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Bisher hat die Bundesregierung neue, kleine PV-Anlagen gefördert. Dies soll sich gemäß Wirtschaftsministerin Reiche ändern. In der Branche entsteht Protest.
Berlin – Die Energiebranche kritisiert Wirtschaftsministerin Katherine Reiche (CDU) für ihre Solar-Pläne. Die Wirtschaftsministerin möchte die Subvention für neue, privater Solaranlagen überdenken. „Neue, kleine PV-Anlagen rechnen sich schon heute im Markt und bedürften keiner Förderung“, sagte die CDU-Politikerin jüngst. Aus Sicht der Energiebranche wäre das ein Fehler. Was eine mögliche Abschaffung für Verbraucherinnen und Verrbaucher bedeuten würde.
Reiche hinterfragt Förderung für neue, private PV-Anlagen – was das für Verbraucher heißt
Würde die Einspeisevergütung für neue, private Solaranlagen wegfallen, würden Verbraucherinnen und Verbraucher das finanziell deutlich spüren. „Eine gewöhnliche Zehn-Kilowatt-Peak-Solaranlage produziert etwa 10.000 kWh Strom im Jahr. Ohne zusätzliche Komponenten wie Batterie oder Steuerung werden in der Regel 70–80 Prozent davon ins Netz eingespeist. Würde die Einspeisevergütung nun wegfallen, müssten Kunden auf 550 Euro bis knapp 630 Euro pro Jahr verzichten“, fasst das Unternehmen 1KOMMA5° in einer Mitteilung zusammen.
„Auf die Mindestlebensdauer einer PV-Anlage von 20 Jahre entspricht das zwischen 11.000 Euro und 12.500 Euro an Einnahmen aus der Stromeinspeisung, die PV-Anlagen-Besitzern bei Wegfall der Förderung verloren gehen.“ Jannik Schall, Mitgründer und CPO von 1KOMMA5°, appelliert deshalb an alle Solaranlagen-Besitzer, schnell zu handeln, wenn man von der Förderung noch profitieren will. „Alle Anlagen, die vor einem eventuellen Wegfall ans Netz gehen, können weiterhin auf die Einspeisevergütung zählen,“ so Schall.
Um eine Solaranlage auch ohne Einspeisevergütung wirtschaftlich zu betreiben, sei zudem ein Batteriespeicher und eine intelligente Steuerung wichtig. „Dadurch lässt sich der Eigenverbrauch des Stroms auf über 70 Prozent anheben. Ein Wegfall der Einspeisevergütung bedeutet dann nur noch 236 Euro bis 157 Euro weniger pro Jahr.“
Diese Förderung gibt es derzeit für die Erzeugung von Strom mittels Solaranlagen
Wer Solarstrom auf seinem Dach erzeugt und in das Netz einspeist, erhält derzeit 20 Jahre lang pro Kilowattstunde einen festen Betrag. Dieser variiert nach Größe der Anlage, Art der Einspeisung und Zeitpunkt der Inbetriebnahme. Kleine, neu installierte PV-Anlagen, die zur Eigenversorgung und Überschusseinspeisung betrieben werden, erhalten bei Inbetriebnahme seit Anfang August laut Branchenverband folgende Vergütungssätze in der festen Einspeisevergütung – für Anlagenleistungen bis 10 Kilowatt 7,86 Cent je eingespeister Kilowattstunde, für 10 bis 40 Kilowatt 6,80 Cent je Kilowattstunde.
Die sogenannte Einspeisevergütung – also der Betrag, den man für ins Netz eingespeisten Solarstrom erhält – wird halbjährlich um ein Prozent gesenkt. Die letzte Kürzung erfolgte zum 1. August.
Reiche sägt an Subvention für Solarenergie – „macht unser Stromsystem unnnötig teurer“
Reiche betonte, die Anlagen müssten ihren Strom intelligent einspeisen. Deshalb sollten PV-Anlagen mit Stromspeichern verbunden und steuerbar sein, am Markt teilnehmen und ihren Strom vermarkten. Die Wirtschaftsministerin hält es nicht mehr für zeitgemäß, dass Betreiber Anlagen errichten, ohne auf das Stromnetz Rücksicht zu nehmen. „All das macht unser Stromsystem unnötig teurer. Das will ich ändern“, sagte sie. Wind an Land und Solaranlagen müssten sich in Zukunft stärker an den Kosten des Netzausbaus beteiligen.
Reiche will auch an die Einspeisevergütung ran, die den Betreibern gezahlt wird, wenn ihre Anlagen aus Schutz vor Netzüberlastung abgeriegelt werden. Diese Regelung habe zu lange gegolten. An der Einspeisevergütung für bestehende Solaranlagen will Reiche aber nichts ändern.
Kritik an Energieplänen von Reiche – Energiebranche fordert „Qualitätsoffensive“
Die Energiebranche fordert von Reiche eine andere Prioritätensetzung. So brauche man zuerst eine Systemmodernisierung für mehr Digitalisierung und bessere Prozesse, sagte Philipp Schröder, CEO und Mitgründer von 1KOMMA5°. Der flächendeckende Smart-Meter-Rollout, einfache Abstimmungen mit Verteilnetzbetreibern und klare Marktkommunikationsregeln seien dafür grundlegend. „Die Politik muss jetzt eine ernst gemeinte Qualitätsoffensive starten“, fordert Schröder. „Solange Prozesse haken und Daten nicht zuverlässig ausgetauscht werden, gibt es keine verlässliche Basis für die Umstellung der Förderung. Und ohne Planungssicherheit droht der komplette Stillstand.“
Günstiger Strom aus Wind und Sonne sei kein Problem, sondern ein strategischer Vorteil für Bürger und Wirtschaft und ein Garant für die Energieunabhängigkeit Deutschlands. „Gleichzeitig verursachen vor allem alte, vollständig ungesteuerte Anlagen hohe Kosten nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Hier müssen dringend Speicher nachgerüstet werden, die netzdienlich steuern können. Flexibilität und Steuerbarkeit kosten nichts extra, sie müssen endlich sauber und wirksam umgesetzt werden, damit der günstige Strom bei allen ankommt.“
Der Bundesverband Solarwirtschaft äußerte ebenfalls Kritik und erklärte, die Umsetzung eines derartigen Vorhabens würde die Klimaziele gefährden und die Branche mit ihren rund 150.000 Beschäftigten stark schädigen. Es brauche verlässliche Investitionsbedingungen. Dazu zähle auch eine Förderung für Solarstrom, der nicht selbst verbraucht werden könne.
Ökonom unterstützt Reiches Energie-Pläne
Es gibt aber auch Stimmen für den Vorschlag der Wirtschaftsministerin. So befürwortet der Energieökonom Lion Hirth die Abschaffung der Einspeisevergütung für neue Anlagen auf privaten Dächern. Kleine Anlagen seien pro Kilowattstunde dreimal so teuer wie große Solarparks. Steuergeld sollte man lieber dort einsetzen, „wo wir am meisten Ertrag pro Euro bekommen“, sagte er der Süddeutschen Zeitung. (bohy mit Material der dpa)
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