VonKlaus Ehringfeldschließen
Der Automobilsektor im Nachbarland der Vereinigten Staaten profitiert erheblich vom US-Markt. Ob das so bleibt, hängt vom Ausgang der Präsidentschaftswahl am Dienstag ab, denn der Republikaner droht mit Importverbot.
Mexikos Automobilsektor ist das Rückgrat und der Stolz der industriellen Produktion in der zweitgrößten Volkswirtschaft Lateinamerikas. Und vor allem diese Branche muss mit Sorgen auf den 5. November blicken. Denn sollte Donald Trump zum neuen US-Präsidenten gewählt werden, droht er der Autobranche des Nachbarn mit exorbitanten Zöllen und sogar Importstopps.
Trump bedroht den Aufschwung von Mexikos Autoindustrie
Mexiko hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der Big Player im globalen Automobilzirkus entwickelt. 2023 war das Land siebtgrößter Hersteller der Welt mit vier Millionen gefertigten Fahrzeugen und macht Deutschland mittlerweile den sechsten Platz streitig. Über 715 000 Einheiten trugen dazu die großen deutschen Hersteller, vor allem Volkswagen, Audi und BMW, bei. Und der Aufschwung geht weiter. Von Januar bis Juni 2024 liefen in den Werken fast aller großen globalen Hersteller knapp zwei Millionen Fahrzeuge vom Band. Das waren 5,2 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Damit ist Mexiko auf dem besten Weg, das bisherige Rekordjahr 2017 zu übertreffen.
Aber vor allem als Exporteur gehört das lateinamerikanische Land längst schon zu den Top Five der Welt. Vergangenes Jahr verkaufte Mexiko 3,3 Millionen Fahrzeuge ins Ausland, was einem Anstieg von mehr als 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr entsprach. Hauptziel ist hier der wichtigste Automarkt der Welt: die Vereinigten Staaten. Knapp jeder achte aus Mexiko ausgeführte Neuwagen geht ins nördliche Nachbarland.
Donald Trump droht Mexiko: „Kein einziges Auto in den Vereinigten Staaten verkaufen“
Gerade deswegen blicken Analystinnen und Analysten mit großer Sorge auf den 5. November, denn Trump hat im Wahlkampf immer wieder angedroht, die Autos aus Mexiko mit Zöllen von bis zu 200 Prozent zu belegen. Jüngst bezeichnete er Mexiko als direkte Bedrohung und versicherte, das Land werde „kein einziges Auto in den Vereinigten Staaten verkaufen“. Der Vorsitzende des mexikanischen Verbandes der Automobilindustrie (AMIA) hält das in erster Linie für „Wahlkampfgetöse“. Trumps Drohungen gegen den Sektor seien bisher doch „sehr hypothetisch“, sagt Odracir Barquera überraschend entspannt.
Bei der deutschen Wirtschaft in Mexiko sei angesichts solcher Sätze schon eine gewisse Nervosität, aber noch keine Panik zu spüren, betont Johannes Hauser, Geschäftsführer der Deutsch-Mexikanischen Industrie- und Handelskammer (AHK Mexiko). Schließlich sind hier alle großen deutschen Autobauer vertreten, plus Dutzende Zulieferer. Und auch sie sind in Mexiko vor allem, weil sie die USA vor der Tür haben. Sowohl Volkswagen als auch Audi erweitern ihre Werke, der Münchener Autobauer BMW investiert gerade 800 Millionen Euro in eine Hochvoltspeicher-Montage, eine Erweiterung des Karosseriebaus und weitere Montage- und Logistikflächen. Es steht also einiges auf dem Spiel, sollte ein möglicher US-Präsident Donald Trump auch nur in Ansätzen seine Drohungen in die Tat umsetzen.
