Investor im Exklusiv-Interview

Merz hat gegen Habeck die Oberhand, sagt Maschmeyer: „Mann der Wirtschaft gegen Kinderbuchautor“

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Carsten Maschmeyer äußert sich skeptisch zur gegenwärtigen Wirtschaftspolitik in Deutschland. Er identifiziert Mängel in der Energiepolitik und kritisiert die Bürokratie. Unternehmen investieren immer mehr im Ausland.

München – Das Aus der Ampel-Koalition erschüttert Deutschland noch immer. Nicht nur politisch, auch wirtschaftlich haben die vergangenen drei Jahre für viel Chaos gesorgt. Star-Investor Carsten Maschmeyer lässt Gespräch mit IPPEN.MEDIA kein gutes Haar an Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und Wirtschaftsminister Robert Habeck. Besonders für die Kanzlerambitionen des Grünen-Politikers hat Maschmeyer kein Verständnis. Er sieht Deutschland am Abgrund. Im zweiten Teil des exklusiven Interviews vermutete Maschmeyer einen gigantischen Deal zwischen dem neuen US-Präsidenten Donald Trump und Tesla-Gründer Elon Musk.

Was ist in Deutschland in den vergangenen Jahren schiefgelaufen?
Carsten Maschmeyer: Unser leider nicht fähiger Wirtschaftsminister Robert Habeck sagte, wenn wir die grüne Wende machen, haben wir ein Wirtschaftswunder. Ich sage: Träumt weiter. Seid doch mal selbstkritisch, dass das Mist war. Wenn Habeck gesagt hätte: ‚Wir haben die Welt von unseren Kindern und Enkelkindern nur geliehen. Wir laufen mit dem Klimawandel etc. in einen Abgrund rein. Der Versuch, das aufzuhalten, wird uns nun sehr viel kosten.‘ Das wäre ehrlich gewesen. Mit dem Ukraine-Krieg knallten die Energiekosten hoch. Die Folge: Immer mehr deutsche Firmen investieren vermehrt im Ausland.
Carsten Maschmeyer (M.) sieht einen überforderten Wirtschaftsminister Habeck (l.) und einen beratunsresistenten Kanzler Scholz.

Maschmeyer zur Energiewende: „Habeck hat den falschen Weg, den Merkel eingeschlagen hatte, zu Ende geführt“

Was bekommen Sie da so mit?
Maschmeyer: Ich bin mit vielen CEOs oder Unternehmensinhaberinnen und Inhabern befreundet, die sagen, sie können in vier Ländern ihr neues Werk bauen – sie bauen es im Moment nicht in Deutschland.
Wir reden viel über das Versagen der Ampel, aber finden Sie auch etwas Gutes an der bisherigen Koalition?
Maschmeyer: Sie haben die Energiekrise mit dem Flüssiggas etc. ganz gut gemanagt. Die Abhängigkeit von russischem Gas und auch das Atom-Aus haben sie von Merkel geerbt. Aber Habeck hat den falschen Weg, den Merkel eingeschlagen hatte, zu Ende geführt. Unsere letzten Atomkraftwerke, das waren ja unsere sichersten, wurden abgeschaltet. Während einer Energieverknappung und Abhängigkeit von Russland die auch noch abzuschalten, war ein großer Fehler.
So richtig positiv ist dieses Fazit auch nicht.
Maschmeyer: Ich glaube, die Ampel war niemals ein Regierungsteam. Das waren drei nicht miteinander zu vereinbarende Parteiprogramme. Der eine will Vorwärtsgang, der andere Rückwärtsgang. Lindner wollte eben die wichtige Schuldenbremse und Habeck brauchte zusätzliches Geld für seine Fantasie vom grünen Wirtschaftsumbau. Ich habe in ein Start-up investiert, das sich mit Ladestationen, Wärmepumpen, Solar, aber auch mit E-Autos beschäftigt. Die Mitarbeitenden und die Kunden sind alle verunsichert. Sie wissen nicht mehr, wann was in welcher Höhe gefördert wird und was nicht. Scholz war eine ganz schwache Führungskraft, fast alle Abteilungsleiter mit zehn Mitarbeitern sind führungsstärker.

