VonJana Ballweberschließen
Alessandro Rossoni, Gründer eines Start-Ups für medizinisches Cannabis, spricht im Interview über die Fallstricke im Gesundheitssystem, die Legalisierungsdebatte und die Kooperation mit Big Pharma.
Seit 2017 erstatten Krankenkassen in Deutschland die Kosten für verschreibungspflichtiges Cannabis. Ein Jahr später gründete Alessandro Rossoni gemeinsam mit Linus Weber das Start-up Nimbus Health, ein Großhändler für medizinisches Cannabis.
Herr Rossoni, in welchen Bereichen ist Nimbus Health aktiv?
Nimbus Health ist auf drei Säulen aufgebaut. Unser erstes Standbein ist der pharmazeutische Großhandel. Wir haben eine Erlaubnis, mit Betäubungsmitteln zu handeln. Diese Erlaubnis umfasst alle Produkte aus dem Medizinalcannabis-Ökosystem, Blüten, Extrakte und so weiter. Stand heute haben wir das zweitbreiteste Sortiment in Deutschland. Das zweite Standbein ist Lagerung und Logistik. Von unseren zwei Lagerstätten in Deutschland aus beliefern wir Apotheken binnen 24 Stunden im ganzen Land mit Cannabis. Im dritten Standbein sind wir „pharmazeutischer Unternehmer“. Als solcher können wir Cannabis, insofern es dem medizinischen Standard entspricht, importieren, bei den Behörden anmelden, es auf Reinheit analysieren und es für die Märkte freigeben. Vorher dürfte es gar nicht verkauft werden.
Wie hat sich die Nachfrage nach medizinischem Cannabis in Deutschland seit 2017 entwickelt?
Entlang aller Produktkategorien, die es für Cannabis gibt, sind die Zahlen kontinuierlich gestiegen. Mittlerweile sind es mehrere Tausend Ärztinnen und Ärzte, die es regelmäßig verschreiben. Dementsprechend haben sich auch die Patientenzahlen entwickelt. Von 2017 bis 2020 hatten wir eine jährliche Verdopplung der Nachfrage. Während der Corona-Pandemie ist das etwas abgeflaut, jetzt haben wir noch etwa zehn bis zwanzig Prozent Wachstum pro Quartal. Es wurde auf einmal schwieriger, auf Ärztinnen und Ärzte zuzugehen und sie aufzuklären.
Wie gut kennen sich Arztpraxen und Apotheken denn mittlerweile mit Cannabis und der Verschreibung aus?
Cannabisblüten, Cannabisextrakte und Dronabinol sind sogenannte Rezepturausgangsstoffe. Das Prinzip ist gleich wie bei Salben, Kapseln, Zäpfchen oder Tinkturen. Erst die individuelle Zubereitung in der Apotheke macht aus der Ausgangssubstanz das „fertige“ Arzneimittel, welches Patient:innen ausgehändigt bekommen. Rezepturen sind in der Apotheke also gang und gäbe. Bei den Ärztinnen und Ärzten ist es etwas schwieriger. Wir haben bei Cannabis ein Unikat in der Pharmageschichte in Deutschland. Normalerweise haben wir standardisierte Prozesse für die Bewertung und Zulassung von Arzneimitteln. Jedes Mittel durchläuft diesen Prozess beim Gemeinsamen Bundesausschuss...
… dem Selbstverwaltungsgremium des deutschen Gesundheitssystems…
Genau. Für das Cannabis-als-Medizin-Gesetz wurde aber ein Loch in die Prozesse der Zulassung gestochen. Cannabis-Blüten und Extrakte sind indikationsfrei zugelassen, das heißt, der Arzt oder die Ärztin verschreiben es nach eigenem Ermessen und eigentlich dann nur, wenn der Einsatz begründet ist.
Warum ist das für die Ärztinnen und Ärzte herausfordernd?
