Armut in Deutschland

Mieten steigen weiter: Ökonomen sehen keine Verbesserung beim Wohnungsmangel

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Die Finanzierungsmöglichkeiten für die Baubranche haben sich etwas entspannt. Doch die Mieten steigen angesichts hoher Nachfrage weiter. Menschen in Deutschland werden zunehmend an die Armutsgrenze gerieben.

Berlin – Mieter in Deutschland mussten in diesem Jahr wieder tiefer in die Tasche greifen. Wie das Deutsche Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in einer Mitteilung vom 18. Dezember schreibt, sind die Mieten 2024 wieder um vier Prozent gestiegen. Gleichzeitig haben sich die Immobilienpreise im Vorjahresvergleich durchschnittlich um fünf Prozent verringert. „Allerdings deutet sich laut aktuellen OECD-Daten seit Mitte des Jahres bereits eine Wende am Wohnungsmarkt an: Die Kaufpreise haben wieder zu steigen begonnen“, sagte Studienautor Konstantin Kholodilin. Grund dafür seien die sinkenden Kreditzinsen.

Seit Anhebung des Leitzinses der Europäischen Zentralbank (EZB) sind die Mietpreise und Kaufpreise der Immobilien in Deutschland auseinander gelaufen. Die Nettokaltmieten sind im Durchschnitt im Vergleich zu 2010 um satte 64 Prozent gewachsen – der Wohnungsbau kommt einfach nicht damit voran, die Nachfrage zu decken. „Die zwischenzeitlich sinkenden Preise können nicht darüber hinwegtäuschen, dass das eigentliche Problem der Wohnungsknappheit fortbesteht“, kommentiert Malte Rieth, ein Autor der DIW-Studie.

Bevölkerung wächst: Hohe Nachfrage nach Wohnraum bleibt bestehen

Die Nachfrage nach Wohnraum ist angesichts wachsender Bevölkerung weiter hoch. Laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes stieg die Anzahl der in Deutschland lebenden Menschen auf 84,7 Millionen zum Jahresende 2023 (2010: 80,2 Millionen). Obwohl sich die Geburtenrate zurückentwickelt, fiel auch gleichzeitig die Sterberate im vergangenen Jahr. Die Nettozuwanderung ist seit 2015 weiterhin groß. Im vergangenen Jahr sind demnach 680.000 bis 710.000 Personen netto zugewandert – bereits wesentlich weniger als 2015  (+1,14 Millionen). 2022 erreichte die Nettozuwanderung dann einen weiteren Spitzenwert von 1,46 Millionen.

Besonders in den Großstädten wächst der Bedarf an Wohnraum durch Zuzüge aus dem Ausland. „Die Mieten steigen, wobei sich der Anstieg im Vergleich zum letzten Jahr beschleunigt hat. Das betrifft alle Regionen, unabhängig davon, ob wir über eine Metropole oder über eine kleine Stadt reden”, teilte DIW-Ökonom Kholodilin. Der Leerstandsquoten ist historisch niedrig: diese lag im Jahr 2022 bei 2,5 Prozent (2010: 3,6 Prozent). Seit 2020 stagniert der Wohnungsbau jedoch. Eine Verbesserung sieht der Experte in den kommenden Jahren wegen steigender Nachfrage und stagnierendem Angebot nicht.

Weil mehr Wohnraum benötigt wird, explodieren die Mieten in Deutschland. (Symbolbild)

Wohnen ist teuer: Mieten treiben Menschen in Deutschland an Armutsgrenze

Die explodierenden Mietpreise sind für viele Menschen in Deutschland zur Finanzfalle geworden. Im Zuge der Inflation haben sich Verbraucher beim Konsum stark zurückgenommen. Laut aktueller GfK-Untersuchung liegt der Konsumindex trotz leichter Verbesserung noch immer bei -21,3 Punkte – vor Corona lag der Index stabil bei 30 Punkten.

Schuld daran sind vor allem auch die Mieten und Nebenkosten, wie eine aktuelle Studie der Forschungsstelle des Paritätischen Gesamtverbands zeigt. Demnach geben Bundesbürger mehr als ein Drittel oder sogar die Hälfte für entsprechende Kosten aus. Sind Miete, Kreditzinsen, Neben- und andere Kosten gedeckt, hätten mehr als 17,5 Millionen Menschen ein verfügbares Einkommen im Armutsbereich.

Armutsstatistiken umfassen nach Auswertung des Verbandes nicht die Berücksichtigung der Wohnkosten. „Wer nur Einkommen betrachtet, nicht aber, dass Menschen immer weniger Geld zur Verfügung haben, weil sie hohe Wohnkosten aufbringen müssen, übersieht das Ausmaß von Armut in Deutschland”, prangert der Paritätische Wohlfahrtsverband an. So sollen, angelehnt an die Untersuchung 5,4 Millionen Menschen mehr in Deutschland unter der Armutsgrenze leben.

Dringender Appel an Bundesregierung: Wohnen muss bezahlbar werden

Mit Blick auf die Ergebnisse der Studie spricht sich Hauptgeschäftsführer des Paritätische Gesamtverband für eine kostenstabilisierende Wohnungspolitik aus: „Eine zielgerichtete Politik zur Vermeidung von Armut in Deutschland braucht gute Löhne, bessere soziale Absicherung und eine Wohnungspolitik, die Mieten bezahlbar hält“.

Ökonomen appellieren dagegen an die Bundesregierung, die Bedingungen für die Baubranche zu verbessern. Bauherren beklagen seit geraumer Zeit die erschwerten Finanzierungsbedingungen und bürokratischen Hürden bei Bauvorhaben, sowie Explosionen auf Kostenseite für Material und Fachkräfte: „Die neue Bundesregierung muss es sich daher dringend auf ihre Agenda schreiben, durch öffentliche Bautätigkeit sowie einer Vereinfachung der Verfahren und Vorschriften gegenzusteuern“, so die Experten des DIW.

Rubriklistenbild: © Patrick Pleul/dpa

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