„Menschenleben gefährdet“: Deutsches Gesundheitssystem unter Druck durch Trumps Zölle
VonUlrike Hagen
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Das Trumpsche Zoll-Chaos zeigt weitreichende Auswirkungen. Fachleute warnen, dass US-Zölle auf Medizinprodukte katastrophale Folgen für das Gesundheitssystem haben könnten.
Das Trumpsche Zoll-Chaos zieht seine Kreise. Nun sorgen sich Experten, dass die Auswirkungen fatale Folgen für die Versorgung mit Medikamenten, aber auch mit Medizinprodukten haben könnten.
Gesundheits-Experten warnen: „Zölle auf Medizinprodukte gefährden Menschenleben“
Als Trump im April sein Zollpaket verkündete, ging eine Schockstarre durch die Weltwirtschaft. Nun läuft die Frist seines sich anschließenden vorübergehenden Rückziehers, der Zollpause, ab. Doch eine Einigung mit der EU steht nach wie vor aus. Was droht, sind Zölle von 20 bis zu 50 Prozent auf Exporte – es könnte auch medizinische Produkte und Medikamente betreffen und damit insgesamt das Gesundheitssystem gefährden.
„Zölle könnten die Verfügbarkeit lebenswichtiger Produkte gefährden und den Zugang zu innovativen Lösungen einschränken“, warnt Marc-Pierre Möll, Geschäftsführer des Bundesverbands Medizintechnologie (BVMed). Bisher hätte es einen weitgehenden Konsens gegeben, dass solche Güter nicht in Zölle und Handelseinschränkungen einbezogen werden, „um sowohl humanitäre Ziele als auch die finanzielle Stabilität der Gesundheitssysteme zu wahren“.
Die Aufrechterhaltung dieses Grundsatzes sei „entscheidend, um die kontinuierliche Versorgung zu sichern und die Gesundheitskosten nicht unnötig zu belasten.“ Würden die komplexen Lieferketten gefährdet werden, „gefährdet dies das Leben und die Gesundheit der Menschen“, so Möll.
Pharmaunternehmen besorgt: Trumps Zölle könnten das deutsche Gesundheitssystem gefährden
Neben Lieferketten-Engpässen drohen auch massive Preiserhöhungen – weil viele Medizinprodukte aus unterschiedlichsten Komponenten, unter anderem aus Teilen, die in den USA vorproduziert werden, bestehen. Laut einer Auswertung der Ökonominnen Jasmina Kirchhoff und Samina Sultan vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) stammen zwar jeweils 22 Prozent der pharmazeutischen Vorprodukte aus Irland und der Schweiz, aus den USA nur elf Prozent: „Doch die irische und die Schweizer Pharmaproduktion hängen stark von Vorprodukten aus den USA ab. Damit ist die deutsche Arzneimittelproduktion abhängiger, als es die direkten Importzahlen vermuten lassen“, so Jasmina Kirchhoff im Gespräch mit IPPEN.MEDIA.
Zeitlinie: So hat Trump den Zoll-Krieg vom Zaun gebrochen
Handelskonflikt mit Nebenwirkungen: US-Zölle setzen Gesundheitssystem unter Druck
Noch würden sich mögliche Zölle nicht direkt auf die Budgets der gesetzlichen Krankenkassen auswirken – denn die Preise für verschreibungspflichtige Medikamente seien in Deutschland gedeckelt, „doch mittel- und langfristig könnte das Gesundheitssystem über die dann notwendigen Preisanpassungen schwer unter Druck geraten“.
Kirchhoff warnt: „Hier besteht die Gefahr, dass sich einige Produktionen bei steigenden Herstellungskosten nicht mehr lohnen, vor allem kleine und mittelgroße Unternehmen ihre Produktion einstellen und damit bestimmte Therapien für Patientinnen und Patienten nur schwer oder gar nicht mehr verfügbar sind.“
EU-Handelsabkommen: USA nach Berichten offen für „kreative Lösungen“ im Pharmahandel
Die EU könnte zwar mit Gegenzöllen reagieren – eine entsprechende Liste umfasst rund 800 Medizinprodukte und Vorprodukte. Doch auch das hätte Risiken. „Die Branche ist auf reibungslose globale Lieferketten angewiesen. Zölle gefährden diesen freien Warenverkehr, treiben die Kosten für die Branche in die Höhe und verschärfen die ohnehin bereits angespannte Lage der GKV-Finanzen zusätzlich“, mahnt BVMed-Chef Möll.
Schaden für Forschung und Entwicklung: US-Zölle würden Pharmaindustrie hart treffen
Darüber hinaus seinen auch Innovation und Entwicklung bedroht, so die IW-Forscherin Kirchhoff: „Forschungsprojekte sind international angelegt, und Einfuhrzölle auf Arzneimittel werden die Gefahr einer Entkoppelung der Forschungs- und Produktionsstandorte verstärken und den möglichen Schaden für Deutschland, Europa aber auch die USA erhöhen“, so Kirchhoff. Schlimmstenfalls drohe ein Abriss mancher Forschungsprojekte, innovative, neue Therapien gelangten dann überhaupt nicht mehr in die Versorgung..
EU-Handelsabkommen: USA nach Berichten offen für „kreative Lösungen“ im Pharmahandel
Immerhin hat Jamieson Greer, US-Handelsbeauftragter, nach Berichten bei einem Treffen mit dem irischen Handelsminister Simon Harris erklärt, dass Washington offen für „kreative Lösungen“ in Arzneimittelhandel sei. Doch das war vor zwei Tagen. In Trump-Zeit gemessen eine Ewigkeit. Am Donnerstag (3 Juli), nach zähen Verhandlungen zwischen den USA und der EU – und knapp eine Woche vor Ablauf des Zollstreit-Ultimatums, klang der US-Präsident wenig kooperativ. Er neige dazu, seine Handelspartner per Brief darüber zu infomieren, was in Zukunft an Zölle auf sie zukomme, „das ist viel einfacher“.
„Gravierende Konsequenzen“ für Versorgung im Gesundheitswesen
Kommen die US-Schutzzölle ,die die bereits jetzt geltenden zehn Prozent übertreffen, wäre das „Gift für die Industriekonjunktur“, warnt auch Claus Michelsen vom Verband der forschenden Arzneimittelhersteller (vfa): „Das träfe auch die Pharmaindustrie, da sie einen besonders großen Exportanteil aufweist. Die Vereinigten Staaten sind für sie mit einem Viertel der Branchenexporte der wichtigste Absatzmarkt.“ Ein Handelskonflikt zwischen der EU und den USA hätte somit erhebliche Auswirkungen – „mit gravierenden Konsequenzen für die Versorgung im Gesundheitswesen und die Beschäftigung in den Unternehmen.“