VonLars-Eric Nievelsteinschließen
Russland und China haben ein Abkommen für den Arktis-Handel unterzeichnet. Das könnte direkt westliche Sanktionen unterlaufen. Aber es gibt Probleme.
Moskau – Auf Russland kommt eine enorme Sanktionswelle zu. Neue EU-Sanktionen sind dabei nur eine Seite der Medaille – auf der anderen Seite des Atlantiks hat auch das Weiße Haus Strafmaßnahmen angekündigt. Diese sollen sich vorrangig gegen Russlands Ölsektor richten. US-Finanzminister Scott Bessent sprach von einer der „stärksten Sanktionen“, die die USA je verabschiedet hätten. Diese betreffen zwei riesige russische Ölkonzerne. Allerdings hat Kreml-Chef Wladimir Putin bereits einen möglichen Ausweg gefunden.
Rettung für Putins Öl-Sektor – NSR soll Russland-China-Handel befeuern
Worum geht es dabei? Offenbar haben Peking und Moskau eine neue Übereinkunft bezüglich der sogenannten Nördlichen Seeroute (NSR) geschlossen. Damit wollen sie gemeinsam eine Schiffsroute durch die russische arktische See entwickeln und kommerzialisieren.
Wie mehrere Medien, darunter das Maritim-Portal gCaptain, berichteten, haben chinesische und russische Offizielle dazu Mitte Oktober im chinesischen Harbin einen Handel unterschrieben. Anwesend waren der chinesische Minister für Transport, Liu Wei, und der russische Rosatom-Chef Alexei Likhatschew. Rosatoms Rolle hierbei: Das Unternehmen beaufsichtigt die nuklear betriebenen Eisbrecher Russlands.
Das Treffen war angeblich Teil einer schon 2024 vereinbarten Kooperation zur NSR. Was das mit Trumps neuen Sanktionen zu tun hat: Unter Umständen könnte Russland darauf bauen, dass es durch die neue Arktis-Kooperation mehr Energie-Exporte nach Asien liefern kann, was das Land weiter vom Westen unabhängig machen würde. Dabei gibt es jedoch einige Probleme.
NSR als Suez-Kanal-Alternative – drastische Zeitersparnis für Russland und China?
Zunächst aber treten wir einen Schritt zurück und schauen uns an, was die NSR eigentlich ist. Die „Nördliche See-Route“ verläuft von nördlichsten Punkt der Nordsee quer durch die eisigen Gewässer des Arktischen Ozeans nördlich von Russland in Richtung Osten. Dort trifft sie zuerst die Tschuktschensee und die Beringstraße, bis sie schließlich in Nordpazifik mündet.
Für Russland spielt die NSR eine besondere Rolle. Das Stichwort hierbei ist der Schwenk nach Asien. Soll heißen: Russland will sich den Volkswirtschaften in der asiatischen Pazifik-Region annähern und kann diese Route als Alternative zur Suez-Kanal-Route nutzen. Neben Verbrauchsgütern kann Russland auch flüssiges Erdgas (LNG) aus den wichtigen Nordmeer-Projekten nach Asien liefern, oder auch Öl und andere Energieexporte.
Der große Vorteil zur Suez-Route: Die Nordostpassage erlaubt eine Zeitersparnis um knapp die Hälfte. Braucht ein Containerschiff rund 35 Tage, wenn es von Shanghai aus über den Suez-Kanal nach Hamburg fährt, so wären es über die NSR grob die Hälfte der Tage. Das senkt neben der Lieferzeit auch die Transitkosten.
West-Sanktionen könnten Putins Plan vernichten – NSR bringt Probleme mit sich
Allerdings gibt es dabei einige Probleme. Eines davon ist die Kälte im Nordmeer. Sie sorgt dafür, dass sich Packeis bildet und große Teile der NSR monatelang nicht wirklich zugänglich sind. Aktuell erwarten Experten, dass der Klimawandel hier für eine Verlängerung der zugänglichen Perioden sorgen könnte, aber bis dahin wird es noch dauern. Aktuell verlässt sich Russland auf Eisbrecher, damit die nördliche Route überhaupt befahrbar ist.
Das zweite Problem – das sich direkt aus dem ersten ergibt – ist der russische Bedarf an Eisbrechern. Das Forschungs- und Analyseinstitut Jamestown Foundation ging noch im Winter 2024 davon aus, dass Russland viel zu wenige funktionstüchtige Eisbrecher hat, um eine ausgedehnte Nutzung der NSR zu ermöglichen. Und das, obwohl das Land schon mehr Eisbrecher als jedes andere Land auf der Welt besitzt.
Westliche Sanktionen verschärfen dieses zweite Problem zusätzlich. Ein Beispiel dafür ist der Bau zweier Eisbrecher, den die russische Regierung aufkündigen musste, weil dazu wichtige westliche Komponenten vonnöten gewesen wären. Das berichtete die russische Exilzeitung Moscow Times. Eigentlich waren die Schiffe als moderne Eisbrecher konzipiert gewesen, fähig dazu, durch bis zu 1,5 Meter dickes Eis zu brechen. Ob die NSR sich kurz- bis mittelfristig als Problemlöser für die neuen Trump-Sanktionen etablieren kann, bleibt abzuwarten.
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