Durch US-Wahl könnte Mexiko den Status als Darling der Weltwirtschaft verlieren
Noch vor nicht allzu langer Zeit galt Mexiko als der Darling der Weltwirtschaft. Nach der Pandemie verlegten immer mehr Unternehmen ihre Produktion aus Asien und hier vor allem von China nach Mexiko, um näher an den USA zu sein und in den Genuss der Zollerleichterungen des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens USMCA zu kommen. „Near- oder Friendshoring“ waren hier die Stichworte. Immer mehr Investitionen in Milliardenhöhe strömten in das lateinamerikanische Land, und für die Mexikaner galt der im März 2023 angekündigte Bau einer Fabrik des US-E-Autobauers Tesla im nordmexikanischen Monterrey als Ritterschlag. Aber vor vier Monaten legte Eigentümer und Trump-Buddy Elon Musk das Projekt auf Eis. Eine Entscheidung falle erst nach der Präsidentenwahl. „Wir müssen abwarten, wie sich die Dinge in der Politik entwickeln“, sagte Musk und meinte damit natürlich die Zollpolitik gegenüber dem größten Handelspartner Mexiko.
Für das Land war das ein schwerer Dämpfer und wirkte wie ein Fanal. Denn eines ist klar: „Donald Trump sieht Mexiko eher als Problem denn als Lösung“, wie Pamela Starr von der University of Southern California der britischen Wochenzeitung „The Economist“ sagte. Bei den für ihn wichtigsten Themen – Migration, Sicherheit und vor allem auch Handel – hat sich seine Position seit seinem Ausscheiden aus dem Amt im Jahr 2021 verhärtet.
Trumps Wut ist eigentlich auf China gerichtet
Vermutlich gilt die Wut des Republikaners nur mittelbar Mexiko. Eigentlich zielt er auf China, das im Rahmen des USMCA immer stärker in das Land drängt, um so die hohen Washingtoner Strafzölle zu unterlaufen. Und Mitte 2026, bei der turnusmäßigen Revision des Abkommens, werden die USA mit oder ohne Trump darauf drängen, dass die Chinesen Mexiko nicht als günstiges Sprungbrett nutzen.
„Mexiko ist in einen Systemkonflikt zwischen den USA und China involviert, was tendenziell zu großer Unsicherheit führt“, unterstreicht AHK-Chef Johannes Hauser. Aber die neue Staatschefin Claudia Sheinbaum habe bereits deutlich gemacht, dass sie perspektivisch den Import aus China reduzieren will. Zum einen wegen des großen Handelsbilanzdefizits, aber auch, um lokale Zulieferer oder andere internationale Anbieter zum Zuge kommen zu lassen. Und natürlich: Um die nördlichen Nachbarn milder zu stimmen.
Chinesischer Autobauer BYD hat Werk in Mexiko angekündigt
Dabei sind die chinesischen Autohersteller bisher nur mit Ankündigungen am Start. Der weltgrößte E-Autobauer BYD hatte im Februar den Aufbau eines Werkes in Mexiko angekündigt, anvisiert wird eine Produktion von 150 000 Fahrzeugen pro Jahr. Auch Chery Automobile, Great Wall Motors (GWM) und MG Motor (SAIC) wollen kommen, ohne bislang konkrete Investitionssummen oder Standorte zu nennen. Auch sie werden die US-Wahl abwarten.
Für Mexikos Wirtschaft sind das alles schlechte Nachrichten in einem ohnehin komplizierten ökonomischen Umfeld. Die Wachstumsprognosen für dieses und kommendes Jahr sehen mit oder ohne Trump wegen nachlassender Investitionen, hohem Haushaltsdefizit und schwachem Binnenkonsum ohnehin nicht rosig aus. Gerade erst schraubte der Internationale Währungsfonds (IWF) seine Vorausschau für dieses Jahr zum dritten Mal herunter und sieht Mexiko jetzt nur noch bei einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts von 1,5 Prozent. Kommendes Jahr werde das BIP nur noch um 1,3 Prozent wachsen.
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