Interview

Das Verbrenner-Aus für Zigaretten: Das sind die Pläne von Philip Morris

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Der Zigarettenhersteller Philip Morris plant das Ende der Marlboro-Zigaretten. (Symbolbild)
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Philip Morris, einer der größten Tabak-Konzerne der Welt, will aus dem Zigaretten-Geschäft aussteigen. Ippen.Media spricht mit dem Unternehmen über seine Pläne.

München – Beliebte Zigarettenmarken wie Marlboro und L&M stehen vor dem Aus: Philip Morris, einer der größten Tabakkonzerne der Welt, zu dem diese Marken gehören, will aus dem Zigaretten-Geschäft aussteigen. Jedenfalls aus dem Geschäft mit den schädlichen Verbrennungs-Zigaretten, mit denen Morris nach wie vor Milliardenumsätze macht. Stattdessen investiert der Konzern Milliarden in Alternativen, wie etwa den Tabakerhitzer Iqos. Eine Image-Politur angesichts der Millionen Todesfälle jährlich durch das Tabakrauchen?

Philip Morris will aus dem Geschäft mit den Verbrennungszigaretten aussteigen

Das Ziel hatte der Konzern-Chef mit markigen Worten bekannt gegeben: „Zigaretten gehören ins Museum“ sagte Jacek Olczak, CEO von Philip Morris International (PMI), bei einer Rede Ende Mai. Ganz uneigennützig ist der Konzern mit der ungewöhnlichen Strategie aber nicht: Augenscheinlich will man einer Entwicklung zuvorkommen, die schon länger vermehrt um sich greift. Immer mehr Länder setzen immer striktere Rauchverbote um und wollen sogar komplett „rauchfrei“ werden. Zudem dürfte eine inzwischen wieder aufgehobene Verurteilung vor einem US-Gericht zu Schadenersatzzahlungen an krebskranke Raucher in Milliardenhöhe den Konzern aufgeschreckt haben.

Doch noch ist die von vielen Ländern angestrebte „rauchfreie Zukunft“ weit entfernt – auch in Deutschland gibt es nach wie vor Millionen Raucher. Jährlich sterben laut Gesundheitsministerium hierzulande über 127.000 Menschen an den Folgen des Tabakkonsums. Besorgniserregend: Gerade steigt die Raucherquote in Deutschland wieder. Wie passt die Konzernstrategie von Philip Morris in diese Situation?

Die Raucherquote in Deutschland steigt – wird Aufklärung wieder wichtiger?

Ippen.Media hat darüber mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten des Landes Schleswig-Holstein Torsten Albig, jetzt Lobbyist und Director External Affairs und Mitglied der Geschäftsleitung Philip Morris Deutschland, sowie Dr. Alexander Nussbaum, Leiter Scientific & Medical Affairs, gesprochen.

Der ehemalige Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein Torsten Albig, Director External Affairs und Mitglied der Geschäftsleitung Philip Morris Deutschland
Herr Albig, Herr Nussbaum, Sie sind beide Nichtraucher. Herr Nussbaum war zudem in der Krebsforschung tätig, warum haben Sie sich dann entschlossen für Philip Morris zu arbeiten – einen Tabakkonzern?
Albig: Auch wenn ich selbst noch nie in meinem Leben geraucht habe, so habe ich die gesundheitlichen Folgen des Rauchens bei nahen Verwandten miterlebt. Sie haben den Rauchstopp zwar mehrmals versucht, aber wie so viele andere Raucher und Raucherinnen nie vollständig damit aufgehört. Alternativen wie Tabakerhitzer und E-Zigaretten gab es da leider noch nicht, die einen Umstieg ermöglicht hätten. Es ist mir entsprechend ein Anliegen, mit allen Parteien in den Dialog zu treten, von Politik, Wirtschaft über Medien bis hin zu den Konsumenten und damit den Weg in eine rauchfreie Zukunft zu gestalten.
Nussbaum: Ich bin zu Philip Morris gekommen, um die Firma zu unterstützen, so schnell wie möglich von der Zigarette wegzukommen. Zigaretten sind schädlich. Man sollte am besten niemals anfangen zu rauchen oder sofort damit aufhören. Das wäre die Idealvorstellung. Aber dann gibt es eben auch die Lebenswirklichkeit. Ich habe mich schließlich gefragt, ob es nicht bessere Ansätze gibt als reine Laborforschung und realisiert, wie viel man auch mit Prävention erreichen kann. Hier ist gute Wissenschaftskommunikation gefragt, die eine große Leidenschaft von mir ist. Und beim Thema Rauchen ist noch viel Aufklärung nötig in Deutschland, wo die Mehrheit der Raucher nicht informiert ist über die besten Methoden zum Rauchstopp oder auch die besten Alternativen anstelle des Weiterrauchens, wenn das Aufhören keine Option ist.
Dr. Alexander Nussbaum, Leiter Scientific & Medical Affairs Philip Morris Deutschland

Raucherquote in Deutschland

Die Raucherquote in Deutschland liegt laut der repräsentativen Debra-Studie („Deutsche Befragung zum Rauchverhalten“) wieder bei fast 33 Prozent der Menschen über 14 Jahre. Zum Vergleich: Vor der Pandemie lag der Anteil der Raucher noch bei etwa 27 Prozent.

