Niedrige Rendite

Sparmaßnahmen bei VW lösen „gruselige“ Stimmung in Wolfsburg aus: 2025 noch unklar

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VW verkauft deutlich weniger Autos als geplant - das bekommt längst auch die Belegschaft zu spüren.
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Volkswagen erwägt radikalere Maßnahmen, um die Rentabilität der Hauptmarke zu erhöhen. VW-Chef Oliver Blume ist auf mehreren Ebenen gefordert.

Wolfsburg - Die Stimmungslage bei Volkswagen ist angespannt: Europas größter Autokonzern ist in die Krise geschlittert und hat jüngst angekündigt, die Sparmaßnahmen speziell im Hinblick auf die Kernmarke VW Pkw auszuweiten.

Aufgrund der unbefriedigenden Rendite ist auch die Arbeitsplatzsicherheit (aktuell bis 2029) nicht mehr garantiert: Seit langer Zeit könnten hierzulande betriebsbedingte Entlassungen und Werksschließungen erfolgen, da die bisherigen Einsparungen als unzureichend bewertet werden.

VW: Unzureichender Absatz lässt deutsche Standorte wackeln

VW-Finanzchef Arno Antlitz sagt zu der prekären Situation der Niedersachsen: „Seit geraumer Zeit geben wir mehr Geld aus, als wir einnehmen. Das kann auf Dauer nicht gutgehen.“ Laut dem Manager fehlt dem Konzern der Verkauf von etwa 500.000 Fahrzeugen allein in Europa – was den Produktionskapazitäten von zwei Werken entspreche.

Um die finanzielle Stabilität zurückzugewinnen, plant VW drastische Einsparungen, die sowohl Produktionsstätten als auch Arbeitsplätze betreffen. Welche Werke und wie viele Stellen konkret betroffen sein werden, ist noch unklar.

VW-Krise erreicht Belegschaft: IG Metall schlägt Vier-Tage-Woche vor

Die angekündigten Maßnahmen führen zu Unsicherheit, Empörung und teils heftigen Reaktionen seitens der Belegschaft und der Gewerkschaften. Betriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo erklärte, dass weder die genannten Maßnahmen noch Gehaltskürzungen akzeptabel seien.

Eine Vier-Tage-Woche, wie sie bereits in den 1990er-Jahren eingeführt wurde, könnte laut IG-Metall-Chefin Christiane Benner eine Möglichkeit sein, Massenentlassungen zu verhindern. Analog zum Gesamtmarkt sind die Zukunftsperspektiven für Volkswagen und die deutsche Autoindustrie unsicher. 

Thorsten Gröger, Bezirksleiter der Industriegewerkschaft Metall in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, warnte den VW-Vorstand vor „erbittertem Widerstand“, sollten die Pläne umgesetzt werden. 

“Andere waren schneller”: Experten machen VW-Management Vorwürfe

Experten üben scharfe Kritik an der Unternehmensstrategie von Volkswagen zur Kostenreduktion und Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit. Beatrix Keim vom Center Automotive Research (CAR) wirft Volkswagen vor, zu lange auf Verbrennungsmotoren gesetzt und den Übergang zu Elektrofahrzeugen verschlafen zu haben.

Auch Ökonom Jens Südekum („Andere waren einfach schneller“) und DIW-Präsident Marcel Fratzscher („VW hat den Umstieg verpasst“) äußerten im ZDF ähnliche Meinungen und betonten, dass der VW-Führung in den letzten zehn Jahren große Fehler unterlaufen seien.

Der Konzern habe sich zu sehr auf China verlassen und befinde sich nun in einer schwierigen Lage, da die dortige Konkurrenz massiv aufgeholt hat.. Auch der hohe Preisanspruch bei Volkswagen ist wesentlich für den schleppenden Absatz verantwortlich.

Volkswagen bekommt staatliche Hilfe, aber auch Investitionen sind nötig

Auch die Politik beeinflusst die Krise bei Volkswagen. Die Bundesregierung strich die Kaufprämie für Elektroautos, was 2024 zu einem erheblichen Rückgang der Verkaufszahlen führte. Nun plant die Ampelkoalition neue steuerliche Vorteile und möchte Unternehmen ermöglichen, Elektroautos bis 2028 zu 100 Prozent steuerlich abzuschreiben.

