VonJoachim Willeschließen
Studie: Eine dezentrale Versorgung mit Speichern macht bis zu 30 Prozent mehr Energie im Netz möglich. Dafür braucht es Anreize.
Die Sonne hat Kraft: In diesem Juni zum Beispiel übernahm die Solarenergie an vielen Tagen einen Großteil der Stromversorgung in Deutschland. Am vergangenen Sonntag etwa lieferte sie um 12 Uhr mittags rund 39,8 Gigawatt, während der Gesamtverbrauch bei 54,9 Gigawatt lag. Das waren also mehr als zwei Drittel.
Doch die Fotovoltaik soll weiter kräftig ausgebaut werden, und so wird es in absehbarer Zeit Phasen geben, in denen zumindest regional mehr Stromangebot vorhanden ist als Nachfrage. Es droht dann eine Netzüberlastung – doch stärker dezentral ausgerichtete Versorgungskonzepte unter anderem mit Batteriespeichern in den Gebäuden und E-Autos als Puffer können helfen, das zu vermeiden, das zeigt eine neue Untersuchung.
Der verstärkte Ausbau von Öko-Energien erfordert eine Erweiterung der Stromnetze, etwa um Windstrom aus Norddeutschland in den Westen und Süden zu transportieren. Doch auch wenn auf immer mehr Hausdächern Solaranlagen installiert werden, bedeutet das eine Herausforderung für die Integration der dort gewonnenen Elektrizitätsmengen ins Netz. Die Analyse des Berliner Beratungsunternehmens „Energy Brainpool“ zeigt nun, dass dort eine Überlastung eher vermieden werden kann, wenn Energieerzeuger:innen und -verbraucher:innen vor Ort besser als bisher zusammengeführt werden. Zudem kann das Netz dann 15 bis 30 Prozent mehr Strom aus Erneuerbaren aufnehmen. Auftraggeber der Studie war die European Climate Foundation (ECF).
Laut den von Energy Brainpool durchgeführten Simulationen kommt es darauf an, dass der Elektrizitätsüberschuss möglichst dezentral aufgefangen wird. Dazu muss die Einspeisung des Solar- und Windstroms in der betreffenden Region mit Batterie- und Wärmespeichern, Wärmepumpen sowie E-Mobilität verknüpft werden. Je mehr flexibel steuerbare Verbrauchsanlagen und Speicher dort eingesetzt werden können, desto besser kann die sonst nötige Produktionsdrosselung von Solar- und Windkraftanlagen vermieden werden. Zudem sinken laut der Untersuchung tendenziell die Netzverluste, so dass insgesamt mehr Strom aus den Öko-Kraftwerken genutzt werden kann.
Strom vor Ort zu erzeugen und zu verbrauchen, erhöhe die Effizienz der Energiewende, sagte Fabian Huneke von Energy Brainpool dazu. „Die Herausforderung ist es, Spitzen der Stromerzeugung aus Erneuerbaren in das Netz zu integrieren, wenn gleichzeitig der Verbrauch gering ist. Mit dezentralen Versorgungskonzepten kann das gelingen.“ Diese eröffneten darüber hinaus große Chancen, um private Haushalte und lokale Unternehmen stärker an der Energiewende zu beteiligen.
Als größtes Hindernis sieht Huneke, dass das öffentliche Netz bisher in Deutschland für dezentrale Versorgungskonzepte nicht geöffnet sei, anders als in anderen EU-Ländern. Dies müsse geändert werden. Außerdem brauche es Anreize dafür. So sei es sinnvoll, die Stromkosten für Verbraucher und Verbraucherinnen durch variable Netzentgelte zu senken, wenn sie Strom in den Zeiten eines hohen Angebots erneuerbarer Energie abnehmen – also etwa in den Mittagsstunden bei der Fotovoltaik. Dazu braucht es intelligente Stromzähler (Smart Meter), die allerdings ab 2025 bundesweit angeboten werden sollen.
Unterdessen zeichnen sich Fortschritte beim überregionalen Netzausbau ab. Die Bundesnetzagentur in Bonn teilte mit, bis Ende 2024 werde man voraussichtlich 2800 Kilometer und ein Jahr später 4400 Kilometer Hochspannungsleitungen genehmigt haben, die dann gebaut werden könnten. Derzeit sind es nach den Angaben erst 440 Kilometer. Man nutze „alle Möglichkeiten, die Verfahren zu beschleunigen“, sagte Behördenchef Klaus Müller. Insgesamt geht es bei dem Netzausbau auf der höchsten Spannungsebene um 14 000 Kilometer, die die bundesweite Verteilung des Ökostroms ermöglichen sollen. Die meisten dieser „Stromautobahnen“ sollen unterirdisch verlegt werden, um Einsprüche von Bürger:innen zu verringern. Bisher lief der Ausbau sehr schleppend.
