„Lage ist dramatisch“

Trotz positiver Zahlen: „Millionen Bürger erleben bereits, dass ihr Lebensstandard sinkt“

  • schließen

Der Lebensstandard vieler Bürger sei in Gefahr, warnt Top-Ökonom Fuest trotz verbesserter Stimmung in deutschen Unternehmen – und beharrt auf notwendigen Reformen.

München – Die Stimmung in den Unternehmen in Deutschland hat sich im Oktober dem Münchner ifo-Institut zufolge zwar verbessert – doch ifo-Chef Clemens Fuest schlägt trotzdem Alarm. Er warnt vor einem weiteren Verfall der deutschen Wirtschaft und fordert ein größeres Reformkonzept. „Deutschland befindet sich seit Jahren in einem wirtschaftlichen Niedergang. Die Lage ist mittlerweile dramatisch“, sagte Fuest der Bild am Sonntag.

ifo-Geschäftsklimaindex steigt – „Wir sehen einen leichten Hoffnungsschimmer“

Dabei hat sich aktuellen ifo-Zahlen zufolge die Stimmung in den Chefetagen deutscher Firmen aufgehellt und verdeutlicht damit die Hoffnung auf bessere Zeiten. Der ifo-Geschäftsklimaindex stieg auf 88,4 Zähler, nach 87,7 Punkten im September, wie das ifo-Institut am Montag (27.10.2025) zu seiner Umfrage unter rund 9000 Führungskräften mitteilte. Grund seien die höheren Erwartungen für die kommenden Monate.

Top-Ökonom Clemens Fuest warnt, dass der Lebensstandard vieler Bürger sinkt – und fordert Reformen. (Montage)

ifo-Umfragechef Klaus Wohlrabe sagte im Reuters-Interview, in allen großen Sektoren seien die Erwartungen im Oktober gestiegen – sowohl in der Industrie als auch in der Baubranche und den Dienstleistern: „Wir sehen einen leichten Hoffnungsschimmer bei den Industrieaufträgen.“ Dort scheine der Rückgang der Nachfrage gestoppt. In wichtigen Branchen wie dem Auto- und Maschinenbau sowie in der Elektrotechnik gehe es nach oben, nur in der Chemieindustrie nicht. „Der Auftragsmangel bleibt aber ein klares Problem, es ist noch nicht gelöst“, fügte der Experte hinzu.

Experten warnen: Deutschlands Wirtschaft schwächelt trotzdem

Der Anstieg des Ifo-Barometers sei natürlich erfreulich, resümierte LBBW-Experte Jens-Oliver Niklasch. Allerdings falle es nicht ganz leicht, die Zuversicht auf eine Wende zum Besseren zu teilen, denn die jüngsten Zahlen aus der Wirtschaft seien überwiegend unerfreulich: „Zu den bereits bekannten Belastungsfaktoren ist in diesem Monat zudem das Problem der Verfügbarkeit von Mikrochips getreten“, fügte der Experte hinzu.

Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank, erklärt: „Die Verbesserung der Stimmung ist der Vorschatten der Konjunkturimpulse, die im nächsten Jahr durch höhere Ausgaben für Infrastruktur und Verteidigung erwartet werden. Sie hat jedoch wenig zu tun mit den langfristigen Beobachtungen, dass Wachstum, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland immer schwächer werden und damit langfristig den Wohlstand gefährden.“

Fuest: „Millionen Bürger erleben bereits, dass ihr Lebensstandard sinkt“

Die Bundesbank geht davon aus, dass die deutsche Wirtschaft im Sommer noch nicht vom Fleck gekommen ist. Dies sehen auch die von Reuters befragten Experten ähnlich, die eine Stagnation erwarten. ifo-Präsident Fuest warnte jüngst in einem Zeitungsinterview eindringlich: „Während die staatlichen Ausgaben immer weiter steigen, sinken die privaten Investitionen. Damit ist Deutschlands Wohlstand akut in Gefahr, denn weniger private Investitionen bedeuten mittelfristig weniger Wachstum, weniger Steuereinnahmen und damit auch weniger Geld für staatliche Leistungen.“

Schon länger stagniere der durchschnittliche Lebensstandard, warnte Fuest in der Bild am Sonntag. „Millionen Bürger erleben bereits, dass ihr Lebensstandard sinkt.“ Der Ökonom forderte die Bundesregierung auf, in den nächsten sechs Monaten ein umfassendes Reformkonzept vorzulegen, das weit über den Koalitionsvertrag hinausgeht. Das Gesamtkonzept müsse bis spätestens Frühjahr 2026 vorliegen. Fuest schlägt dabei umfassende Sozialreformen vor. So müsse etwa die Mütterrente gestoppt werden. Stattdessen sollte die Regierung dafür sorgen, dass die Beiträge nicht weiter steigen. Zudem müssten Firmen konsequent bei Bürokratie entlastet werden. Quellen: Reuters, ifo-Institut, AFP, dpa, Bild am Sonntag, DekaBank

Rubriklistenbild: © Montage/Imago/Sven Simon/Wolfgang Maria Weber

Kommentare