Tesla in Grünheide

Schwere Vorwürfe gegen Tesla: Amputationen, Stromschläge & mehr bei Mitarbeitenden

+
Ein Mitarbeiter der Tesla Gigafactory in Brandenburg. Der Autobauer hat dem Land ein starkes Wachstum beschert.
  • schließen

Eine Investigativ-Recherche des Magazins „Stern“ legt nahe: Fast täglich geschehen wohl Arbeitsunfälle im Werk von Tesla bei Grünheide. Darunter seien oft schwerste Verletzungen.

Berlin – Es sind schwere Vorwürfe gegen den Autohersteller Tesla – und gegen die Brandenburger Landesregierung: Eine Investigativrecherche des Magazins Stern nährt den Verdacht, dass in der Brandenburger Fabrik offenbar regelmäßig und systematisch gegen Arbeitsschutzgesetze verstoßen wird, was immer wieder zu teils schwersten Verletzungen bei den Mitarbeitenden führen soll. Dazu gehören demnach Amputationen von Gliedmaßen, Verbrennungen und Stromschläge. Das Unternehmen schweigt zu den Vorwürfen. Und die Landesregierung weiß dem Magazin zufolge Bescheid.

Tesla: Lange Liste an schweren Verletzungen

Bei ihrer jahrelangen Recherche deckte das Reporterteam auf, dass im Werk von Tesla in Grünheide bei Berlin fast täglich Unfälle passieren. Im ersten Jahr der Fabrik soll 247 Mal der Rettungswagen gerufen worden sein, dreimal so oft wie in vergleichbaren Autowerken. Von folgenden Verletzungen ist dabei die Rede:

  • Amputationen von Gliedmaßen
  • Verbrühungen und Verbrennungen - ein Mann erzählt von einer Verbrennung durch 660 Grad heißes Aluminium
  • Stromschläge - ein Mitarbeiter berichtet von einem Schlag durch 230 Volt
  • Verletzungen durch Salzsäure
  • Verletzungen durch fallende Gegenstände - in einem Fall ist von einer 50 Kilo-Kiste, die auf den Kopf eines Mitarbeiters fiel, die Rede
  • Nasenbluten, Husten, Ausschläge, Kopfschmerzen durch Aluminiumstaub in der Werkshalle

Die Vorwürfe basieren zum Teil auf Dokumenten, die das Reporterteam gelesen haben soll und zum Teil auf Aussagen von Betroffenen, die von ihren eigenen Verletzungen berichtet haben. Zudem hat der Stern zwei Reporterinnen in die Fabrik in Grünheide eingeschleust, die erhebliche Mängel selbst beobachtet haben.

Landesregierung will sich nicht äußern

Grund für die vielen Unfälle sei demnach die mangelhafte Arbeitsanweisung der Mitarbeitenden, fehlende Schutzausrüstung und der enorm hohe Druck, der innerhalb der Firma herrscht. So seien die beiden eingeschleusten Reporterinnen dem Magazin zufolge nicht auf die Gefahren am Arbeitsplatz aufmerksam gemacht worden. Eine Mitarbeiterin habe in ihrer zweiten Arbeitswoche die Aufgabe bekommen, die Qualitätsprüfung für Motorenteile zu übernehmen – obwohl sie dahingehend keinerlei Ausbildung vorzuweisen hatte.

Die Vorwürfe betreffen aber nicht nur den Konzern – sondern auch die Landesregierung. So gebe es zwar regelmäßige Qualitätskontrollen in der Fabrik, die von Mitarbeitenden des Landesamts für Arbeitsschutz durchgeführt würden. Diese seien aber immer angekündigt, sodass Tesla sich gut auf die Kontrollen vorbereiten könnte. So würden beispielsweise im Vorfeld einer Kontrolle die Maschinen gedrosselt, damit die Luftwerte innerhalb der Fabrikhalle besser werden.

Doch auch trotz der Vorbereitung fielen den Kontrolleuren offenbar Mängel auf. In den Akten des Gesundheitsministeriums, die der Stern einsehen konnte, befinden sich demnach mehrere Vermerke zur Luftqualität. Auch über die vielen Unfälle in der Fabrik muss das Gesundheitsministerium gewusst haben, da sie meldepflichtig sind.

Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) gab auch gegenüber dem Reporterteam zu, dass ihm „nicht unbekannt“ sei, dass bei Tesla ungewöhnlich viele Unfälle geschahen. Er sei aber nicht der Pressesprecher des Konzerns. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) ignorierte wohl die Mails des Magazins.

Sorge der Mitarbeiter: Dass jemand zu Tode kommt

Das Magazin hat auch mit ehemaligen Mitarbeitenden gesprochen, die auf die Probleme beim Arbeitsschutz aufmerksam machten – und später entlassen wurden. Eine Mitarbeiterin habe Verbesserungsvorschläge gemacht und wurde dann entlassen, ihr ehemaliger Chef gab ihr zum Abschied noch mit: „Bei Tesla hält man die Fresse“. Der Mitarbeiter, der einen Stromschlag durch 230 Volt erhalten hat, klagt aktuell gegen seine Kündigung. Er wurde kurz nach dem Unfall entlassen, auch er hatte wohl zu oft über den Arbeitsschutz gesprochen.

Wie schwer die Vorwürfe wiegen, zeigt sich anhand einer Stellungnahme der Gewerkschaft IG Metall. Man sei besorgt, dass bei Tesla noch „jemand zu Tode kommt“. Das sei die häufigste Sorge der Mitarbeitenden im Werk aktuell.

Kommentare