Steuerfreie Überstunden

Kritik an Lindners Überstunden-Plan – „Anreize zu schaffen, mehr zu arbeiten, ist falsch“

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Steuerfreie Überstunden sollen die deutsche Wirtschaft ankurbeln, sagt Christian Lindner. Arbeitspsychologin Hannah Schade schießt dagegen.

Hamm - Die FDP hat den Plan, Überstunden steuerfrei zu machen. Dieser finanzielle Anreiz soll „den Leuten Lust machen auf die Überstunde“, sagte FDP-Parteichef Christian Lindner in der ARD-Sendung „Caren Miosga“. Laut eines Beschluss-Papiers der FDP könnte diese Maßnahme die Wirtschaft wieder ankurbeln und für ein „wirtschaftlich starkes Deutschland“ sorgen. Kritik am Plan gibt es von vielen Seiten. Hannah Schade sieht darin sogar eine Gefahr für die Wirtschaft.

Überstunden sind „Anreiz zum ineffizienten Arbeiten“

Die Arbeitspsychologin vom Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund steht der geplanten Maßnahme der FDP sehr kritisch gegenüber. Steuerfreie Überstunden schaffen einen „Anreiz zum ineffizienten Arbeiten“, sagt sie im Gespräch mit wa.de. Wer effizient und schnell arbeitet, würde damit sogar abgestraft.

Die Hälfte der deutschen Beschäftigten fühlt sich Burnout-gefährdet. (Symbolbild).

„Der Wirtschaft kann man damit schaden“, meint Hannah Schade. Denn für die Gesundheit seien häufige Überstunden schädlich: So würden überarbeitete Mitarbeiter häufiger krank und wären nicht mehr leistungsfähig. Sie könnten dann keinen Gewinn für ihr Unternehmen erwirtschaften. Daher denkt Hannah Schade über den Plan der FDP: „Anreize zu schaffen, mehr zu arbeiten, ist falsch.“

Unsinnige Überstunden

Ab wann ergeben Überstunden keinen Sinn mehr? Eine Studie der Uni Stanford und des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit in Bonn zeigt, dass Arbeitnehmer bei vielen Überstunden unproduktiver werden. Nach 48 Wochenarbeitsstunden sinkt der Mehrwert der Arbeit durch jede Extra-Stunde, ab 55 Stunden hat jede weitere Überstunde keinen Mehrwert mehr. Das „Scheuklappendenken“ der übermüdeten Arbeitnehmer sei heutzutage eh nicht mehr von Unternehmen gefordert, so Hannah Schade.

Burnout-Risiko erhöht

„Der Gedanke, dass der Staat durch steuerfreie Überstunden die Unternehmen darin unterstützt und dazu motiviert, Mitarbeitergesundheit zu gefährden, sendet ein Signal, das umgekehrt sein müsste – nämlich, dass Gesundheit und Wohlbefinden aller im Interesse von Führungskraft, Unternehmen und Staat steht“, sagt Arbeitspsychologin Hannah Schade.

Schon 2021 fühlte sich mehr als ein Drittel (38 Prozent) der Beschäftigten in Deutschland Burnout-gefährdet, besagt der Gallup Engagement Index. Mehrarbeit kann das Burnout-Risiko weiter erhöhen. Das geht aus einem wissenschaftlichen Artikel der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hervor. Würden mehr Beschäftigte durch Burnout-Erkrankungen ausfallen, ständen weniger leistungsfähige Arbeitnehmer zur Verfügung.

Gesellschaftliche Folgen von Überstunden

„Die Überstunden können der Volkswirtschaft Gelder kosten, der Gesellschaft kostet das aber noch viel mehr“, so Arbeitspsychologin Hannah Schade. Soziale Probleme zum Beispiel in Beziehungen könnten zunehmen. Auch könnte die geschlechterungleiche Verteilung in der Arbeitswelt ansteigen. Besonders bei Paaren, bei denen das Einkommen des Manns höher ist und die steuerfreien Überstunden damit attraktiver wären, können Beziehungsprobleme entstehen, sagt die Arbeitspsychologin.

Was ist Burnout?

Das Burnout-Syndrom ist eine Folge von langfristiger Arbeitsüberforderung oder -belastung. Betroffene fühlen sich ausgebrannt und erschöpft. Infolgedessen können Symptome wie Müdigkeit und auch körperliche Beschwerden auftreten. Außerdem kann die Leistungsfähigkeit bei Betroffenen abnehmen.

30-Stunden-Woche als Gegenmodell

Hannah Schade sieht die steuerfreien Überstunden als ein klares Gegenmodell zur häufig gewünschten 30-Stunden-Woche. Dabei sei ein Modell mit weniger Arbeitsstunden in ihren Augen realistischer als die finanziellen Anreize, mit denen die FDP locken will: In bestimmten Bereichen wie der Wissensarbeit (hierzu zählen beispielsweise Programmierer) sei es wichtig, dass die Arbeitnehmer erholt an die Arbeit gehen. Denn das ermögliche lösungsorientiertes, effektives und fehlerfreies Arbeiten. „Der Mehrwert von erholten Mitarbeiter wird häufig nicht mitgerechnet. Dabei fallen die seltener unplanmäßig durch Krankheit aus“, sagt die Arbeitspsychologin.

FDP-Chef Christian Lindner sorgte zuletzt mit seinem Bürgergeld-„Update“ für Diskussionen. Darin kritisiert er die Empfänger des Bürgergelds.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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