Industrie

Panzer-Zulieferer Renk ist kaum bekannt - Börsengang abgeblasen

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Auch im Bergungsfahrzeug M88 werden Produkte von Renk verbaut, hier: US-Truppen in Litauen.
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Renk baut Spezialgetriebe für Panzer, Fregatten und die Industrie. Die Teile des Augsburger Unternehmens können Garagenformat erreichen. Ein Börsengang wurde kurzfristig abgesagt.

Kaum ein Satz passt besser zum Topprodukt des Unternehmens: „Da jagen sie 15 000 PS durch ein Schweizer Uhrwerk“, sagt Susanne Wiegand. Es geht um enorme Kraft, es geht um Präzision. Und ein bisschen spielt die Chefin von Renk in Augsburg auch mit der Größe: Die Armbanduhr verhält sich zu den meisten Getrieben, die das Werksgelände verlassen, wie ein Bobbycar zum Leopard 2.

Ohne Renk kommt kaum ein Panzer in Europa vom Fleck. Das Unternehmen baut Spezialgetriebe für die Kampfmaschinen und noch viel größere für Fregatten, Eisbrecher, Industrie. Und es lässt einen Blick hinter die Kulissen in die Produktion zu, die eher unscheinbar an einer Ausfallstraße Augsburgs in einem Wohngebiet liegt. Gegenüber vom Haupteingang wartet der Olivenbauer auf Kundschaft, zwei Häuser weiter gibt es vietnamesische Spezialitäten. Auch der Renk-Eingang mit seiner kleinen Glasfront und dem Empfang erinnert eher an eine Krankenkasse.

Doch die Hallen dahinter haben es in sich. Die älteste stammt von 1892, die neueste, Halle 18, von 2019. Zu hören sind das Knattern der Akkuschrauber und vereinzelte dumpfe Hammerschläge. Ab und an zischt Pressluft. Hier werden auf zwei Stockwerken und insgesamt 10 000 Quadratmetern Panzergetriebe hergestellt. In Taktfertigung: Jeden Tag wandern die Getriebe in den Produktionslinien eine Montagestation weiter. Je nach Getriebetyp dauert es vom Rohgehäuse bis zur letzten Schraube zehn bis 15 Tage.

Renk baut Getriebe für Panzer wie den Leopard 2

Alles sehr bedächtig, alles sehr sauber, kein Ölgeruch. Hier geht es um Präzision, nicht um Tempo. Bis zu 20 000 Teile werden verbaut, viele fertigt Renk selbst. Das Getriebe für den Leopard 2 hat das Format eines großen Schreibtisches, kann die 15 000 PS des Antriebs gut umsetzen, wiegt gut 2,2 Tonnen, so viel wie eine Mercedes-S-Klasse. Der ganze Panzer kommt je nach Ausstattung auf ein Gewicht von 50 bis 70 Tonnen.

Anders als ein Autogetriebe, das nur die hohe Motordrehzahl in geringere Drehzahlen für die Reifen umsetzt, muss das im Kettenpanzer nicht nur schalten, sondern auch lenken und bremsen, wie Stefan Müller, Produktionsleiter Fahrzeuge, sagt. Wobei Fahrzeuge vor allem Panzer heißt: Puma, Panzerhaubitze, Lynx, Leopard 2, Leclerc.

Renk ist bislang kaum bekannt

Bis vor kurzem war Renk eher verschwiegen, schließlich zählt das Unternehmen zur eher ungeliebten deutschen Rüstungsindustrie. Außerdem gehörte es zum VW-Konzern. 2020 kaufte der Finanzinvestor Triton mit Sitz in London Renk für einen hohen dreistelligen Millionenbetrag. Seither wird das Unternehmen mit rund 3400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern umgekrempelt. Es soll börsenfähig werden. Chefin Wiegand, vorher unter anderem in der Führung des Panzerbauers Rheinmetall und der Marinesparte von ThyssenKrupp, treibt den Umbau voran.

Börsengang

Am Donnerstag sollte Renk an die Börse gehen. Für den Augsburger Panzergetriebe-Hersteller wäre es gewissermaßen eine Rückkehr gewesen: Bis zum Jahr 2020 war Renk als Teil der VW-Tochtergesellschaft MAN an der Börse notiert.