Maschmeyer sieht Union und FDP mit großen Chancen bei Bundestagswahl

Was hätten Sie sich von Scholz zuletzt gewünscht?
Maschmeyer: Er hat ja gesagt: ‘Christian, ich möchte nicht mehr, dass du meinem Kabinett angehörst.’ Ich hätte mir gewünscht, dass er sagt: ‘Ich möchte nicht mehr ideenloser und führungsschwacher Chef dieses Kabinetts sein.’ Das war eine zerrüttete Beziehung, wie bei einem Pärchen in der Pubertät, wo er schnell Schluss macht, damit sie ihm nicht zuvorkommt. Das war eine taktische Verabschiedung, wenn man morgens drei Reden schreiben lässt und dann die passende, wie auf den i-Punkt poliert, vom Teleprompter abließt.
Was glauben Sie, wie die kommende Bundestagswahl ausgeht?
Maschmeyer: Ich würde der SPD mit Pistorius mehr zutrauen als mit Scholz. Das ist doch ein Unding, nicht den beliebtesten Politiker, sondern einen der unbeliebtesten aufzustellen. Wir hatten ganz lange schon keinen Verteidigungsminister, der auf Platz eins war. Wenn die SPD nicht völlig in den Abgrund rutschen will, sollte sie auf die Beliebtheit und Umfragetendenzen hören. Ich vermute aber, dass Pistorius in der Partei und vor allem in Berlin nicht so verdrahtet ist und Scholz sich deshalb an seine letzte Macht-Chance klammern wird.
Die FDP hat mit dem Lindner-Papier zur Wirtschaftswende die Ampel zum Einsturz gebracht. Was trauen Sie denen bei der Neuwahl zu?
Maschmeyer: Wenn die FDP ihr Wirtschaftswendepapier zum Wahlkampfpapier macht, hat sie eine Chance, zusammen mit der Union eine schwarz-gelbe Regierung zu bilden. Bis vor ein paar Wochen war immer Migration das Top-Thema: Zu viele Flüchtlinge, die zu leicht staatliche Leistungen und Bargeld kriegen. Aber im Moment haben die Leute zunehmend wirtschaftliche Sorgen. Wir haben so viele Insolvenzen wie seit 14 Jahren nicht mehr. Und die Prognosen für 2025 sind ernüchternd.

Merz oder Habeck? Maschmeyer sieht klaren Favoriten

Kann Friedrich Merz Ihrer Meinung nach denn Kanzler?
Maschmeyer: Merz ist ein Mann der Wirtschaft, er wird ja dafür attackiert, dass er bei Blackrock war. Aber die SPD hat nun auch einen Goldman Sachs-Banker zum Finanzminister gemacht. Es ist nicht so schlecht, wenn jemand die Wirtschaft versteht. Ludwig Erhard, Helmut Schmidt, das waren Ökonomen und wir haben mit Habeck einen Kinderbuchautor – nichts grundsätzlich gegen das Schreiben von Kinderbüchern, aber doch nicht als Qualifikation für die Führung des Wirtschaftsministeriums oder der gesamten Bundesrepublik. Wie wenn ein Wellensittich sagt, er möchte Bundesadler werden. Ich glaube, wenn Schwarz und Gelb es schaffen, das Thema Wirtschaft und die Eindämmung der Migration zum Kern ihres Wahlkampfs zu machen, gibt es eine Chance auf eine Mehrheit.
Sie sehen also eher keine neue Ampel am Horizont?
Maschmeyer: Es wird auf keinen Fall eine neue Ampel geben. Mein Wunsch-Szenario ist, dass mit wirtschaftspolitischen Maßnahmen und mit einer vertretbaren, leistbaren Migrationspolitik regiert wird. Da sehe ich im Moment nur zwei Parteien. Die Grünen werden nicht von ihren überregulativen Positionen abrücken. Wir können uns das nicht leisten, wir haben jetzt schon mit die höchsten Energiekosten. Eine Katastrophe, denn wir haben so viel produzierendes Gewerbe, das ist das Rückgrat unserer Wirtschaft. Unsere größte Industrie ist die Autoindustrie. Die einzige Industrie, der es gut geht, sind Berater, die Unternehmen bei der Bewältigung der verordneten Bürokratie unterstützen. Das liegt auch daran, dass wir einfach zu viele Theoretiker im Bundestag haben.
Was meinen Sie damit?
Maschmeyer: Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal, ich glaube, die Hälfte hat noch nie in der freien Wirtschaft gearbeitet oder Geld verdient, das nicht aus öffentlichen Kassen kommt. Und wir haben digitale Analphabeten im Bundestag. Es ist schade, dass man, um im Bundestag zu sitzen, keine Qualifikation braucht. Wir müssten die mal einen Tag digital schulen, einen Tag Pflichtunterricht, damit alle ein bisschen bei künstlicher Intelligenz mitreden können, denn wir sind digital in der Steinzeit.
Was glauben Sie, macht diese politische Instabilität mit Deutschland?
Maschmeyer: Wir haben eine Überbürokratisierung. Es gibt 12.000 Informationspflichten für Unternehmen. Vor zehn Jahren waren das 10.000. Das war ohnehin schon zu viel und da kamen nochmal 20 Prozent drauf. Ich muss für meinen eigenen Fonds, in den ich selber investiere, nachweisen, dass ich Carsten Maschmeyer bin. Da reicht nicht mein Personalausweis, ich muss mit einer Strom- oder Wasserrechnung beweisen, wo ich wohne. Ich wohne aber in München bei meiner Frau Veronica, deswegen habe ich keine Strom- und Wasserrechnung unter meiner Anschrift. Ich hatte Schwierigkeiten, in meinen eigenen Fonds als Anleger hineinzukommen.

