- VonOlivia Kowalakschließen
Die EU beschließt ihr 18. Sanktionspaket gegen Russland. Betroffen sind auch zentrale globale Handelspartner. Werden die Maßnahmen endlich greifen oder Putin weiter stärken?
Gujarat – Ein weiteres Sanktionspaket der EU setzt Russland zunehmend unter Druck. Brüssel zielt diesmal auf die russische Schattenflotte und seine Handelspartner ab: Betroffen von den Sanktionen ist auch eine Raffinerie in Indien, deren Hauptaktionär das russische Unternehmen Rosneft ist. Ein Sprecher bezeichnet die EU-Maßnahme als „ungerechtfertigt“ und „illegal“ – die Energiesicherheit Indien stehe auf dem Spiel. Experten warnen: Der Graben zwischen dem Westen und dem globalen Süden drohe sich zu vertiefen.
Neue EU-Sanktionen: „Rechtswidrig und nicht im Einklang mit internationalem Recht“
„Die EU-Sanktionen gegen die indische Raffinerie, an der Rosneft beteiligt ist, sind rechtswidrig und stehen nicht im Einklang mit internationalem Recht“, so ein Rosneft-Sprecher, Russlands größten Ölproduzenten. Die Maßnahme bedrohe die direkte Energiesicherheit Indien. Außerdem missachte Brüssel mit diesem Sanktionspaket internationales Recht und die Souveränität von Drittstaaten, so das russische Unternehmen.
Auch das indische Außenministerium kritisiert die EU-Sanktionen scharf. Indien erkenne nur Sanktionen an, die im Rahmen der Vereinten Nationen beschlossen wurden, teilte Randhir Jaiswal, ein Sprecher des Außenministeriums, mit. „Wir haben die jüngsten von der Europäischen Union angekündigten Sanktionen zur Kenntnis genommen. Indien schließt sich keinen unilateralen Sanktionsmaßnahmen an. Wir sind ein verantwortungsbewusster Akteur und halten uns an unsere rechtlichen Verpflichtungen“, schrieb er via X.
Russlands Schattenflotte und Handelspartner im Visier der EU
Mit dem 18. Sanktionspaket will die EU besonders Russlands Schattenflotten stoppen. 444 Tankschiffe aus Drittländern unterliegen einem Zugangsverbot zu europäischen Häfen. Dem Präsidenten Russlands Wladimir Putin wird vorgeworfen, Drittländer als Dreh- und Angelpunkt zu nutzen, um den Ölpreisdeckel zu umgehen. Indem Öl mit Schiffen, die aus Ländern ohne Verbindung zu den vom Ölpreisdeckel betroffenen Staaten transportiert wird, kann es zu Marktpreisen verkauft werden – eine wichtige Einnahmequelle der russischen Kriegswirtschaft.
Nach Angaben der Kyiv School of Economics habe Russland bis zu zehn Milliarden Dollar in den Aufbau der „Schattenflotte“ gesteckt. Schätzungsweise sollen über 400 Schiffe zur russischen Dunkelflotte gehören, rund 15 Prozent der globalen Kapazitäten. Das Öl wurde im vergangene Jahr größtenteils nach China und Indien geliefert. Die Öllieferungen nach Indien haben sich 2024 auf 90 Millionen Tonnen gegenüber 2022 verdoppelt, also 40 Prozent des Gesamtbedarfs des Landes.
Das europäische Sanktionspaket verbietet zudem die Einfuhren von Waren, die in Drittstaaten aus dem russischen Rohöl hergestellt wurden. Besonders die Türkei und Indien werden von dieser Maßnahme berührt. Das Einfuhrverbot soll jedoch erst ab 2026 in Kraft treten.
Rosneft: Sanktionen gefährden Indiens Energiesicherheit
Nach Ansicht des russischen Unternehmens hätten die Maßnahmen zum Ziel, die globalen Energiemärkte zu destabilisieren und sich durch unlauteren Wettbewerb Vorteile zu verschaffen. „Die Nayara Energy Raffinerie ist ein strategisch bedeutendes Asset für die indische Energieindustrie und gewährleistet eine stabile Versorgung des heimischen Marktes mit Erdölprodukten”, so die Mitteilung.
Wie Bloomberg berichtet, besitzt die Ölraffinerie Nayara 7.000 Tankstellen in ganz Indien und verarbeitet 400.000 Barrel pro Tag. Die Raffinerie ist derzeit zum weltweit größter Abnehmern von russischem Rohöl auf dem Seeweg geworden und importiert etwa 80 Prozent des russischen Ural-Öls. Laut Rosneft sei Nayara Energy ein „wichtiger Aktivposten“, der eine kontinuierliche Versorgung des indischen Binnenmarktes mit Erdölprodukten sicherstelle. Die Gründe für die EU-Sanktionen seien „weit hergeholt und falsch“, so die Stellungnahme.
Die Raffinerie wird von einem unabhängigen Vorstand geführt. Rosneft hält eine 49-prozentige Beteiligung an der Anlage in Vadinar, beteuert aber keine direkten Dividenden aus den Gewinnen des Unternehmens zu erhalten, sondern diese vielmehr zu reinvestiere. Wie Berichte nahelegen, wolle sich Rosneft aus dem indischen Geschäft zurückziehen, da die Sanktionen die Abführung der Gewinne aus Indien erschwert haben.
Beziehungen zu globalen Süden belastet: Ökonomen zweifeln an Wirksamkeit von Sanktionen
„Die Krise in der Ukraine hat Russland dazu veranlasst, seinen Handel mit China, Indien und der Türkei über den erwarteten Effekt der Handelsumlenkung hinaus zu liberalisieren“, erklärte Gabriel Felbermayr, Direktor des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung WIFO. Moskau konnte dadurch Handelskosten senken und Handelsgewinne erzielen. So ist es Russland gelungen, die Wirkung der Sanktionen abschwächen. Trotz der vorher verabschiedeten Sanktionspakete wuchs die russische Wirtschaft weiter, jedoch erlebte sie im ersten Quartal 2025 einen Dämpfer und schrumpfte auf 1,4 Prozent. Ölausfuhren bilden ein Drittel der Einnahmen Russlands ab.
Insgesamt beinhalten die von der EU verabschiedeten Sanktionen mittlerweile 24.000 Strafmaßnahmen, welche Experten als nur mäßig wirksam betrachten. „Die westlichen Sanktionen scheinen paradoxerweise das russische Regime gestärkt zu haben – und nicht umgekehrt“, sagte Vasily Astrov vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsstudien. Fachleute sehen die Ausweitung der EU-Sanktionen auf weitere Länder des globalen Südens als geoökonomische heikles Unterfangen an und sprechen vom „Zeitalter der Sanktionen“. Der Graben zwischen dem Westen und globalen Süden könnte sich weiter vertiefen, so die Warnung.
Rubriklistenbild: © Konstantin Trubavin/Imago