Der Finanzinvestor Triton sagte den Börsengang kurzfristig ab. FR

Dazu gehört mehr Offenheit und auch, das Geschäft mit erneuerbaren Energien zu erweitern. Im Werk in Hannover haben sie gerade ein wartungsfreies Gleitlager entwickelt, von dem sich Renk viel verspricht. Wer etwa Windanlagen auf See betreibt, spart sich teure und aufwendige Wartung. Bei Wasserstoffanwendungen und im Pipelinegeschäft sieht Renk ebenfalls viele Chancen: Dort seien immer Turbogetriebe für Verdichterstationen nötig, die im nordrhein-westfälischen Rheine gebaut werden.

100 Tonnen schwere Getriebe

Und die Industrie benötigt ebenfalls Getriebe, wie den blau lackierten, containergroßen Kasten in der nächsten Halle, aus dem vorn zwei silberne Wellen mit mehr als 20 Zentimetern Durchmesser ragen. Das Getriebe, Gewicht: 100 bis 105 Tonnen, geht an einen Kunststoffhersteller. Angebaut werden noch ein Antrieb und vorn „eine Art Fleischwolf, der bis zu 100 Tonnen Kunststoff pro Stunde durchdrückt“, sagt Thomas Weichselbaumer, Produktionsleiter Marine und Industrie.

Hauptgeschäftsfeld ist aber das Militär. Zwischen 40 und 50 Armeen beliefert Renk, Nato-Partner, auch Japan, Kanada, Südkorea. Etwa 70 Prozent der 850 Millionen Euro setzte Renk im vergangenen Jahr mit Panzer- und Schiffsgetrieben um. Auch hier sehen sie Potenzial. Mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine ist vielen Ländern klar geworden, dass sie in Verteidigung investieren müssen. Deutschland hat 100 Milliarden Euro bereitgestellt. Wenn Geld davon für neue Panzer ausgegeben wird, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Renk davon profitiert. Ebenso, wenn neue Schiffe gekauft werden.

Renk baut auch Teile für Fregatten

Eine weitere Halle. Im Prüfstand vom Format einer durchschnittlichen Turnhalle, steht ein Dreifachgetriebe für eine neue Fregatte: jeweils eines für die linke und rechte Schraube plus eines dazwischen. Vorne dran kommen noch zwei Elektromotoren. Die Gasturbine, die später im Schiff eingebaut ist und es auf mehr als 30 Knoten beschleunigen soll, wird durch einen Testantrieb simuliert. Alles in Weiß und von der Größe eines Bungalows. Fotografieren ist, wie fast überall in der Renk-Produktion, verboten. Der Kunde? Ein Nato-Partner.

Das Größte, was sie hier am Stammsitz gebaut haben, war ein Planetengetriebe mit gut 350 Tonnen Gewicht. Es dürfte deutlich größer gewesen sein als der Raum, in dem Johann Julius Renk sein Geschäft vor 150 Jahren begann. Die ersten Zahnräder haben auch nur vom Ansehen her etwas gemein mit Zahnrad und Welle, die hier neben einem Schiffsgetriebe im Garagenformat (35 Tonnen) in einer weiteren Halle stehen: etwa 3,20 Meter Durchmesser hat das Rad, die Zähne auf 3000stel Millimeter genau geschliffen, 26,7 Tonnen Gewicht. „Das entspricht 19 Porsche Boxer S“, sagt Produktionsleiter Weichselbaumer und: „Ist in Leichtbauweise ausgeführt.“ Welle und Zahnrad sind für ein sogenanntes Turbogetriebe vorgesehen und gehen nach Asien.

Dorthin liefert Renk per Schiff. Allerdings hat der Standort Augsburg keinen Wasseranschluss, weshalb die Zahnräder und Schiffsgetriebe per Lkw mit Überbreite auf festgelegten Strecken transportiert werden. Straßenschilder werden herausgezogen, Ampeln umgelegt. Gefahren wird nachts, drei oder vier Tage. Langsam. Und präzise.

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