Der Prozentsatz der ernsthaften Rauchstoppversuche in den letzten 12 Monaten bei Menschen, die in den letzten 12 Monaten geraucht haben, liegt aktuell bei 9,8 Prozent (gleitender Mittelwert).

Philip Morris stieg mit dem Verkauf von schädlichen Verbrennungszigaretten zum Weltkonzern auf. Wenn das Unternehmen nun rauchfrei werden möchte, auf welche Alternativen kann der Konzern dann seinen Fokus legen, um Geld zu verdienen?
Albig: Wir setzen alles daran, unsere Vision, erwachsenen Raucherinnen und Rauchern, die nicht aufhören, wissenschaftlich fundierte, rauchfreie Alternativen anzubieten und sie zu einem Umstieg zu bewegen. Zu diesen Alternativen zählen in Deutschland beispielsweise Tabakerhitzer und E-Zigaretten, die ohne Verbrennungsprozesse auskommen und damit im Vergleich zu Zigaretten deutlich schadstoffreduziert sind. Dies ist jedoch nur ein erster Schritt in Richtung einer rauchfreien Zukunft. Als forschendes Technologieunternehmen investieren wir kontinuierlich weiter und werden auch zukünftig tabak- und rauchfreie Alternativen zur Zigarette auf den Markt bringen.

Das ist Philip Morris

Philip Morris International Inc. (PMI) geht auf den Tabakhändler Philip Morris zurück, der im 19. Jahrhundert ein Geschäft in London eröffnete. Heute ist das US-schweizerische Unternehmen eines der größten Tabakkonzerne der Welt und Anbieter von Zigarettenmarken wie L&M und Marlboro, der meistverkauften Zigarettenmarke der Welt. Seit einigen Jahren bietet Morris zusätzlich den Tabakerhitzer Iqos an. Im Jahr 2000 wurde PMI zusammen mit anderen Tabakkonzernen in den USA zu Schadenersatzzahlungen verurteilt, weil sie wissentlich gesundheitsschädigende Produkte verkauft hätten. 2020 wurde dieses Urteil dann von einem Berufungsgericht wieder verworfen.

Laut Deutschem Krebsforschungszentrum sind E-Zigaretten gesundheitlich bedenklich, wenn auch weniger schädlich als Tabakzigaretten. Wird ein größeres Übel mit einem kleineren Übel bekämpft?
Nussbaum: Es ist seit Jahrzehnten wissenschaftlich belegt, dass vor allem die Tabakverbrennung die Schädlichkeit des Rauchens ausmacht. Wenn man die Verbrennung weglässt, sinkt das Risikopotential drastisch. Das Nikotin ist, das sagen auch die Behörden, zwar suchtfördernd, aber nicht primäre Ursache für die Schädlichkeit des Rauchens. Die Alternativen bieten daher Rauchern, die keine Motivation haben, aufzuhören, einen Ausweg in einen weniger schädlichen Konsum. In Deutschland gibt es über 20 Millionen Raucherinnen und Raucher, von denen laut Debra-Studie 90 Prozent den Rauchstopp nicht konkret angehen. Der Bedarf ist also riesig.
Frage: Und was hakt da beim Umstieg?
Nussbaum: Wir wissen auch, dass die Mehrheit der Raucher glauben, dass Tabakerhitzer und E-Zigaretten mindestens so schädlich seien wie Verbrennungszigaretten. Die vorliegende wissenschaftliche Evidenz stützt dies aber nicht. Die Konsequenz dieser Fehlwahrnehmung ist, dass man dann weiterraucht, statt auf weniger schädliche Alternativen umzusteigen. Deshalb finde ich pauschale Warnungen über die Schädlichkeit von E-Zigaretten schwierig. Klar steckt da eine noble Absicht dahinter, nämlich den Einstieg in die Nutzung von E-Zigaretten durch Nichtraucher zu verhindern – und das ist richtig und wichtig. Aber man sollte die Kommunikation rund um E-Zigaretten durch an Raucher gerichtete Informationen zur Schadensreduzierung ergänzen.

Sind E-Zigaretten gesundheitsschädlich?