Ökonom Südekum betont die Notwendigkeit eines klaren Signals der Bundesregierung für die Elektromobilität und fordert Investitionen in eine funktionierende Ladeinfrastruktur. Gleichzeitig betonen Experten die Notwendigkeit neuer Technologien, um wettbewerbsfähig zu bleiben: DIW-Präsident Fratzscher fordert mehr Investitionen in Digitalisierung, Fachkräfte und Innovation, um die deutsche Autoindustrie zukunftsfähig zu machen.

Schafft es VW aus eigenem Antrieb? “Gruselige” Prognose für 2025

Von weiteren staatlichen Subventionen zur Behebung der Managementfehler in Wolfsburg halten Experten wie Fratzscher wenig: Die Frage, was Volkswagen tatsächlich voranbringt, ist seiner Meinung nach eine betriebswirtschaftliche – und gehört in die Hände der VW-Führung. Der Staat sollte seiner Ansicht nach nicht die Rolle eines Unternehmers übernehmen.

Die Wirtschaftswoche bezieht sich derweil auf eine interne VW-Quelle, die von einem „gruseligen Ausblick“ für das kommende Jahr 2025 spricht, in dem sich die Lage entgegen ursprünglicher Erwartungen kaum bessere.

Das Portal berichtet zudem, dass bereits Ex-VW-Chef Herbert Diess eine Reduzierung der Belegschaft beabsichtigte. Der frühere CEO meinte demnach, dass die Hälfte der 65.000 Mitarbeiter ausreichen – die Abbau- und Umbaupläne gehörten schließlich zu den Gründen, warum Diess gehen musste, führt das Portal aus. 

Torpedieren unnötige Kosten auf der Managementebene die VW-Rendite?

Betriebsratschefin Cavallo fordert eine klare Zukunftsstrategie, damit die Belegschaft ihre Perspektiven kennt. Ein früherer Top-Manager stimmt ihr laut dem Bericht zu: Es müsse einen Plan geben, der den Beschäftigten Hoffnung gibt. Auch die Struktur bei VW, insbesondere in den Führungsebenen, sollte überdacht werden.

Denn hier besteht offenbar Potenzial für Einsparungen: Nur vier Marken seien wirklich relevant: VW, Audi, Porsche und Bentley. Warum andere Marken eigene Vorstände mit benötigen, sei nach Meinung mancher nicht nachvollziehbar. 

VW-Chef Oliver Blume muss dem größten Autokonzern Europas einen Sparkurs verordnen (Archivbild).

Würden die Vorstände von VW, VW Nutzfahrzeuge, Seat/Cupra und Skoda zusammengelegt, ließe sich sofort eine Milliarde Euro sparen.

Volkswagen-Aktie: Kürzlich wurden noch Dividenden ausgeschüttet

Ebenfalls interessant: Kürzlich wurde an die Aktionäre eine Dividende von 4,5 Milliarden Euro ausgeschüttet. Angesichts der finanziellen Lage des Konzerns stellt sich die Frage, ob diese Ausgaben hätten vermieden werden müssen.

Als Beispiel dieser Ansprüche wird der Porsche-Piëch-Clan aufgeführt, der indirekt 53 Prozent an VW hält und an einem Verzicht wenig Interesse hätte: Die Teilhaber genießen ihre Dividenden und müssen den Angaben zufolge Kredite tilgen, die für den Kauf von Porsche-Anteilen aufgenommen wurden.

Kann VW-Chef Blume das Ruder in Wolfsburg herumreißen?

Die Krise in Wolfsburg verdeutlicht die Herausforderungen der deutschen Autoindustrie. Für Volkswagen-Chef Blume heißt es jetzt: Entlassen, schließen, streichen, um die Rendite wieder aufzupolieren. Gleichzeitig muss technologisch der Anspruch gehalten werden, um auch den Anforderungen des modernen Fahrzeugbaus gerecht zu bleiben.

Derweil hat Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck bereits vor mehreren Jahren angekündigt, dass VW in turbulentes Fahrwasser geraten wird. (PF)

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