VonLisa Mayerhoferschließen
Die deutsche Wirtschaft rutscht in die Rezession – Arbeitgeberverbände stellen unzählige Forderungen an die Politik. Vaude-Chefin Antje von Dewitz sieht aber auch die Unternehmen in der Pflicht.
München – Die Konjunktur in Deutschland ist schwach, eine schnelle Verbesserung der Lage zeichnet sich nicht ab. Arbeitgeberverbände warnen vor einer „heftigen Deindustrialisierung“ und einem „Kollaps“. Sie wollen vom Staat Prämien, einen Industriestrompreis und einen Abbau der Bürokratie.
Vaude-Chefin: „Wir selbst entscheiden darüber, dass der Standort Deutschland zukunftsfähig ist“
Für Antje von Dewitz, Chefin des deutschen Outdoor-Ausrüsters Vaude, liegt der Ball aber auch bei den Wirtschaftsbossen selbst. „Unternehmen und Verbände verfügen nach wie vor über eine große Hebelwirkung und Gestaltungsmacht. Ich halte es daher schlicht für unprofessionell, zu jammern, zu schimpfen und die Politik zum Sündenbock zu machen“, schreibt sie in einem Beitrag im Manager Magazin.
Man dürfe die Lage zwar nicht schönreden. Doch Führungskräfte und CEOs sollten auch ehrlich sein, was notwendige Veränderungen angehe, so Dewitz. „Werden wir unserer Verantwortung gerecht und agieren als Mutmacher und Hoffnungsspender in diesen polarisierenden Zeiten! Wir selbst entscheiden darüber, dass der Standort Deutschland zukunftsfähig ist“, fordert sie.
Wirtschaftliche Probleme bei Unternehmen teilweise auch hausgemacht
Mit ihrer Einstellung steht die Vaude-Chefin nicht alleine da: Auch Ökonomen sehen neben der Politik auch die Wirtschaft selbst in der Verantwortung. Unternehmen und Bevölkerung sollten nicht erwarten, „dass der Staat in Krisen durch Hilfen alle Lasten aus der Welt schafft“, sagte ifo-Präsident Clemens Fuest auf ntv.de-Anfrage. Auch für Unternehmen gelte die geforderte Reformbereitschaft. „In der Vergangenheit hat es hier Versäumnisse und Fehler gegeben, ein Beispiel ist der Abgasskandal in der Autoindustrie.“
So erklärt auch Sebastian Dullien, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, gegenüber ntv.de, dass die Probleme der Autoindustrie teilweise hausgemacht seien: „Die aktuellen Probleme des deutschen Automobilbaus haben ihre Ursachen zu einem beträchtlichen Teil auch in Versäumnissen des Managements, vom Diesel-Skandal über den verschleppten Einstieg in die Produktion von E-Autos bis hin zu schlechtem Management von Lieferketten in und nach der Corona-Pandemie.“
Ökonomen fordern von Unternehmen „mehr Weitblick“
Er fordert von den Unternehmen mehr Weitblick für die „anstehenden geopolitischen Veränderungen und die bevorstehende Dekarbonisierung“. Das sei, so Dullien, effizient nur bei einer stärkeren Einbindung der Mitarbeiter möglich, „statt, wie es einige tun, die Mitbestimmung zu behindern“. Auch Michael Hüther, Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), verlangt „mehr geopolitischen Weitblick“ von Unternehmen, wie er gegenüber ntv.de berichtete. Er empfiehlt den Unternehmen mehr strategische Investitionen, wie zur Rohstoffbeschaffung.
Wirtschaft – und auch die Politik – sind nun gefragt, das Ruder wieder herumzureißen: Denn Deutschland dürfte das Jahr mit einer deutlichen Rezession abschließen. Drei führende Wirtschaftsforschungsinstitute prognostizierten für 2023 einen Rückgang der deutschen Wirtschaft zwischen 0,4 und 0,6 Prozent und eine hohe Inflation von sechs Prozent. In diese Entwicklung reiht sich die Industrieproduktion ein: Laut Statistischem Bundesamt ging sie im Juli erneut zurück.