Ja. Im direkten Vergleich zum Tabakrauchen ist der Konsum von E-Zigaretten laut Deutschem Krebsforschungszentrum zwar weniger schädlich, allerdings enthalte das Aerosol von E-Zigaretten gesundheitsschädliche Substanzen wie beispielsweise Formaldehyd und Acrolein. Tier- und Zellversuche sowie Fallstudien würden überdies nahelegen, dass beim Konsum von E-Zigaretten ein Gesundheitsrisiko besteht.

Zudem warnt das Krebsforschungszentrum, dass nikotinhaltige E-Zigaretten ein ähnliches Abhängigkeitspotential haben wie Verbrennungszigaretten. Auch die Wirksamkeit der Verwendung von E-Zigaretten, um damit weniger zu rauchen oder sich das Rauchen ganz abzugewöhnen, seien nicht eindeutig wissenschaftlich bewiesen. 

Bis 2030 „Rauchfrei“ in Großbritannien – das ist das Ziel von Philip Morris in England. Wie sieht die Strategie von Philip Morris in Deutschland aus?
Albig: Es ist unsere klare Unternehmensstrategie: Wer nicht raucht, sollte nie damit anfangen. Wer raucht, sollte am besten sofort damit aufhören. Unsere rauchfreien Produkte sind nur für eine Zielgruppe bestimmt: Erwachsene, die rauchen und dies sonst weiterhin tun würden. Wir wissen auch: reine Verbote funktionieren meistens nicht. Der beste Weg zur Verringerung der schädlichen Auswirkungen des Rauchens ist aus unserer Sicht ein umfassender Ansatz, der eine moderne, differenzierte Tabakregulierung beinhaltet, die klar zwischen klassischen Zigaretten und schadstoffreduzierten Alternativen wie Tabakerhitzern und E-Zigaretten differenziert. Mit einer reinen Verbotsstrategie für künftige Generationen werden die gesundheitlichen Folgen für derzeitige Raucher außen vorgelassen. Zudem zeigt sich bei Ländern, die ein Verkaufsverbot für Zigaretten eingeführt haben, dass sich vor allem die Organisierte Kriminalität freut, die den Markt weiter beliefert. Das kann nicht im Sinne des Regulierers sein.
Nussbaum: Es gibt auch in Deutschland Ambitionen, sich in Richtung einer tabakfreien Gesellschaft zu bewegen – bis 2040 möchte man da hinkommen. Ich sehe aber bei der derzeitigen Raucherquote nicht, dass das realistisch ist. Jedenfalls nicht mit den althergebrachten Maßnahmen. In Deutschland geht man auch gegen die Alternativprodukte zu Verbrennungszigaretten vor. In England sieht man das anders – dort setzt man darauf, dass die Alternativen den Rückgang des Zigarettenrauchens beschleunigen können und nicht als Hindernis verstanden werden. Da ist ein großer ideologischer Unterschied.
Auch in Deutschland gibt es Bemühungen das Rauchen einzuschränken. Vor kurzem wurde Lauterbachs Plan für ein Rauchverbot im Auto allerdings gekippt. Ihre Meinung?
Nussbaum: Ich als Nichtraucher profitiere von jedem Nichtraucherschutz und habe auch als Kind unter rauchenden Erwachsenen im Auto gelitten. Ich finde es deshalb gut, wenn Nichtraucher geschützt werden. Ich weiß nur nicht, ob Verbote immer das beste Mittel sind oder ob man mit Aufklärung mehr erreichen kann. Lauterbachs Vorhaben ist das beste Beispiel: Da hat man einen Vorstoß gemacht, jetzt wurde er gekippt. Ich glaube, man hätte das smarter machen können und differenzierter. Man kann ja sagen: Was ist denn das Schädlichste? Das ist die Zigarette. Gibt es andere Möglichkeiten, Alternativen? Das ist ein Beispiel für eine Schwarz-Weiß-Regulierung und eine smarte wissenschaftlich basierte Regulierung wäre vielleicht der bessere Kompromiss gewesen.
Und die wissenschaftlich basierte Regulierung wäre gewesen, dass man nur Verbrennungs-Zigaretten verbietet?
Nussbaum: Wir wissen aus vielen Studien, dass die Passivbelastung von Alternativprodukten deutlich niedriger ist, weil einfach über 95 Prozent weniger Schadstoffe emittiert werden. Die Schadstoff-Belastung ist im Passivbereich auch entsprechend niedriger, aber ganz wichtig ist ebenso: Nichtraucherschutz geht vor, wo heute nicht geraucht wird, haben die neuen Produkte natürlich nichts verloren.
Was wären Ihrer Meinung gute Maßnahmen, um die Zahl der Raucherinnen und Raucher in Deutschland einzudämmen?
