CDU-Ministerin will Rentenreform

Rente mit 70: CDU-Ministerin traut sich, einen Vorschlag zu bringen – und steht alleine da

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Wirtschaftsministerin Reiche will die Deutschen bis 70 arbeiten lassen. Merz bleibt still. Wer eine Rentenreform wagt, steht meist alleine da.

Berlin – Die Finanzierung der Rente steht massiv unter Druck. Dass die älter werdende deutsche Gesellschaft ein großes Problem bei der gesetzlichen Rente bekommt, ist beinahe täglich zu lesen. Ebenso die Appelle aus der Politik: „Die Rente ist sicher“, gehört zu den wohl meistzitierten Phrasen des Landes. Dabei ist es klar, dass sich bei der Rente etwas tun muss. Doch sich abseits von gut und beruhigend klingenden Worthülsen einmal mit tatsächlichen Vorschlägen aus der Deckung wagen, das tut kaum jemand. Wirtschaftsministerin Katharina Reiche (CDU) hat es versucht – und merkt wohl spätestens jetzt, wieso sich ihre Kolleginnen und Kollegen eher auf Phrasen beschränken.

Rente erst ab 70: CDU-Ministerin geht ohne Kanzler Merz in die Offensive

Die Deutschen sollen länger arbeiten, notfalls auch bis 70, sagte Reiche in einem Interview mit der FAZ. Es könne „auf Dauer nicht gut gehen“, wenn die Deutschen ein Drittel ihres „Erwachsenenlebens in Rente verbringen“, so die Wirtschaftsministerin. Und tatsächlich: Heute verbringen die Menschen deutlich länger in Rente als noch früher – und bekommen damit auch mehr Geld aus der Versicherung. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Prognose der sich stets erhöhenden Lebenserwartung nicht so eingetreten ist, wie früher angenommen – zuletzt stagnierte sie in Deutschland sogar. Unter anderem wegen Corona.

Wirtschaftsministerin Katharina Reiche (CDU) schlägt vor, die Deutschen notfalls auch bis 70 arbeiten zu lassen. Von Kanzler Merz und ihrer Union wird die Ministerin allein gelassen.

Die umlagefinanzierte Rente ist stabiler als sie öffentlich oft debattiert wird. Die eigentliche Herausforderung ist nicht das System an sich, sondern die riesige Anomalie der Babyboomer, die nun in den Ruhestand gehen. Sie machen die größte Bevölkerungsgruppe aus, in den nachfolgenden Generationen ist das Verhältnis von Jung und Alt wieder, wie es schon zuvor war. Der Professor für Finanzwissenschaft an der Uni Freiburg, Bernd Raffelhüschen, hat das auf einer Expertenrunde zur Zukunft der Rente im vergangenen Jahr so formuliert: „Die geburtenstarken Jahrgänge sind das Problem. Wenn sie weg sind, ist auch das Problem wieder weg.“ Dann, so Raffelhüschens Argumentation, „werden unsere wenigen Enkel unsere wenigen Kinder versorgen und alles ist wieder im Lot.“

CDU und Merz wollen, dass Menschen mehr arbeiten – lassen Reiche aber trotzdem allein

Heißt: In der Debatte um die Rente geht es vor allem um die Frage, wie den vielen Babyboomern eine auskömmliche Rente garantiert werden kann. Im Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD steht dazu keine neue Vision, lediglich die Absicht, das Rentenniveau zu halten und es mit weiteren Steuermitteln zu finanzieren. Schon im vergangenen Jahr flossen über ein Viertel aller Steuermittel in die Rente – die Tendenz dürfte also kräftig steigen.

Renten-Meilensteine in Deutschland in Bildern – von Bismarck über Riester bis Müntefering

