- VonMark Simon Wolfschließen
Die Zahl der Beschäftigten im öffentlichen Sektor steigt seit zehn Jahren an - das zeigt eine IW-Analyse. Dieser Trend hat überraschende Auswirkungen auf den Anteil der Beamten an der Gesamtbelegschaft.
Frankfurt – Die Anzahl der Staatsbediensteten ist in den vergangenen zehn Jahren gestiegen – das geht aus einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hervor. Die Auswertungen basieren auf Daten des Statistischen Bundesamtes und belegen, dass die Anzahl der Beamten und sonstiger Beschäftigter im Auftrag des Staates auf Bundes-, Länder und Kommunalebene zugenommen haben.
Anteil von Beamten im Staatsdienst gehen zurück – obwohl mehr eingestellt werden.
Wenngleich die absolute Menge nicht gesunken ist, ging dafür der Anteil der Beamten im Verhältnis zur Gesamtbeschäftigung des öffentlichen Dienstes zurück. Im Untersuchungszeitraum zwischen 2012 und 2022 verringerte sich der Beamtenanteil auf Bundesebene um 0,5 Prozentpunkte – von 71,8 (2012) auf 71,3 Prozent (2022). In den Ländern ist es noch deutlicher: 2012 machte die Berufsgruppe noch 57,6 Prozent der Gesamtbeschäftigten aus, im Jahr 2022 nur noch 53,5. Auf Kommunalebene spiegelten sich die Veränderungen in einem Rückgang von 14,6 auf 12 Prozent wider. Niedersachsen weist mit einem Beamtenanteil von 61,7 Prozent 2022 den höchsten Wert auf – und hat damit im Zehn-Jahres-Vergleich Bayern als Spitzenreiter von 2012 mit damals 65,1 Prozent abgelöst, heißt es in der Studie weiter.
Für den Autor der Studie, Björn Kauder, Senior Economist für Finanz- und Steuerpolitik am IW Köln, zeige die Studie, dass das Instrument der Verbeamtung über alle Ebenen relativ gesehen an Bedeutung verloren habe. Das hieße aber nicht, dass die Einstellung von Beamten stagniere. Im Gegenteil: Seit 2012 ist die absolute Zahl der Bundesbeamten um rund drei Prozent auf 361.000 angestiegen. Doch im Vergleich vergrößerte sich die Anzahl der Tarifbeschäftigten im selben Zeitraum um fünf Prozent auf 145.000 – was zu einem verringerten Anteil der Beamten führt.
Weniger Beamte in neuen Bundesländern. 30 Prozent Beamtenanteil in Berlin, 90 in Niedersachsen
Noch deutlicher wurde dieser Trend auf Länderebene: Insgesamt wurden innerhalb der vergangenen zehn Jahre 3,4 Prozent mehr Beamte eingestellt – die Zahl betrug 2022 1,22 Millionen. Rund sechsmal höher lag der Zuwachs dafür bei den Angestellten ohne Beamtenstatus, die um 20 Prozent auf 1,06 Millionen anstieg.
Im Bildungsbereich, immerhin der größte Personalbereich auf Länderebene, ging der Beamtenanteil deswegen zurück: In Schulen, Hochschulen oder anderen Bildungseinrichtungen sank dieser seit 2012 um 5,8 Prozentpunkte – insgesamt waren hier nur rund 48,4 Prozent verbeamtet. Die Gründe dafür sind in den neuen Bundesländern zu finden: Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt hatten lange Zeit auf Verbeamtungen verzichtet. Erst ab 2013 bzw. 2019 änderten die Landesregierungen diesen Beamtenstopp.
Beamtenstopp in Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Co? Die Ursache liegen in der Nachwendezeit
Die Ursachen liegen in der Nachwendezeit. Die IW-Studie zitiert den ehemaligen Pressesprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Sachsen-Anhalt, Hans-Dieter Klein: „Die Entscheidungsträger befürchteten damals, dass es sich um rote Socken handelt, die noch dem Sozialismus anhaften und politische Meinung machen wollen. Beamte hätte man bei entsprechenden Entgleisungen nicht entlassen können.“ Berlin verzeichnete laut der Studie den niedrigsten Beamtenanteil von unter 30 Prozent. In Baden-Württemberg, Niedersachsen und dem Saarland stehen dagegen rund 90 Prozent verbeamtete Lehrkräfte gegenüber.
Kritik von Studienautoren an staatlicher Bürokratie. Trotz Personalanstieg herrsche Überlastung
Generelle Kritik äußert die Studie an der Organisation des öffentlichen Dienstes. Trotz des Personalanstiegs bliebe in vielen Bereichen wichtige Arbeit liegen. „Zwar stieg der Personalbestand auf allen Ebenen an, er konnte jedoch mutmaßlich nicht mit dem Wachstum der übertragenen Aufgaben mithalten“, konstatiert Kauder. Der Autor sieht darin einen „Regulierungseifer“ von Seiten des Staates, der zeitintensive bürokratische Prozesse mit sich bringe – zu Lasten der Beschäftigten. Die Gesetze sollten weniger komplex und dafür effizienter gestaltet werden.
Eine ähnliche Meinung vertritt auch Volker Geyer, stellvertretender Bundesvorsitzender des Beamtenbundes. Im Interview mit der Welt plädierte er darauf, den öffentlichen Dienst attraktiver zu gestalten. In Bezug auf Bezahlung und Flexibilität der Arbeitsbedingungen könne der Berufsstand nicht mit der freien Wirtschaft konkurrieren. Außerdem steige die Arbeitsbelastung durch die Zunahme neuer Gesetze und Verordnungen. Auch die höhere Arbeitsbelastung durch die Herausforderungen rund um Themen wie Migration und demografischer Wandel sei ein Faktor.
Rund fünf Millionen Beschäftigte im öffentlichen Dienst. Babyboomer sorgen bis 2035 für Herausforderungen
Insgesamt arbeiten in Deutschland im öffentlichen Dienst laut Bundesamt für Statistik rund fünf Millionen Beschäftigte. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands ist die Zahl der Verbeamtungen aufgrund vielfältigen Stellenabbaus in den neuen Bundesländern sowie im Zuge von Privatisierungen der Deutschen Bundesbahn, der Reichsbahn der ehemaligen DDR und der Deutschen Bundespost erheblich gesunken. Erst seit 2009 sieht Destatis wieder einen Personalanstieg in diesem Bereich – bedingt durch den Ausbau des Kinderbetreuungsangebots, des Polizeiwesens und des Bildungsbereichs.
Dennoch steht der öffentliche Dienst vor großen Herausforderungen. Durch den Renteneintritt der sogenannten Babyboomer bis 2035 werden rund ein Drittel der Beschäftigten wegfallen.