Politikverdrossenheit laut Maschmeyer ein Erbe der Ampel-Koalition

Ein Märchen, das wir die letzten drei Jahre immer wieder gehört haben, war, dass den Bürgern die Politik der Ampel nur nicht gut genug erklärt wurde. Was halten Sie davon?
Maschmeyer: Bis auf Olaf Scholz waren die meisten im Kabinett ja kommunikationsmäßig talentiert. Robert Habeck kann auch unlogische Sachen sehr gut erklären. Christian Lindner ist sehr kommunikativ, sehr rhetorisch begabt, aber sie haben insgesamt so viel Unsinn gemacht, den kannst du bei aller rhetorischen Begabung nicht gut erklären. Das merken die Leute und deswegen gibt es eine solche Politverdrossenheit. Thema Migration: Merkel hat gesagt, wir schaffen das. Wir haben bewiesen, dass wir es nicht schaffen. Die Ampel hat es noch schlimmer gemacht. Dann hatten wir auch noch eine enorme Inflation. Die Leute werden diesen Winter mehr als früher für Heizung bezahlen. Das heißt, das Realeinkommen, meine freie Liquidität nach Miete, nach Strom, nach Heizung, nach Lebenshaltungskosten sinkt. Butterpreise sind explodiert. Olivenöl kostete jetzt sechs Euro. Durch die Anhebung der Sozialversicherungsbeiträge im nächsten Jahr haben wir ohnehin schon weniger netto. Wer glaubhaft eine Wirtschaftswende in Aussicht stellt, wird von vielen Wählern ihre Stimme bekommen.
Was halten Sie denn vom Lindner-Papier?
Maschmeyer: Er forciert darin den Bürokratieabbau, das ist ganz wichtig. Ich könnte mir auch eine Entbürokratisierungskommission in Deutschland vorstellen. Wenn mich einer fragt, ob ich mithelfe, gebe ich gern Ideen. Wir brauchen für die Kleinverdiener und Rentner ein späteres Einsetzen der Steuerpflicht durch Abschaffen der kalten Progression. Und wir müssen die Energiekosten senken. Wir sind eine produzierende Nation, wir brauchen bezahlbare Energie, für Stahl, für Chemie etc. Und: Arbeit darf in Deutschland nicht noch teurer werden. 30 Prozent des ganzen Bundesetats geht für die Vergangenheit drauf. Renten, Pension etc. Wenn wir nichts ändern, können es in zehn Jahren 50 Prozent sein. Dann ist noch weniger für Innovationen da.
Wirtschaftsminister Robert Habeck möchte nun Kanzler werden. Welchen Rat hätten Sie für ihn?
Maschmeyer: Selbstbewusstsein finde ich gut, naive Überheblichkeit finde ich schade. Die Grünen liegen aktuell um die zehn Prozent in den Umfragen. Kanzler heißt ja, ich will die stärkste Partei sein. Wenn in der Fußball-Bundesliga ein Trainer ein Spitzenteam übernommen hätte und dann auf einem Abstiegsplatz landet, würde er hochkant rausfliegen und sich nicht stattdessen als Bundestrainer bewerben. Also wirklich, da ist seine Performance einfach nicht ausreichend. Seine Bilanz als Wirtschaftsminister ist doch verheerend. Dabei habe ich nichts grundsätzlich gegen pragmatische Grüne wie Kretschmann in Baden-Württemberg. Wir brauchen natürlich auch nicht libertäre Milliardäre aus den USA mit ihrem Sozial-Darwinismus, in dem der Stärkere immer recht hat und der Schwache eben Pech. Aber die Leute haben wirtschaftliche Sorgen, da können sie nicht mit zusätzlichen Kosten für nationale überehrgeizige Klimaziele belastet werden. Was nützt ein Küchentisch-Video? Das ist ja sehr volksnah, toll. Ich wünsche mir aber einen, der in dem Moment im Büro sitzt und pragmatische politische Lösungen erklärt und nicht zeigt, wie sein Pullover und sein Küchentisch aussehen.
Was sähe denn ein Marschmeyer-Papier für die Wirtschaft aus?