Nussbaum: Wir brauchen hier einen Dreiklang. Das wichtigste ist erst einmal, den Einstieg zu verhindern. Dafür gibt es - besonders zum Schutz von jugendlichen Nichtrauchern - zum Beispiel Warnhinweise, Werbeverbote und Regeln für die Produktgestaltung. Allerdings braucht es ergänzende Konzepte. Die zweite Maßnahme muss sein, dass die 20 Millionen Raucher beim Rauchstopp stärker unterstützt werden – beispielsweise mit einer breiteren Erstattung von Rauchstoppmaßnahmen durch Krankenkassen. Und drittens. Allen Rauchern, die sich nicht zu einem Rauchstopp durchringen können – und das ist die Mehrheit der Raucher in Deutschland - sollten Informationen zur Verfügung stehen über Alternativen ohne Tabakverbrennung, die ein geringeres Schadenspotenzial haben. Diese Information wird im Moment nicht an die erwachsenen Raucher herangetragen und da verschenkt man ein Riesenpotential.
Eine Alternative zu Verbrennungszigaretten wird ja gerade immer beliebter: Einweg-E-Zigaretten sind jetzt groß im Trend. Wie sehen Sie diese Entwicklung?
Nussbaum: Ich sehe diese Entwicklung kritisch, aber vorweg möchte ich sagen, dass diese nach dem gleichen Prinzip funktionieren wie herkömmliche E-Zigaretten – sie stoßen also weniger Schadstoffe aus und sind eine bessere Alternative für erwachsene Raucher als Verbrennungszigaretten. Was ich daran kritisch sehe, ist die jugendaffine Produktpräsentation. Hier muss man im Auge behalten: Wer nutzt diese Produkte eigentlich? Wenn sich herausstellt - was sich auch andeutet - dass Einweg-E-Zigaretten von Jugendlichen überproportional viel genutzt werden, dann muss gegengesteuert werden.
Welche Schritte wird der Konzern konkret in den nächsten Jahren unternehmen, um es in eine rauchfreie Zukunft zu schaffen?
Albig: Hinter unserer Vision einer rauchfreien Zukunft stehen selbst auferlegte Ziele. Wir möchten bis 2030 weitgehend rauchfrei sein und mehr als zwei Drittel der weltweiten Nettoeinnahmen aus rauchfreien Produkten erzielen. Bereits bis 2025 sollen unsere rauchfreien Produkte weltweit in 100 Märkten präsent sein. Wir sind hier auf einem sehr guten Weg, diese Ziele zu erreichen.
Nussbaum: Wir haben in Deutschland über 20 Million Raucher, von denen 90 Prozent nicht ernsthaft den Rauchstopp angehen. Das ist ein langer Prozess und der Markt ist noch groß. Philip Morris entwickelt sich nun aber auch in eine Richtung mit Produkten, die mit Nikotin nichts mehr zu tun haben. Es gab Zukäufe von Pharmafirmen, man denkt also weit in die Zukunft hinein.
Philip Morris macht nach wie vor mit Tabak-Zigaretten den größten Umsatz - was würden Sie denn Kritiker sagen, die meinen, der Vorsatz für eine „Rachfreie Zukunft“ sei nur ein Marketing-Gag?
Nussbaum: Die Kritiker sollten sich mal unsere Geschäftszahlen anschauen: Seit 2008 wurden rund 11 Milliarden US-Dollar in Forschung & Entwicklung innovativer und schadstoffreduzierter Technologien investiert. Philip Morris hat zwei Forschungszentrum, in dem über 1.000 Wissenschaftler, Ingenieure und technisches Personal an rauchfreien Alternativen forschen. Das konventionelle Zigarettengeschäft nimmt immer weniger Platz ein. Über 35 Prozent des weltweiten Umsatzes machen wir mittlerweile mit alternativen Produkten und wir werden alles tun, um das zu beschleunigen. Bis 2030 sollen sie mehr als zwei Drittel der globalen Nettoerlöse von Philip Morris International ausmachen.
Schaffen Sie das?
Nussbaum: Bisher haben wir alle Ziele erreicht. Ich erinnere mich noch an die Zeiten, als man 40 Prozent bis 2025 erreichen wollte. Dieses Ziel hat man aber noch einmal angehoben auf 50 Prozent. Ob wir die anderen 50 Prozent genauso schnell erreichen, wird die Zeit zeigen, das kann man nicht prognostizieren. Wenn allen Rauchern heute schon Informationen zur Schädlichkeit des Rauchens, zu den besten Methoden des Rauchstopps und gegebenenfalls auch zu verbrennungsfreien Alternativen vorlägen, könnten sie besser informierte Konsumentscheidungen treffen als heute. Ich bin überzeugt: Die Raucherquote würde dann schneller sinken als ohne solche Maßnahmen.

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