Wir Menschen produzieren körpereigene Cannabinoide. Das erste Molekül aus dem Cannabinoid-System wurde jedoch erst 1993 entdeckt, den Wissensstand um unser körpereigenes Cannabinoidsystem von heute haben wir erst seit 2014. Das bedeutet: Die meisten Ärztinnen und Ärzte haben das nicht an der Uni gelernt. Bei einem neuen Opioid-Schmerzmittel, das auf den Markt kommt, wissen die Ärztinnen und Ärzte sofort, wie es wirkt. Von Cannabinoiden haben viele noch nie gehört.
Welche Krankheitsbilder oder Beschwerden werden mit Cannabis behandelt und welche Voraussetzungen muss man erfüllen, damit die Krankenkassen die Kosten übernehmen?
Grundsätzlich ist Cannabis indikationsfrei zugelassen. Das bedeutet, dass ein Arzt oder eine Ärztin Cannabis verschreiben kann, sofern er oder sie es medizinisch für sinnvoll erachtet. Dann müssen die Patientinnen und Patienten es aber aus eigener Tasche bezahlen. Im Gesetz ist auch festgelegt, wann die Kosten von der Krankenkasse übernommen werden. Das wird oft so ausgelegt, dass es besonders für Menschen im Schmerz- und Palliativbereich gilt, die austherapiert sind und deren Erkrankung chronifiziert ist. Die schon seit Jahren in Kreisläufen drinstecken, schon einige Medikamente erfolglos getestet haben oder eine zu hohe Dosis an Opiaten konsumieren. Das kann man sehr gut mit Cannabis ersetzen. Auch bei Anorexie, bei Epilepsie und Multipler Sklerose kommt Cannabis zur Anwendung.
Zur Person
Alessandro Rossoni (32) hat Nimbus Health 2018 gemeinsam mit Linus Weber gegründet. Rossoni ist ausgebildeter Biologe und hat am Institutfür Biochemie der Pflanzen an der Universität Düsseldorf promoviert.
Nimbus Health beliefert seit 2018 Apotheken in ganz Deutschland mit medizinischem Cannabis. Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz und eine der beiden Lagerstätten in Offenbach. 2022 übernahm der indische Pharma-Konzern Dr. Reddy’s das Start-up. Rossoni und Weber sind weiterhin als Geschäftsführer tätig. jaba/Foto: Nimbus Health
Sie hatten schon angesprochen, dass die indikationsfreie Zulassung von Cannabis als Arzneimittel abseits der üblichen Wege verlaufen ist. Seit Anfang des Jahres gibt es ja seitens des Gemeinsamen Bundesausschusses wieder Überlegungen, Cannabis-Blüten einzuschränken. Glauben Sie, dass es in der Zukunft eher in Richtung Fertigarzneien geht, um das Ganze in geordnetere Bahnen zu lenken?
Das ist sehr schwierig, vorherzusagen. Der Regulator, also der Gemeinsame Bundesausschuss, mag die Ausnahme für Cannabis-Blüten gar nicht, weil Ausnahmen immer Präzedenzfälle kreieren und davor fürchtet sich das System als Ganzes. Die Blüte hat im Vergleich zu anderen Arzneimitteln mehr Variablen, die man nicht kontrollieren kann: Wie lange inhaliere ich? Wie lange exhaliere ich? Mit welcher Temperatur inhaliere ich? Das ist weit weg von der standartisierten Pille mit gleichbleibender Wirkung und klaren Nebenwirkungsprofilen, die wir sonst aus der Medizin kennen. Aber das Recht auf die Verschreibung steht nun einmal im Sozialgesetzbuch. Dem Regulator bleibt nur die Bitte an die Ärztinnen und Ärzte, zu prüfen, ob man nicht doch ein Fertigarzneimittel verschreiben kann, bevor man Blüten verschreibt.
Können die Fertigarzneimittel, die es schon gibt, die Blüten adäquat ersetzen?
