Putins Kriegs-Wirtschaft hat „Wendepunkt“ überschritten – brisanter Wandel in Russland aufgedeckt
VonRichard Strobl
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Wladimir Putin hat Russlands Wirtschaft auf Krieg getrimmt. Doch in vielen Bereichen stößt man an Grenzen. Das liegt auch an Entscheidungen des Kremls.
Moskau – Seit Beginn des Ukraine-Kriegs hat Wladimir Putin Russlands Wirtschaft auf Krieg umgestellt. Mit staatlichen Investitionen in diesem Segment widersteht das Land bislang auch westlichen Sanktionen. Zumindest auf den ersten Blick. Doch laut einer neuen Studie gibt es nun auffällige Verschiebungen im Waffensektor.
Russlands Wirtschaft hat „Wendepunkt“ überschritten – Wandel im Rüstungssektor
Seit Beginn des Ukraine-Kriegs war der Rüstungssektor in Russland exponentiell gewachsen. Das lag vor allem an Investitionen des Staates in diesem Bereich. Dadurch waren Hunderttausende neue Jobs entstanden, was die Löhne stark steigerte und nebenbei auch die Inflation antrieb. Doch mittlerweile ist dieser Prozess offenbar an seine Grenzen gestoßen.
Noch 2024 hatte die Duma befürchtet, dass der Rüstungsindustrie „in naher Zukunft“ bis zu 400.000 Fachkräfte fehlen würden. Doch entgegen der Prognose sank der Bedarf an weiteren Arbeitskräften bis August 2025 der neuen Studie nach auf ein Rekordtief seit Beginn des Ukraine-Kriegs.
Wladimir Putin: Der Aufstieg von Russlands Machthaber in Bildern
Schon im März sprach Russlands stellvertretender Minister für Industrie und Handel, Wassili Osmakow, von einem „Wendepunkt“, den die russische Kriegs-Wirtschaft erreicht hatte. Die Löhne im Rüstungskomplex stiegen nicht mehr. Zeitgleich stiegen die Durchschnittslöhne in Russland aber weiter. Mittlerweile sind die Löhne dem Bericht der Novaya Gazeta nach aber sogar zum ersten Mal gesunken.
Die Analyse nennt dafür auch Gründe: So hatte Russlands Rüstungssektor vor dem Angriff auf die Ukraine nicht mit voller Kraft gearbeitet. Als die staatlichen Aufträge kamen, erhöhte man die Auslastung der Fabriken. Mit neuem Personal wurde teils 24 Stunden an sieben Tagen die Woche gearbeitet. Die Löhne stiegen.
Doch mittlerweile ist der Analyse nach das Maximum der Auslastung erreicht. Um noch mehr produzieren zu können, müssten neue Anlagen gebaut werden und Maschinen gekauft werden. Das sei kostspielig und logistisch anspruchsvoll. „Weiteres Wachstum ist schwierig, da Werkstätten, Produktionslinien und Lieferketten ihre Grenzen haben“, so Verteidigungspolitikexperte Pavel Luzin zu Novaya Gazeta.
Russlands Wirtschaft für den Ukraine-Krieg: Putin muss sich entscheiden
Doch auch Wladimir Putin hat nicht uneingeschränkt Geld. Wegen finanzieller Engpässe und der Inflation habe Russland nicht die Möglichkeit, allen Rüstungsunternehmen subventionierte Kredite für den Ausbau zu gewähren. Putin konzentriert sich in der Folge auf die Güter, die er an der Ukraine-Front am dringendsten braucht: Drohnen und Raketen.
Der Analyse nach sind dies die einzigen Rüstungsbereiche, in denen die Löhne aktuell weiter steigen. Die Konzentration des Staates auf Drohnen und Raketen schränkt die Optionen der anderen Hersteller demnach aber weiter ein. Schließlich steigen auch die Aufträge nicht. Deshalb würden etwa Panzerhersteller oder Flugzeughersteller keinen Sinn darin sehen, ihre Produktionskapazitäten auszubauen.
Der russische Präsident Wladimir Putin besichtigt die Ausstellung von Waffen und Militärausrüstung bei seinem Besuch der Motovilikha-Werke in Perm, Russland.
Die Folge: Panzerhersteller seien etwa mit der Reparatur und Modernisierung beschäftigt und nicht mit der Neuproduktion von Fahrzeugen. „Doch selbst die Vorkriegsreserven gehen bereits zur Neige – das zeigt sich an der Verringerung der Lieferungen an die Front“, zitiert das russische Exilmedium einen Analysten der in Georgien ansässigen Open-Source-Geheimdienstorganisation Conflict Intelligence Team (CIT).
Wandel in Putins Rüstungsindustrie aufgedeckt – Rückschlüsse für NATO möglich?
Doch für die Ukraine-Front hat dies bislang offenbar keinen wesentlich negativen Effekt. Russland hat seine Angriffsmuster umgestellt – schickt kaum Panzer, mehr Drohnen und Infanterie. Auch Flugzeuge müssen nicht mehr produziert werden, so das CIT demnach weiter. Russlands Kampfjet-Produktion deckt die Verluste.
Doch eine schnelle Ausweitung der Produktion im militärischen Sektor – außerhalb von Drohnen und Raketen – scheint den Berichten nach aktuell nicht möglich. Es müssten schließlich erst Fabriken gebaut werden. Der Kreml sieht darin offenbar aber aktuell keinen Sinn oder hat nicht die Mittel – beschränkt sich auf die Produktion, um seinen Bedarf an der Ukraine-Front zu decken. Eine Invasion der NATO erscheint vor diesem Hintergrund aber eher unwahrscheinlich.
Die Einordnung des US-Thinktanks Institute for the Study of War zu den Vorgängen lesen sich wie folgt: „Russlands Schwerpunkt auf den Ausbau des militärisch-wirtschaftlichen Komplexes während des Krieges hat teilweise zu vielen der aktuellen wirtschaftlichen Probleme des Landes geführt, wie etwa der Inflation. ISW geht weiterhin davon aus, dass die russische Regierung Investitionen in diesem Bereich zu sehr priorisiert und andere Sektoren vernachlässigt und dass die russische Wirtschaft weiterhin unter der Last des Krieges in der Ukraine schwächelt.“ (Verwendete Quellen: Novaya Gazeta, Institute for the Study of War, Moscow Times)