- VonFelix Lillschließen
Nordkoreas Wirtschaft ist in der Dauerkrise. Die Diktatur sucht nach neuen Exportmöglichkeiten: Nun will Pjöngjang Chinas Markt für Schönheitsprodukte erschließen.
Wer im Nordosten Chinas eine Perücke trägt, hat womöglich ein heikles Produkt auf dem Kopf. Qualitativ hochwertig zwar und vermutlich auch preisgünstig, aber nach internationalem Recht zumindest fragwürdig: „Nordkoreaner kaufen menschliches Haar und andere Materialien aus China und bringen sie dann per Hand an Perücken an“, berichtete vor kurzem die japanische Zeitung Asahi Shimbun. Und fügte hinzu: „Das Land scheint alles zu tun, was es kann, um an Devisen zu kommen.“
Beim ersten Hinsehen ist an Perücken aus Nordkorea wenig Spektakuläres zu erkennen: Haare aus dem Nachbarland China werden importiert, auf nordkoreanischem Boden zu Perücken verarbeitet und dann wieder nach China exportiert. Ebenso findet demnach Handel mit künstlichen Wimpern statt, wie chinesische Zollstatistiken zeigen – und dies zu für Nordkorea ordentlichen Preisen: Profitmargen werden auf fünf bis zehn Prozent geschätzt. „Nordkorea kurbelt seine Exporte von Haarprodukten an“, resümierte die Asahi Shimbun.
Eigentlich sollten aus Nordkorea kaum noch Exportprodukte in die Welt gelangen. Der von einer diktatorisch geführten Kommunistischen Partei regierte Staat ist seit Jahren mit harten UN-Sanktionen belegt, die das Ziel haben, den internationalen Austausch von Waren und Dienstleistungen mit Nordkorea zu unterbinden. Die Raketentests und das Atomprogramm des „Großen Führers“ Nordkoreas, Kim Jong-un, sollen nicht durch Handel finanziert werden.
Nordkoreas Wirtschaft ist in der Krise
Die Wirksamkeit solcher Sanktionen ist umstritten. Zwar leidet Nordkoreas Volkswirtschaft, keineswegs aber das Atomprogramm. Und es zeigt sich, wie erfinderisch auch eine staatlich gelenkte Volkswirtschaft sein kann, wenn sie dringend an Geld kommen muss.
Das 26-Millionenland hat erlahmende Jahre hinter sich. Nachdem die Vereinten Nationen (UN) die Handelssanktionen im Jahr 2017 ausgeweitet hatten, scheiterte auch noch eine Serie von Gipfeln mit den verfeindeten Staaten Südkorea und USA. Dann folgte die Pandemie, woraufhin Kim Jong-un die Schließung der Landesgrenzen zu China und Russland veranlasste. So geriet auch der Austausch mit den zwei der wenigen verbliebenen Handelspartner ins Stocken.
Viele Menschen in Nordkorea sind unterernährt
Ein UN-Report schätzt, dass in den Jahren 2019 bis 2021 um die 40 Prozent der Menschen in Nordkorea unterernährt waren – deutlich mehr als Mitte der Nullerjahre, als die UN-Sanktionen noch weicher waren. Allerdings könnte es nun sein, dass es mit der nordkoreanischen Wirtschaft wieder etwas bergauf geht. Denn mit dem neuerlichen Angriff Russlands auf die Ukraine seit Anfang 2022 sucht Russlands Präsident Putin inmitten internationaler Sanktionen die Nähe zu Pjöngjang, auch um Munition zu erhalten. Nordkorea besitzt noch diverse Waffenarsenale aus sowjetischer Produktion.
Wuchern kann es auch mit arbeitswilligen Menschen in der Grenznähe zu China, die Perücken und künstliche Wimpern fertigen. Strom und Maschinen, mancherorts in Nordkorea Mangelware, sind dafür nicht zwingend nötig. In der ersten Jahreshälfte exportierte Nordkorea Haarbeautyprodukte im Wert von 90 Millionen US-Dollar, drei Mal so viel wie im Vergleichszeitraum 2019.
Nordkoreas Exporte sind vergleichsweise niedrig
Die Exporte Nordkoreas beliefen sich – nach Angaben der Importländer – im Jahr 2022 auf rund 192 Millionen US-Dollar, wobei China der mit großem Abstand wichtigste Handelspartner ist. Das Geschäft mit Perücken und Wimpern steuert nun offenbar einen merklichen Beitrag zur Außenwirtschaft bei. Die Summe bleibt vergleichsweise klein. Das Exportvolumen Burkina Fasos – ein ebenfalls armes Land mit ähnlich großer Bevölkerung – betrug 2022 rund 4,5 Milliarden US-Dollar.
Nordkorea muss angesichts der Sanktionen oft kreativ werden. Über längere Zeit schickte das staatliche Sportsystem leistungsfähige Sportler:innen ins Ausland, wo sie Geld für die Heimat erwirtschafteten, etwa im russischen Profifußball. Bis 2020 wurde auf dem Gelände der nordkoreanischen Botschaft in Berlin ein Hostel betrieben, das monatlich 38 000 Euro Miete an den nordkoreanischen Staat überwies, ehe ein deutsches Gericht den Auszug anordnete.
„Mit den ab 2017 verschärften Sanktionen waren mehrere solcher Strategien nicht mehr möglich“, sagt Vladimir Tikhonov, Professor für Koreanistik an der Universität Oslo. Nun zeigt sich, dass Nordkorea wieder neue Wege findet, um dennoch Geld einzunehmen, sei es mit Waffenprodukten oder Wimpern. Vor kurzem hat der Staat auch angedeutet, seine Grenzen für Personenverkehr zu öffnen. Geführte Touren durch Pjöngjang, wie sie vor der Pandemie für Reisende angeboten wurden, dürften dann auch wieder etwas Geld einbringen.