Maschmeyer: Vor allem für die Firmen im stark produzierenden Gewerbe würde ich mit allen Mitteln die Energiekosten senken. Ich würde mir auch weitere Unternehmerinnen, Unternehmer, CEOs, Investoren oder erfolgreiche Start-up-Gründer besorgen und sagen: Macht mal 50 Vorschläge, wo wir ein paar tausend Beamte und zig Milliarden Staatsausgaben einsparen können. Wir haben noch nie so einen großen öffentlichen Verwaltungsapparat gehabt. Wir müssen Tore schießen und haben lauter Innenverteidiger aufgestellt, da werden wir nicht Innovationsweltmeister. Wir müssen in die Bildung investieren und Universitäten zu Startup-Schmieden machen. So ist da Silicon Valley entstanden. Im War for Talents verlieren wir sehr viele tolle digitale Computer-Scientists oder KI-Experten ans Ausland. Die können programmieren, wo und wann sie wollen. Warum sollten die hier arbeiten, wenn sie woanders weniger versteuern müssen? Und wir verlieren diese Talente auch, weil sie woanders weniger Bürokratie ausgesetzt sind.
Sie haben Familie mit Kindern und Enkelkindern in den USA. Könnten Sie denen guten Gewissens sagen: Kommt zurück nach Deutschland?
Maschmeyer: Das hat sich insofern erledigt, mein jüngerer Sohn Maurice, der seit zwölf Jahren in Kalifornien lebt, dort in einem Startup-Fonds einen Top-Job hat, hat sich dort verliebt, eine Frau geheiratet und ein Kind bekommen. Auch seine Freunde sind in den USA, der wird nicht zurückkommen. Was wären auch die Gründe? Ein kaputtes wirtschaftliches System, eine durchgereichte Industrienation, die im Moment um den Abstieg kämpft, die hier höhere Steuern für ihn bereithält? In Amerika gilt das Leistungsprinzip mit dem Mindset, wenn jemand erfolgreich ist, sagt man: ‘Boah, kann ich mir was abgucken?’ In Deutschland fragen wir uns direkt, wie wir den von seinem Erfolgsweg wieder abbringen. In den USA werden Gründer, die was riskieren und auch mal scheitern, bewundert. Weil die Resilienz gezeigt haben, bei uns wird das kaschiert. Wir haben eine falsche Fehlerkultur.
Woran erkennen Sie das?
Maschmeyer: Wenn ein Start-up hier scheitert, sagt man: ‘Tja, der war dumm oder faul’. Ich habe drei- bis viertausend Gründungsteams in den letzten Jahren gesehen, vielleicht ein Prozent davon war nicht fleißig genug und bei einem anderen Prozent fehlte vielleicht der nötige IQ. Aber die meisten sind smart und fleißig. Trotzdem scheitern Start-ups manchmal. Das gehört dazu und ist keine Schande, sondern ein Schritt zum Besserwerden.
Jetzt haben wir viel gemeckert über Deutschland. Sie sind aber trotzdem hier geblieben. Was finden Sie denn gut hier?
Maschmeyer: Ich mag die Verlässlichkeit, die hohe Loyalität zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Das gilt übrigens auch für die viel gescholtene GenZ, von der ich ein großer Fan bin und mit der ich nur gute Erfahrungen gemacht habe. Wir haben top ausgebildete, smarte Leute, tolle Ingenieure. Wir haben nicht mehr so viel Made in Germany, aber wir haben competence in Germany. Ich verbringe zwar gerne mehrere Wochen pro Jahr in den USA, ich will mich ja um mein Team und unsere Start-ups dort kümmern. Und ich habe einen sehr schönen Feriensitz in Südfrankreich, wo ich einen landwirtschaftlichen Betrieb habe, meine Esel, meine Hühner, mein Weinbau. Aber ich bin Deutscher und ich bleibe Deutscher. Wegziehen finde ich nicht richtig. Das ist Flucht, und Flucht ist feige. Lieber konstruktiv mithelfen, die Lage zu verbessern.

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa/Kay Nietfeld/Thomas von Aagh (Montage)

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