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„Nur 21 Prozent der Start-ups werden von Frauen geführt“ – Warum Männer bei der Gründung dominieren

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Am Donnerstag stellen die Gründerinnen und Gründer ihre Ideen beim Pitch-Wettbewerb in Leipzig vor.

Gründungsexpertin Linh Pham über Vielfalt in jungen Firmen, Hindernisse bei der Suche nach Investitionen und positive Beispiele aus Start-up-Szene. Ein Interview von Quirin Hacker.

Leipzig – Die Start-up-Szene gilt als jung, dynamisch und hip. Überkommene Rollenbilder und Benachteiligung passen da nicht ins Bild. Dennoch wurden 2022 nur zwei Prozent des weltweiten Wagniskapitals an Frauen vergeben, so der Bericht des World Economic Forum von 2023. Linh Pham will das ändern, dafür organisiert sie die „Leipzig Summer School for diverse Start-ups“.

Frau Pham, die Summer School richtet sich an Start-ups, die divers sind. Welche positiven Beispiele aus der Start-up-Szene kommen dieses Jahr nach Leipzig?

Da ist zum Beispiel Meliodys Medical aus München , ein innovatives medizinisches Unternehmen, das sich auf die nicht-hormonelle Behandlung von Menstruationsschmerzen spezialisiert hat. Ihr Hauptprodukt ist ein intrauterines Gerät, das Schmerzmedikamente statt hormoneller Verhütungsmittel freisetzt. Diese Technologie zielt darauf ab, Schmerzen direkt in der Gebärmutter zu lindern und systemische Nebenwirkungen zu minimieren, um die Lebensqualität von Frauen mit Dysmenorrhoe und Endometriose zu verbessern.

Abseits von der Summer-School: Wie divers ist die Start-up-Szene?

Dazu schaut man sich am besten die jährlichen Umfragen des Bundesverbands Deutsche Start-ups an. Der „Migrant Founders Monitor“ von 2023 ergab, dass jedes vierte Start-up migrantische Gründer:innen hat. Das ist schon ein signifikanter Anteil. Weniger erfreulich sieht es bei der Präsenz von Frauen aus. Die Führungspositionen der meisten Neugründungen besetzen nach wie vor Männer. Laut dem „Deutschen Start-up Monitor“ 2023 werden nur 21 Prozent von Frauen geführt. Diesen Wert finde ich sehr gering und er hat sich in den vergangenen Jahren nicht sonderlich verändert.

Linh Pham arbeitet für Spinlab – the HHL Accelerator. Bild: Eric Kemnitz

Was sind die Gründe dafür, dass Frauen unterrepräsentiert sind?

Zum einen liegt das an den nach wie vor stark verankerten Rollenbildern. Es gibt das Vorurteil, dass Frauen sich nicht durchsetzen können und wenig selbstbewusst sind. Wenn Frauen nicht ernst genommen werden, ist das ein Hindernis. Viele Gründungen kommen zudem aus dem Bereich der MINT-Fächer, in denen Frauen unterrepräsentiert sind. Da setzen Initiativen wie der Girlsday an, die diese Fächer unter Mädchen populärer machen und Themen wie Unternehmertum schon in jungen Jahren ansprechen.

Zur Person

Linh Pham arbeitet für Spinlab – the HHL Accelerator, der Start-up-Förderung der Handelshochschule Leipzig. Mit ihrer Arbeit treibt sie Diversität in der Start-up-Szene voran. Ein Teil davon ist die Leipzig Summer School for diverse Start-ups, die sie gemeinsam mit ihrer Kollegin Celesley Torres organisiert.

Die Summer School ist ein kostenloses einwöchiges Start-up Programm für diverse Gründer:innen. Es gibt Workshops mit erfahrenen Gründer:innen. Am 25. Juli findet der Pitch-Wettbewerb statt, bei dem Gründungsteams ihre Ideen einer Jury und dem Publikum präsentieren.

Welche Rolle spielt Gender bei der Vergabe von Investitionen?

