Weltraum

Rakete Ariane 5: Auf dem Weg ins schwarze Loch

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Eine Ariane 5 beim Start. Den Trend zu kleinen Satelliten hat die Betreiberfirma verschlafen. Imago Images
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Die europäische Trägerrakete Ariane 5 startet zu ihrem letzten Einsatz. Peinlich: Die Nachfolgerin Ariane 6 ist nicht bereit. In die Lücke springen Elon Musk – und deutsche Start-ups.

Europa verstand sich einmal als eine „Weltraummacht“, wie EU-Industriekommissar Thierry Bréton gerne sagte. Zu verdanken hat sie das ihren Trägerraketen, die von Kourou im äquatornahen Überseegebiet Französisch-Guayana starten. Ariane 5 hatte den Abschuss von Satelliten in den letzten 27 Jahren weltweit dominiert – sie war einfach solider und sicherer als die Konkurrenz der USA, Russlands, Chinas oder Indiens.

Am Freitag startet das letzte Exemplar der fünften Generation mit einem deutschen Kommunikations- und einem französischen Überwachungssatelliten an Bord. Danach wird in Kourou für wohl mindestens ein Jahr Ruhe einkehren. So banal – andere sagen: katastrophal – es klingt: Die Nachfolgerin Ariane 6 ist nicht bereit.

Das von Airbus und dem französischen Triebwerkbauer Safran völlig neu entwickelte Ungetüm von 63 Metern Höhe soll bis zu elf Tonnen in den geostationären Orbit hieven – ein Elefant im Kosmos. Doch in der Montagehalle von Les Mureaux (westlich von Paris) stehen die Fließbänder still. Heißlauftests haben noch nicht stattgefunden.

Ariane 5: Rakete ohne echte Nachfolgerin

Wobei das Problem nicht einmal technischer Natur ist: Der frühere Arianespace-Vorsteher Frédéric d’Allest macht „schwere strategische Fehler“ für den Verzug verantwortlich. Arianespace ist für den Betrieb und die Vermarktung der Rakete zuständig. Frédéric d’Allest und andere namhafte Fachleute zogen schon vor mehr als zehn Jahren an der Alarmglocke: Die Dominanz von Ariane im Satellitengeschäft werde durch neue US-Anbieter wie Space X „bedroht“.

Der letzte Flug: Was Sie über Ariane 5 wissen müssen

Im Elyséepalast, wo die europäische Raumfahrtpolitik faktisch zusammenläuft, verschliefen die Präsidenten Nicolas Sarkozy, François Hollande und zuletzt auch Emmanuel Macron aber die Entwicklung. Ariane hat deshalb laut Ingenieurinnen und Ingenieuren einen ungefähr zehnjährigen Rückstand auf die Marktentwicklung eingefahren. Denn der Trend geht heute klar auf die Mikrosatelliten, die es zum Beispiel ermöglichen, den Planeten mit flächendeckendem Internet zu überziehen. Laut einer Studie der Beratungsfirma Euroconsult werden bis 2031 nicht weniger als 18 500 Minisatelliten (mit weniger als 500 Kilogramm) im Orbit platziert werden. Ariane 6 setzt dagegen auf immer schwerere Himmelskörper von mehreren Tonnen Gewicht.

Ariane 5: Trend zu kleinen Satelliten verschlafen

Schuld sind letztlich die komplexen, schlecht abgestimmten industriepolitischen und bürokratischen Abläufe zwischen den europäischen Partnern. Der Start der ersten Ariane 6 in Kourou war ursprünglich für Juli 2020 geplant gewesen. Seither wird er ständig aufgeschoben. Jetzt erwarten die unabhängigen Fachleute ihn für Mitte 2024. ArianeGroup will sich nicht einmal mehr festlegen.

Ein noch größerer Fehler war es, das Programm der Ariane 5 einzustellen, noch bevor der Ersatz durch Ariane 6 gesichert war. Kein Vergleich zu früher: Als die Ariane 5 im Jahr 1996 erstmals startklar war, gab es noch eine Reserve von 58 Ariane-4-Raketen. Jetzt haben die Planerinnen und Planer in Kourou keine einzige Ariane 5 mehr auf Lager. Die Weltraummacht pausiert.

