VonRichard Stroblschließen
Katharina Reiche fordert längere Arbeitszeiten. Experten wie Bernd Raffelhüschen stimmen zu. Die Debatte um die Rente ist entfacht.
Berlin – Wirtschaftsministerin Katharina Reiche betonte: „Wir müssen mehr und länger arbeiten“. Mit dieser Aussage zur Rente äußerte sie sich gegenüber der FAZ. Obwohl es viel Kritik gibt, erhält die Ministerin nun Unterstützung von einem Rentenexperten.
Reiche erklärte: „Der demographische Wandel und die weiter steigende Lebenserwartung machen es unumgänglich: Die Lebensarbeitszeit muss steigen“. Renten-Experte Bernd Raffelhüschen stimmte in der Bild zu: „Völlig richtig“. Er bezeichnete Reiches Vorstoß als „überfällig und generationengerecht“.
„Das war der Fehler“: Experte für Rente springt Reiche bei
Raffelhüschen kritisierte, dass Deutschland „seit Jahrzehnten“ versäumt habe, das Renteneintrittsalter an die gestiegene Lebenserwartung anzupassen. „Das war und ist der Fehler“, erklärte der Wirtschaftswissenschaftler und Professor der Universität Bergen.
Er verdeutlichte: Rentner, die in den 60er und 70er Jahren in den Ruhestand gegangen waren, erhielten nach 45 Arbeitsjahren durchschnittlich zehn bis elf Jahre Rente. Dies entspreche etwa 4,5 Jahren Arbeit für ein Jahr Rente.
Über Bernd Raffelhüschen
Raffelhüschen ist studierter Volkswirt und lehrt als Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Bergen. Zudem ist er seit 1995 Professor für Finanzwissenschaft an der Albert-Ludwig-Universität Freiburg. Daneben war oder ist er in verschiedenen Aufsichtsräten aktiv. Etwa bei der Ergo Group und der Volksbank Freiburg. Er hat sich einen Namen als Rentenexperte gemacht – entwickelte etwa ein Modell zur „Nachhaltigkeit in der Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme“. Dafür wurde er 2002 in die Rürup-Kommission berufen, die der damaligen Regierung Vorschläge zur Stabilisierung dieser System liefern sollte.
Heute sei die Situation anders, so der Finanzexperte: Nach 40 Arbeitsjahren könne man in Rente gehen und diese über 20 Jahre beziehen. Das Verhältnis sei nun knapp zwei Jahre Arbeit für ein Jahr Rente, was „eine gewaltige Rentenerhöhung“ im Verborgenen darstelle. Würde man das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung anpassen, läge es bereits bei 68 oder 69 Jahren, um das frühere Verhältnis zu bewahren.
Reiches Renten-Plan: „Kann nicht gut gehen“
Reiches Aussagen werden durch Raffelhüschens Berechnungen untermauert. Die Ministerin hatte betont: „Es kann jedenfalls auf Dauer nicht gut gehen, dass wir nur zwei Drittel unseres Erwachsenenlebens arbeiten und ein Drittel in Rente verbringen“. Es gebe viele, die in körperlich anstrengenden Berufen tätig seien, aber auch solche, die länger arbeiten wollten und könnten.
Unternehmen berichteten, dass ihre Mitarbeiter in den USA 1.800 Stunden jährlich arbeiteten, während es in Deutschland nur 1.340 Stunden seien. Reiche kritisierte: „Im internationalen Vergleich arbeiten die Deutschen im Durchschnitt wenig“. Die sozialen Sicherungssysteme seien überlastet, und „die Kombination aus Lohnnebenkosten, Steuern und Abgaben machen den Faktor Arbeit in Deutschland auf Dauer nicht mehr wettbewerbsfähig“.
Während Reiche von Arbeitgeberseite Zuspruch erhielt, kritisierte der CDU-Sozialflügel sie scharf. (rjs)
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