Fast jedes Start-up kommt irgendwann an den Punkt, an dem es sich nicht mehr selbst finanzieren kann. Gründer:innen sind dann auf externe Geldgeber:innen angewiesen, beispielsweise Wagniskapitalfonds (VCs). Das meiste Geld fließt in Start-ups, die von rein männlichen Teams geführt werden. Der Bericht des World Economic Forum von 2023 betont, dass 2022 nur zwei Prozent des gesamten Wagniskapitals an Unternehmen gingen, die von Frauen gegründet wurden. Das liegt daran, dass die Mehrheit der Wagniskapitalfonds ebenfalls rein männlich besetzt sind. Eine Harvard-Studie fand heraus, dass 70 Prozent der VC-Investor:innen Pitches von männlichen Unternehmern bevorzugen, selbst wenn die Pitches identisch sind.

Welche Schritte in die richtige Richtung gibt es?

Kürzlich gingen 6,5 Millionen Euro der Bundesregierung an den Wagniskapitalfonds Nucleus Capital. Der Fonds investiert in Start-ups im Bereich grüne Technologien. Das Geld kam aus dem aus dem Zukunftsfonds der KFW-Bank, genauer der Emerging Manager Facility. Diese Initiative hat das Ziel, aufstrebende Fonds zu fördern, die von Frauen oder geschlechterdiversen Teams geleitet werden.

Wie ist es derzeit um die Freigiebigkeit von Investorinnen und Investoren bestellt?

Zurzeit sieht es auf dem Investment-Markt sehr schwierig aus, das gilt auch für Start-ups. Investor:innen verhalten sich zögerlich, die Investitionssummen sind durch die Krieg, Corona- und Energiekrise eingebrochen. Sich direkt an Investor:innen zu wenden, die eine spezielle Zielgruppe im Blick haben, kann sich lohnen. Die VC-Szene ändert sich gerade stark. Was Vielfalt auf der Investor:innenseite angeht, sehe ich auf jeden Fall Hoffnung. Investorinnen oder weibliche Business-Angels tauschen sich regelmäßiger aus. Sie werden medial mehr wahrgenommen und finden dadurch mehr Gehör. Da gibt es in Deutschland eine Palette von spannenden Vorbildern. Wir hatten einmal eine Veranstaltungen, den Investors-Day, bei dem hunderte Investoren aus ganz Europa nach Leipzig gekommen sind. Eine Teilnehmerin meinte, sie habe vor 35 Jahren in dieser Branche angefangen und sei damals oft die einzige Frau auf solchen Treffen gewesen. Das ist inzwischen anders.

Wie können Unternehmen und die Wirtschaft allgemein von Diversität profitieren?

Nehmen wir das Beispiel Biontech: Hier können wir gut sehen, dass in Deutschland hervorragende Forschung in Unternehmen entstehen kann, die von internationalen und migrantischen Teams geleitet werden. Von Diversität profitiert auch das Geschäft. Vielfältig aufgestellte Teams können zum Beispiel die Bedürfnisse von Zielgruppen besser erkennen, die ja ebenfalls vielfältig zusammengesetzt sind.

Was muss sich ändern, damit es mehr Start-ups mit diversen Gründungsteams gibt?

Es muss politische Veränderung geben, um die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Für weibliche Gründerinnen ist ein Mutterschutzgesetz essenziell, das Selbstständige unterstützt. Bei vielen Frauen fallen Firmen- und Familiengründung zeitlich zusammen. Und finanzielle Unsicherheit während dieser Zeit steht einer Gründung dann häufig im Weg. Ein Mutterschutzgesetz, das Selbstständige absichert, würde die Zahl der Gründungen erhöhen. Auch im Bereich Zuwanderung müssen Barrieren abgebaut werden. Oft werden Abschlüsse von Migrant:innen nicht anerkannt. Sie stecken dann in Jobs fest, für die sie überqualifiziert sind oder die nicht zu ihrem Bildungshintergrund passen. Auch das verhindert Gründungen. Hier muss die Politik bürokratische Prozesse verschlanken und Hürden abbauen.

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