Teilweise. Die Blüte bringt ein ganzes Spektrum an Stoffen und Hilfsstoffen mit, die die Effekte der Wirkstoffe THC und CBD beeinflussen können. Weil die in den Fertigarzneimitteln nicht drin sind, braucht man dort mehr THC, um den gleichen Effekt zu erzielen wie mit der Blüte. Mehr THC heißt aber auch mehr Nebenwirkungen. Außerdem sind Fertigarzneimittel, anders als die Blüte, nur für eine bestimmte Indikation zugelassen. Die aktuellen Fertigarzneimittel geben nicht das her, was der Gemeinsame Bundesausschuss sich wünscht. Wir bräuchten mehr Fertigarzneimittel auf Cannabis-Basis, um mehr Indikationen abdecken zu können.
Warum gibt es nicht mehr Fertigarzneimittel?
Die Hürden und Kosten für die Entwicklung von Fertigarzneimittel sind enorm hoch. Wir sprechen hier von zwei bis dreistelligen Millionenbeträgen für einzelne Indikationen. In Deutschland würde ein solches Arzneimittel mit dem Rohprodukt aus der Natur konkurrieren, das jeder Arzt und jede Ärztin indikationsfrei verschreiben kann. Das ist jetzt gelinde gesagt nicht das attraktivste Ökosystem, um Fertigarzneimittel zu fördern.
Sie sind ja eigentlich Cannabis-Großhändler. Wie kam die Übernahme durch einen Pharmakonzern zustande?
Wir sind das einzige deutsche Cannabis-Unternehmen, das einen Exit in Richtung Big Pharma gemacht hat. Viele andere haben auf die Legalisierung spekuliert, die jetzt wahrscheinlich nicht in der Form stattfinden wird, die man sich erhofft hat. Wir sind mit Dr. Reddy’s zusammengegangen, weil die Entwicklung von Fertigarzneimitteln strategisch immer unser Ziel war. Als Start-up ist das allein aufgrund der Kosten und einer geringen Erfolgswahrscheinlichkeit fast unmöglich. Dr. Reddy’s ist eigentlich ein klassischer Generika-Hersteller und dabei ein wichtiger strategischer Partner mit dem nötigen Know-how und Geld. Man hat die Ambition, aus dem klassischen Generika-Markt rauszuwachsen. In diesem Kontext ist man dort auf Nimbus Health aufmerksam geworden.
Welche Rolle spielt Nimbus Health in der Zusammenarbeit?
Wir scouten nach vielversprechenden Forschungsvorhaben im Bereich medizinisches Cannabis, die in der ersten oder zweiten Phase der klinischen Studien stehen. Um diese Projekte weiter zu bringen, braucht man viel Kapital und Wissen. Das leistet Dr. Reddy’s als großer Pharmakonzern. Wir bei Nimbus Health suchen also nach diesen Projekten und schauen uns an, ob sie wissenschaftlich und ökonomisch sinnvoll sind. Wenn das der Fall ist, gehen wir in die Zusammenarbeit und können dann an die Ressourcen von Dr. Reddy’s anknüpfen.
Welche vielversprechenden Projekte haben Sie denn seit der Fusion schon entdeckt?
In Israel sind wir beispielsweise auf einen sogenannten Dosisinhalator gestoßen. Die Cannabis-Blüten werden dabei in Chips verarbeitet, die dann in den Inhalator reinkommen. Bei herkömmlichen Inhalatoren kann ich zwar die Temperatur beeinflussen, aber sonst eigentlich wenig. Bei dem Projekt aus Israel individualisiert eine Software die genaue Wirkstärke und Zugdauer nach den Bedürfnissen jedes Patienten oder jeder Patientin. Man kann dann auch eine Standardisierung herstellen, die wissenschaftliche Studien ermöglicht, weil die Grundsubstanz Blüte in Kombination mit dem Medizingerät eine Reproduzierbarkeit ermöglicht. Zudem verringern wir die benötigte Menge an Cannabisblüten um den Faktor 50 bis 100. Und wie wir wissen, je weniger Wirkstoff, umso weniger Nebenwirkungen bei gleichem Effekt.