Ariane 5: Europa droht „Raumfahrt-Souveränität“ zu verlieren

Der bisherige Arianespace-Vorsteher, der Franzose André-Hubert Roussel, ist im April in aller Stille ersetzt worden. Doch der Schaden ist nicht zu reparieren: Laut dem Generaldirektor der Europäischen Raumfahrtagentur ESA, dem Österreicher Josef Aschbacher, droht Europa für gut ein Jahr seine „Raumfahrt-Souveränität zu verlieren“. Konkret muss die ESA beim US-Konkurrenten Space X von Elon Musk anklopfen, um eine Sonde und ein Teleskop ins All zu bringen. „Eine Erniedrigung“, urteilt die Pariser Tageszeitung „Le Monde“.

Die Wissenschaftsmission der ESA ist längst nicht allein betroffen. Das Auftragsheft der Ariane 6 war bisher auf drei Jahre gefüllt mit Aufträgen von Satellitenbetreibern. Doch werden sie der europäischen Trägerrakete treu bleiben, wenn noch nicht mal ein Zeitplan für die Inbetriebnahme besteht? Elon Musks Superrakete Falcon 9 ist, da wiederverwendbar, zudem viel günstiger. Wer in den vergangenen Jahren Fabrikbesuche in Les Mureaux absolvierte, staunte, wie abschätzig europäische Ingenieure über die Idee der Wiederverwendung sprachen.

Ariane 5: Kaum noch europäische Raketenstarts

Jetzt fragen sie sich panikartig, ob die zukünftige Ariane 7 vielleicht die gleiche Technik anwenden sollte. Nur: Die Ariane 7 besteht noch nicht einmal auf dem Papier. Dabei hat die einst führende Ariane-Serie kommerziell schon heute Rücklage: Während die USA, China und Russland im letzten Jahr mehr als 150 kommerzielle Raketenstarts verzeichneten, kam die Weltraummacht Europa nur noch auf deren fünf. Der Absturz der Kleinrakete Vega C Ende 2022 warf die Europäer im Bereich der leichten Satelliten zusätzlich zurück.

Verständlich, dass in der europäischen Raumfahrt dicke Luft herrscht. Vor allem Berlin und Paris driften in strategischen Fragen auseinander. Süddeutsche Start-ups warten nicht länger, bis sich die schwerfällige, politisch gelenkte Ariane Group aufrafft, in das lukrative Geschäft mit den Minisatelliten einzusteigen. Das bayerische Unternehmen Isar Aerospace will Ende 2023 in Norwegen erstmals ihre 1000 Kilo schwere Kleinstrakete Spectrum testen. Ähnlich weit ist die Rocket Factory Augsburg. Hy Impulse in der Nähe von Stuttgart will 2024 folgen.

Paris und Berlin streiten

In Paris wirft man Deutschland vor, es wende sich von der Ariane ab und verzettle seine Kräfte. Berlin kontert, der deutsche Beitrag für die Europäische Weltraumorganisation ESA bleibe gleich, auch wenn man daneben in Start-ups investiere. Das tut auch die EU-Kommission: Sie fördert europaweit junge, dynamische Unternehmen aus dem Bereich „New Space“. Ariane gilt dagegen in der Branche als „Old Space“.

Die französisch gesteuerte Ariane Group strebt, wie sie diese Woche verlauten ließ, nun selber Allianzen mit Start-ups an. Darunter sind laut Mitteilung keine deutschen, sondern je ein britisches, spanisches und französisches Unternehmen. Niemand würde es offen sagen, doch die Rückschläge mit Ariane sorgen zwischen den beiden wichtigsten Ariane-Partnern Deutschland und Frankreich für wachsende Spannungen. Schon deshalb muss Ariane Group alles daran setzen, um die Superrakete Ariane 6 möglichst schnell startklar zu machen.

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