waren – sogar in Mehrbettzimmern. Diese Regelung ist absurd“, beschwert sich der DKG-Vorstandsvorsitzende. Durch den Abbau von Dokumentationspflichten könnte dem Fachkräftemangel entgegengewirkt werden. „Mit nur einer Stunde weniger Dokumentationsaufgaben hätten wir bundesweit über 20.000 Ärzte und fast 50.000 Pflegekräfte mehr, die sich um Patienten kümmern könnten“.

Rubriklistenbild: © IMAGO / Bihlmayerfotografie

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