Otto von Bismarck brachte im Juni 1889 nach jahrelanger Debatte das „Gesetz über die Invaliditäts- und Altersversicherung“ durch den Reichstag.
Der Name Bismarck hallt bis heute nach. Auch weil Otto von Bismarck im Juni 1889 nach jahrelanger Debatte das „Gesetz über die Invaliditäts- und Altersversicherung“ durch den Reichstag brachte. Die Geburtsstunde der Rente in Deutschland. © Photo 12/www.imago-images.de
Der Holzstich zeigt Dreher, Gießer und Former in einer Porzellanfabrik um 1880.
Altersrente gab es damals aber erst ab dem vollendeten 70. Lebensjahr – die Lebenserwartung betrug damals nicht mal 50 Jahre. Der Holzstich zeigt Dreher, Gießer und Former in einer Porzellanfabrik um 1880. © imago stock&people/Imagebroker
Bismarcks politisches Kalkül war klar: Er wollte die Arbeiter besänftigen.
Bismarcks politisches Kalkül war klar: Er wollte die Arbeiter besänftigen. Rentenversichert waren zunächst Arbeiter und „kleine Angestellte“ mit Einkommen bis 2.000 Mark. Die Beiträge zahlten Arbeitgeber und -nehmer zu gleichen Teilen. © IMAGO/GRANGER Historical Picture Archive
Angestellte waren ab 1913 bei der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte angesiedelt.
Größere Reformen gab es Anfang des 20. Jahrhunderts. Angestellte waren ab 1913 bei der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte angesiedelt. Sie konnten schon ab 65 Jahren in Rente gehen – anders als Arbeiter. © imago stock&people/Arkivi
Das Bild zeigt verwundete deutsche Soldaten in Frankreich.
Vor dem Ersten Weltkrieg hatten die deutschen Rentenversicherungsanstalten Überschüsse, die sie etwa in Wohnungsbau steckten. Entlassungswellen und Hinterbliebenenrenten änderten das schnell. Das Bild zeigt verwundete deutsche Soldaten in Frankreich. © imageBROKER/GTW
Frauen im Ghetto Warschau bei erzwungener Näharbeit
Im NS-Regime werden Jüdinnen und Juden und andere verfolgte Gruppen aus der Rentenversicherung ausgeschlossen. Millionen von Zwangsarbeitern - im Foto: Frauen 1941 im Ghetto Dambrowa Gornicza bei erzwungener Näharbeit – bleiben ohne Rentenansprüche. Überschüsse der Kassen flossen in Kriegsanleihen. © Imago/Reinhard Schultz
Bundeskanzler Konrad Adenauer (r) gibt in Bonn seine Stimme für die Bundestagswahl 1957 ab
„Keine Experimente“ lautete Konrad Adenauers Slogan zur Bundestagswahl 1957. Bei der Rente wagte er aber eine Reform. Bis dato waren die Renten enorm gering, 50 DM war der Mindestsatz, der Durchschnitt nur unwesentlich höher. Nun änderte sich die Berechnung, Arbeiterrenten stiegen um etwa 60 Prozent. © DB/picture alliance/dpa
Willy Brandt im Jahr 1972.
Die nächste große Neuerung gab es unter Willy Brandt. Seit (dem Wahljahr) 1972 können auch Nicht-Pflichtversicherte in die Rentenversicherung einzahlen – etwa Selbstständige und Hausfrauen. Letzteres war ein Schritt zur Unabhängigkeit von den Ehemännern. Ab 1977 gab es dann auch einen „Versorgungsausgleich“ bei Scheidung. © Imago/Sven Simon
Norbert Blüm klebt Rentenplakat
„Die Rente ist sicher“: Auch mit diesem Satz blieb der mittlerweile verstorbene Arbeitsminister Norbert Blüm in Erinnerung. Auch Blüm kümmerte sich aber um die Lage der Rentnerinnen – er führte 1986 die „Mütterrente“ ein. Seither zählen Kindererziehungszeiten für die Rentenhöhe. © Peter Popp/picture-alliance/dpa
13 09 1985 Berlin Deutsche Demokratische Republik DDR Alte Frauen unterhalten sich
Die nächste große Herausforderung ist die Eingliederung der Bürger der ehemaligen DDR (hier ein Foto aus Ostberlin 1985) in die bundesdeutsche Rentenkasse. Die Deutsche Rentenversicherung preist rückblickend die Stärke des umlagefinanzierten Systems: „Die Rentenversicherung zahlte von einem Tag auf den anderen fast vier Millionen zusätzlicher Renten. Das wäre in einem kapitalgedeckten Rentensystem nicht vorstellbar gewesen.“ © imago stock&people/Franksorge
Kanzler Helmut Kohl (re.), Blüm und Finanzminister Theo Waigel
Die nächste Reform folgt dennoch – Kanzler Helmut Kohl (re.), Blüm und Finanzminister Theo Waigel (li.) müssen sparen, auch angesichts der alternden Bevölkerung. Ab 1992 steigen Altersgrenzen. Frauen und Arbeitslose (bislang bis 62 Jahren) und langjährige Versicherte (bis 63) müssen nun bis 65 arbeiten. Nur noch ein Jahr Kindererziehungszeit ist anrechenbar. © Michael Jung/dpa/picture-alliance
Koalitionsverhandlungen Riester Schröder
Auch Gerhard Schröders Rot-Grün hat ebenfalls Rentenpläne im Gepäck. Arbeitsminister Walter Riester leiht der „Riester-Rente“ seinen Namen – der Staat fördert auf ihrem Wege private Altersvorsorge. Das Modell gilt mittlerweile aber als Flop. Riester arbeitete später auch für Carsten Maschmeyers Finanzdienstleister AWD, dem die Reform gelegen gekommen sein dürfte. © picture-alliance / dpa | Hermann_J._Knippertz
Franz Münterfering und Angela Merkel 2007 im Bundestag.
Heikle Operation: SPD-Vizekanzler Franz Müntefering brachte 2007 die „Rente mit 67“ auf den Weg. Angela Merkels GroKo plante allerdings lange Übergangsfristen, noch bis 2031 dauert die Anhebung des Eintrittsalters an. Für Menschen, die 45 Jahre einzahlten, gab es eine Sonderregel. © Imago/Metodi Popow
Angela Merkel und Andrea Nahles 2017 bei einer Kabinettssitzung.
Müntefering war nicht mehr dabei als Merkels zweite GroKo 2017 das nächste „Rentenpaket“ schnürte. Arbeitsministerin war nun Andrea Nahles. Diesmal ging es um Erleichterungen. Langjährig Versicherte konnten nun ab 63 in Rente, die Mütterrente wurde ausgeweitet. 2018 kamen im „Rentenpakt“ (ohne drittes e) „Haltelinien“ für Beiträge und Rentenniveau hinzu. © Michael Kappeler/dpa/picture alliance
19 02 2017 Angleichung der Rente Rente Ostrente Westrente Ost West Altersruhegeld Angleichu
Fast 35 Jahre wird es gedauert haben – aber ab 2025 werden für die Rente in Ost- und Westdeutschland die gleichen Berechnungsgrößen gelten. Ein durchaus historischer Schritt. Beschlossen wurde er schon 2017. © imago stock&people/Steinach
Arbeitsminister Hubertus Heil – zuständig auch für die Rente – im Bundestag.
Die Evolution der Rente geht weiter: Seit 2021 gibt es die Grundrente als Zuschlag für Menschen, die unterdurchschnittlich verdient haben. Es wird nicht der Schlusspunkt sein: Angedacht – aber umstritten – ist die Aktienrente. Zugleich altert die deutsche Bevölkerung weiter, das Umlagesystem ist unter Druck. Ist die Rente sicher, auch über die Amtszeit von Hubertus Heil hinaus? Die Zukunft wird es zeigen. © Hannes P. Albert/dpa/picture-alliance

