Sanktionen

Putins Technologie-Problem: Russland liegt „zehn Jahre hinterher“

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Russland fehlen moderne Halbleiter. Westliche Sanktionen verhindern jeden Import. Einer Analyse zufolge herrscht große Besorgnis.

Brüssel – Die schlechten Nachrichten häufen sich: Vor wenigen Tagen hat der russische Präsident Wladimir Putin ein Dekret unterzeichnet, das es ihm erlaubt, Rüstungsunternehmen zu enteignen, wenn die ihre Arbeit nicht gut genug machen. Nur kurz darauf verlor Russland angeblich bei einem der größten ukrainischen Angriffe seit Kriegsbeginn Dutzende von Kampfflugzeugen. Gleichzeitig brechen die Einnahmen aus dem Öl- und Gasverkauf ein. Es scheint, als würden die West-Sanktionen die Schlinge enger ziehen. Das zeigt sich jetzt auch auf dem Gebiet Halbleiter-Technologie.

Halbleiter-Sanktionen schwächen Russlands Wirtschaft – eigene Technologie weit abgeschlagen

Die Abhängigkeit von westlicher Halbleiter-Technologie stellt sich für Russland als Falle heraus. Offenbar fällt dies nun zunehmend der russischen Armee auf – einem aktuellen Bericht zufolge herrscht Alarmstimmung. Konkret geht es um interne Unterlagen der russischen Rüstungsfirma NPO VS, die die Bild am Sonntag auswertete. NPO VS sitzt in Kasan, im Südwesten Russlands, und spielt eine zentrale Rolle bei der Ausrüstung der russischen Streitkräfte.

Wladimir Putin in Moskau (Symbolfoto). Russland ringt um neue Halbleiter. Sanktionen machen den Ankauf aus dem Westen unmöglich. Einer Analyse zufolge herrscht Alarmstimmung.

Bei den ausgewerteten Unterlagen handelt es sich angeblich um rund 1,1 Millionen E-Mails, Verträge und Präsentationen, versehen mit der Sicherheitsstufe „streng geheim“. Briefe des ehemaligen Verteidigungsministers Sergei Schoigu sollen sich ebenfalls darunter befinden. Offenbar haben sich die Experten alarmiert über die russische Abhängigkeit und Verwundbarkeit bei den Halbleitern geäußert. Die heimischen Hersteller – darunter Elbrus und Baikal – seien keine Alternative zu den US-Herstellern, soll ein Rüstungsmanager erklärt haben.

„Sie (die russischen Chips) sind der Konkurrenz in puncto Leistung und Energieeffizienz unterlegen und zudem deutlich teurer“, zitierte die Bild am Sonntag einen NPO-Manager. Das Land hänge „mindestens“ zehn Jahre der Konkurrenz hinterher.

Westen setzt Sanktionen auf – Russland kontert mit verschiedenen Tricks

Die EU hat bereits 2022 Ausfuhrbeschränkungen für „Halbleiter und modernste Elektronik“ beschlossen. Aus den USA kamen ähnliche Maßnahmen. Russland kann seine Halbleiter darum nicht direkt im Westen kaufen – hat dafür jedoch einige Lösungen gefunden. Der Bild zufolge greift Moskau unter anderem auf China zurück. Das geschehe allerdings eher widerwillig. Ein „Lieferant aus einem potenziellen Feindland“ werde hier lediglich durch einen Lieferanten „aus einem anderen potenziellen Feindland“ ersetzt.

Darüber hinaus hat sich Russland als sehr trickreich erwiesen, wenn es darum geht, die internationalen Lieferketten auszunutzen. Zum Beispiel gelangt der Kreml über den Kauf von nicht-sanktionierten Gütern an Computerchips – diese finden sich nämlich auch in Verbraucherprodukten. Der Nachteil daran: Russland zahlt nicht nur den Preis für die Elektrotechnik, sondern für ganze Produkte, die dann nach dem Ausbau der Elektronik nutzlos werden.

Und zuletzt greift Russland nicht nur auf China zurück, sondern auch auf andere Drittländer (darunter Indien und die Türkei), die dem Kreml im Westen eingekaufte Teile weiterverkaufen. Eine Handhabe dagegen wären Sekundärsanktionen, von denen die EU aber bislang eher Abstand genommen hat.

Russland bezieht Halbleiter-Exporte – größtenteils aus China

Wie sieht das in Zahlen aus? Laut dem Observatory of Economic Complexity importierte Russland im Jahr 2023 Halbleiter-Geräte im Wert von 269 Millionen US-Dollar. Die meisten davon stammten aus China (216 Millionen US-Dollar), Kasachstan (19,9 Millionen Dollar) und Hongkong (16,7 Millionen Dollar).

Diese waren zugleich die am schnellsten wachsenden Absatzmärkte für Halbleiter, die am Ende in Russland landeten.

Halbleiter-Schwäche als Sowjet-Erbe – Nachwirkungen auf heutiges Russland

Woher kommt diese russische Abhängigkeit? Hier eignet sich ein Blick zurück auf die Anfänge der Chipindustrie Russlands. Schon in Zeiten des Kalten Krieges war Russland deutlich im Hintertreffen, was die Chipindustrie angeht. Das ging so weit, dass Sowjet-Spione von CIA-Desinformation ausgingen, als sie gewöhnliche Tarnkappen-Technologie der USA ausspähten. Nach dem Fall der Sowjetunion deckte Russland seinen Bedarf an Computerchips fast vollständig über Importe.

Die Mikroelektronik-Produktion des Landes konnte nicht mit den internationalen Herstellern aus den USA, Europa oder Asien mithalten. Ein problematisches Erbe aus veraltetem Equipment und fehlendem Personal behinderte Russlands Bemühungen, eine eigene Industrie auf Weltklasseniveau aufzubauen. Dem australischen Thinktank Australian Institute of International Affairs zufolge hat das bis heute Nachwirkungen auf die russische Chip-Industrie.

China als Russland-Gehilfe – so umgeht der Kreml West-Sanktionen

Um das auszugleichen, hat sich Russland eben an China gewandt. Allerdings sind die chinesischen Komponenten weniger fortschrittlich und haben – genau wie russische Chips – eine hohe Defektrate. Mehr noch: obendrein leiden die Chiphersteller unter den hohen Leitzinsen, die ihre Kredite verteuern, und an den drastischen Lohnanhebungen, ohne die sie nicht mehr an Fachkräfte kämen.

Der AIIA zieht die harte Bilanz: in der näheren und langfristigen Zukunft wird Russland sich mit einer Mikroprozessor-Industrie herumschlagen, die seinen eigenen Bedarf nicht decken kann. Die Rechner-Kapazität, die russischen Unternehmen, Staatsinstitutionen und der größeren Gesellschaft zur Verfügung steht, wird weiter hinterherhinken. Am Ende wird die Lebensqualität langsam, aber stetig sinken – was gebildete Russen dazu bringt, ihre Chancen im Ausland zu suchen.

Rubriklistenbild: © IMAGO / ITAR-TASS

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