VonBona Hyunschließen
Putins Besuch in Aserbaidschan steht im Zeichen der Wirtschaft. Es gibt Theorien über Pläne, einen wichtigen Gas-Deal auszuhandeln – der die EU hellhörig werden lassen könnte.
Moskau – Russlands Wirtschaft hat ein Gas-Problem. Möglicherweise ist das auch ein Grund, warum Präsident Wladimir Putin bei seinem Besuch in Aserbaidschan kein Wort über die ukrainische Offensive in Kursk verliert. Stattdessen drehen sich die Gespräche um mögliche Projekte im Energiesektor. Der Zeitpunkt könnte nicht gelegener sein, denn zum Ende des Jahres 2024 läuft ein wichtiger Gas-Vertrag zwischen Russland und der Ukraine aus.
Problem für Russlands Wirtschaft überschattet Kursk-Offensive – Gas-Deal mit Aserbaidschan?
Beim Treffen der Präsidenten Putin und Ilham Aliyev am 18. August haben beide eine engere Zusammenarbeit vereinbart. Nach den Gesprächen in Baku nannte Putin den Bau kleiner Tankschiffe als ein gemeinsames Projekt. Die fluss- wie seegängigen Tanker sollten Öl aus der Region des Kaspischen Meeres und des Schwarzen Meeres ins Mittelmeer und damit auf den Weltmarkt transportieren.
Beide Seiten begrüßen die Vertiefung der Zusammenarbeit. „Ich möchte anmerken, dass wir sehr zufrieden sind mit dem Niveau des Zusammenwirkens unserer Länder“, sagte Aliyev zu Putin. Doch bei geplanten Öl-Projekten würde die Kooperation beider Länder offenbar nicht aufhören.
Putin freut sich für Russlands Wirtschaft: Künftig getarntes Gas aus Russland?
„Beobachter gehen seit geraumer Zeit davon aus, dass Russland versuchen wird, sein Gas über Aserbaidschan nach Europa zu bringen“, sagte Michail Krutichin, russischer Wirtschaftsanalyst und Experte für den Gasmarkt, zum ZDF. Fließt also bald wieder russisches Gas nach Europa?
Auch der ukrainische Energieexperte Mykhailo Gonchar geht davon aus, dass Putin und Aliyev Pläne ausarbeiten könnten, russisches Gas durch die Ukraine fließen zu lassen und es als Gas aus Aserbaidschan zu tarnen. Aserbaidschan verfüge über nicht viel Gas, so Gonchar. „Gazprom hingegen hat viel Gas, weil es den europäischen Markt verloren hat“, sagte der Experte gegenüber der Euromaidanpress. Für Putin wäre das eine Möglichkeit, wieder in das europäische Gas-Geschäft einzusteigen.
Auch wegen Kursk-Offensive: Putin sucht nach Möglichkeiten für Gas-Geschäfte
Derzeit dürfte der russische Präsident angesichts der fortschreitenden Kursk-Offensive um seine Gas-Pipeline nach Europa besorgt sein. Über die Stadt Sudscha in der Oblast Kursk, die laut ukrainischen Angaben von Kiew eingenommen wurde, pumpt Gazprom sein Gas durch die Ukraine in die EU-Mitgliedsstaaten. Von Sudscha aus führt der Transit durch die Ukraine und weiter in die Slowakei und nach Österreich. In den ersten zehn Monaten des Jahres 2023 flossen zwölf Milliarden Kubikmeter russisches Gas über die Ukraine nach Europa, wie Daten von S&P Global belegten.
Hintergrund ist ein Transitvertrag der Ukraine, der mit Russland noch vor dem russischen Überfall auf die Ukraine beschlossen wurde. „Früher wurde dieser Transit als unbedeutender Gasfluss betrachtet, der vernachlässigt werden konnte. Jetzt aber sucht Putin verzweifelt nach Möglichkeiten, auf den europäischen Gasmarkt zurückzukehren“, erklärt Gonchar gegenüber der Euromaidanpress. Auch angesichts der Rekordverluste von Gazprom und offenbar scheiternden Gas-Verhandlungen mit China könnte Putin Interesse haben, den Gasfluss gen Westen fortzuführen.
Wichtiges Gas-Abkommen zwischen Russland und Ukraine läuft aus – Aserbaidschan im Fokus
Die Ukraine hat bislang kein Interesse gezeigt, das Transitabkommen zu verlängern oder zu erneuern. Ab 2025 wolle die Ukraine kein russisches Gas mehr weiterleiten. Das sagte der Chef des staatlichen ukrainischen Energiekonzerns Naftogaz, Olexij Tschernyschow, in einem Interview mit dem US-Auslandssender Radio Liberty. Allerdings gibt es offenbar Gespräche, auf andere Weise Gaslieferungen über die Ukraine zu ermöglichen. Zur Diskussion steht der Vorschlag, russisches Gas durch Gas aus Aserbaidschan zu ersetzen.
„Die ukrainischen Behörden und die EU sind an uns herangetreten, um uns bei der Verlängerung dieses Vertrags zu unterstützen“, bestätigte auch Präsident Aliyev im Juli. Zugleich wies er darauf hin, dass man mit Russland in dieser Angelegenheit verhandle, allerdings ging er nicht ins Detail. Ob Aserbaidschan jedoch genug Kapazitäten dafür hätte, russisches Gas zu ersetzen, ist fraglich. Die Europäische Union, die seit 2022 daran arbeitet, ihre Gasimporte aus Aserbaidschan zu erhöhen, äußert sich bislang nicht zu möglichen Verhandlungen. (bohy mit Material der dpa)