Wirtschaftsministerin Reiche hat sich mit ihrem Vorschlag, die Menschen länger arbeiten zu lassen, um das System weiterhin finanzieren zu können, aus der Deckung gewagt. Dass der Vorschlag bei Menschen, die die Rente bereits in Sicht haben, nicht sonderlich gut ankommt, ist klar. Der größten Wählergruppe zu sagen, sie müssten eigentlich noch einige Jahre mehr buckeln – damit macht man sich wenige Freundinnen und Freunde. Das ist wohl auch Kanzler Friedrich Merz und Reiches Parteifreunden rund um Generalsekretär Carsten Linnemann oder Fraktionsvorsitzenden Jens Spahn klar. Alle drei betonen fast wöchentlich, dass die Deutschen mehr leisten müssen. Zum Vorschlag ihrer Wirtschaftsministerin sagen sie aber lieber nichts – zu groß ist wohl die Furcht vorm Zorn der Wählerinnen und Wähler.

Merz und Bundesregierung ohne Mut zu Rentenreform?

Ob Reiches Vorschlag nun unterstützenswert ist oder nicht – es gibt gute Argumente dafür und auch dagegen. Was der Ministerin aber auf alle Fälle anzurechnen ist: Sie hat endlich mal einen Vorschlag gebracht, der eine tatsächliche Veränderung des schwankenden Systems zur Folge hätte. Der Rest von CDU, CSU und SPD trauen sich nicht, Ideen für wirkliche Veränderungen zu bringen. Diese sind unbequem. Und man wird damit einigen Menschen vor den Kopf stoßen – ob es nun höhere Rentenbeiträge sind, Leistungskürzungen oder eben ein späteres Eintrittsalter. Klar ist aber: Es muss sich etwas tun. Dass Reiche als Erste aus der Regierung einen Vorschlag macht – und sie damit alleine im Regen stehen gelassen wird, zeigt: Der Mut der Bundesregierung zu echten Reformen scheint ausbaufähig.

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