Japan

Radioaktives Wasser: Die strahlende Brühe von Fukushima

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In Japans Nachbarland Südkorea fürchten sich einige Menschen vor den Folgen für die Umwelt.
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Radioaktives Kühlwasser der Atomruine in Fukushima soll ins Meer geleitet werden. Daran gibt es erstaunlich wenig Kritik.

Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis auf dem Kraftwerksgelände Fukushima Daiichi gehörig aufgeräumt wird. Seit dem Atomunglück vom März 2011, als es nach einem Erdbeben und Tsunami zu Kernschmelzen in drei von sechs Reaktoren kam und daraufhin ganze Ortschaften evakuiert werden mussten, herrscht hier Nervosität: Die havarierten Kraftwerksblöcke müssen laufend mit Wasser gekühlt werden, um ein noch größeres Unheil zu vermeiden. Wobei dieser Vorgang für neue Probleme sorgt: Das gebrauchte, radioaktive Wasser wird in Tanks gelagert.

Die Lösung für das wachsende Platzproblem klingt rabiat: Das verbrauchte Kühlwasser soll in den Ozean geleitet werden. Der Plan besteht seit Jahren und wird ebenso lang höchst kontrovers diskutiert. Fischerverbände aus Fukushima und mehrere Umwelt-NGOs argumentieren, das radioaktive Wasser schade dem Ökosystem. Die Regierung beteuert, alles sei sicher – und hat deshalb gemeinsam mit der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) Vorbereitungen getroffen. Noch diesen Sommer soll der Prozess, der Jahrzehnte dauern dürfte, beginnen.

Am vergangenen Wochenende wurden in Fukushima, wohin bis heute Zehntausende Personen, die inmitten der hohen Strahlungswerte einst ihre Heimat verlassen mussten, nicht zurückgekehrt sind, finale Tests durchgeführt. Mit dem Reinigungssystem ALPS (Advanced Liquid Processing System) sollen diverse nukleare Substanzen aus dem verbrauchten Kühlwasser herausgefiltert werden – allerdings bis auf Tritium. Auch deshalb hat es am Wochenende wieder Proteste gegeben – sowohl in Japan als auch in Nachbarländern wie Südkorea.

Fukushima: Radioaktives Kühlwasser soll ins Meer

Die IAEA unterstützt das Vorhaben Japans und hat es als sicher bezeichnet. Anfang Juli reist der Chef der UN-Behörde erneut nach Japan, um sich mit Premierminister Fumio Kishida abzusprechen. Der Termin dürfte vor allem dazu dienen, dem kontroversen Vorhaben Nachdruck zu verleihen. Fachleute sind sich nicht einig, wie sicher der Vorgang ist. Die Risikoabwägung ist wohl eher eine Frage der Weltanschauung als eine von klar bestimmbaren Fakten.

Doch die kritischen Stimmen sind über die Jahre leiser geworden. Kurz nach dem Desaster im Jahr 2011 hatte Südkorea neben anderen Staaten der Region und zunächst auch der EU beschlossen, Importe diverser Produkte aus Fukushima zu stoppen. Während sich etwa die EU einige Jahre später dazu entschloss, Importe aus der Region wieder zu erlauben, ist Südkorea bislang bei seiner Haltung geblieben.

Fukushima: Japans Nachbar Südkorea ist skeptisch

Wegen eines Streits über die Aufarbeitung der Jahre 1910 bis 1945, als Korea japanische Kolonie gewesen war, sind die Beziehungen zwischen den beiden Ländern belastet. Doch inmitten geopolitischer Spannungen zwischen den USA und der Volksrepublik China setzte zuletzt ein diplomatisches Tauwetter ein. Beide Staaten sind liberale Demokratien mit US-amerikanischen Militärstützpunkten, zählen also zu den wichtigsten Verbündeten der USA, die sich eine enge Kooperation erwünschen. Auch deshalb haben Japan und Südkorea in diesem Jahr die Gespräche wieder intensiviert.

Vor rund einem Monat war ein Team südkoreanischer Fachleute in Fukushima, um sich die Lage vor Ort anzusehen. Anschließend erklärten diese, sie könnten kein abschließendes Urteil über die Risiken treffen, da die Datenlage begrenzt sei. Eine harsche Kritik war es nicht.

Trotz Fukushima: Atomkraft wieder beliebt in Japan und Südkorea

Darüber hinaus hat sich die Korean Nuclear Society (KNS), der Nuklearindustrieverband Südkoreas, deutlich positioniert. In einem Statement hieß es: „Eine große Menge hochkonzentrierten radioaktiven Kühlwassers wurde in den Pazifischen Ozean geleitet, als das Nukleardesaster 2011 geschah, aber über die vergangenen zwölf Jahre hat es keinen erkennbaren Anstieg der Radioaktivität im Ozean gegeben.“ So seien nun, da das Wasser gefiltert wird, keine besonderen Risiken zu befürchten.

Dabei stehen beide Erklärungen, die der Fachleute im Regierungsauftrag sowie jene der KNS, im Verdacht der Parteilichkeit. Am Expertenteam, das Fukushima bereist hat, wird moniert, dass sie im Dienst der Verbesserung bilateraler Beziehungen zu Japan nicht sonderlich kritisch hinsehen. Die KNS dagegen hat ein Interesse daran, die Gefahren der Atomenergie nicht zu betonen. Der konservative Präsident Yoon Suk-yeol hatte den von seinem liberalen Vorgänger Moon Jae-in beschlossenen Atomausstieg rückgängig gemacht. In Korea floriert die Atomkraft wieder.

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