Fallende Großmarktpreise

Bei Strom, Gas und Co.: Tarife für Verbraucher auf Jahrestief

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Die befürchtete Energiekrise durch den Nahostkonflikt ist – vorerst – ausgefallen. Strom und Gas sind für Verbraucher aktuell sogar günstiger als im Sommer und auch Heizöl gab zuletzt wieder nach.

München – Der Nahostkonflikt hat an den Energiemärkten keine bleibenden Spuren hinterlassen. Weil der Winter inzwischen kalkulierbarer scheint, schmelzen die Risikoprämien für das kommende Jahr. Das kommt unmittelbar bei den Neukunden an und lädt zum Tarifwechsel ein.

Trotz der Kämpfe im Nahen Osten: Die Versorgung mit Gas und Öl ist gesichert

Trotz der erbitterten Kämpfe im Nahen Osten sinken derzeit die Preise für Gas und Öl. Denn die Versorgungslage hat sich nicht großartig verändert, sagt Sören Hettler, Chef-Anlagestratege der DZ Bank: „Es gab die Sorge, dass der Iran in den Konflikt eingreift und als Folge beispielsweise die Straße von Hormus blockiert würde. Spekuliert wurde auch über zusätzliche Förderkürzungen arabischer Länder.“ Infolgedessen stiegen die Gaspreise auch in Europa kurzzeitig um 20 Prozent, beim Öl waren es sieben.

Denn das Nadelöhr zwischen dem Persischen Golf und den Weltmeeren dient sowohl als Passage für Gas aus Katar als auch für Öl aus Saudi-Arabien. „Beides ist aber nicht eingetreten. Außerdem bekräftigten Vertreter Saudi-Arabiens jüngst, dass die Gespräche zur Normalisierung der Beziehungen mit Israel fortgesetzt würden“, so Hettler. Damit bleibe das Risiko eines größeren Konflikts zwar bestehen, „es gilt aber zumindest derzeit als überschaubar“. Dementsprechend kostet Rohöl mit rund 81 Dollar pro Barrel gerade gut zehn Prozent weniger als noch Ende Oktober.

Flüssiggas, kurz LNG, soll über neue Leitungen ins Land kommen. Im Sommer waren die kurzfristigen Marktpreise so günstig, dass die Händler lieber physisch die Speicher gefüllt haben, als Termingeschäfte abzuschließen.

Damit verlieren auch die Förderkürzungen der Opec-Länder ihren Schrecken. Dementsprechend wurden die Maßnahmen verlängert, weiß DZ-Bank-Stratege Sören Hettler: „Saudi-Arabien und Russland haben beschlossen, ihre aktuellen Förderkürzungen bis Jahresende beizubehalten. Marktseitig wird teils bereits eine Fortsetzung in das Jahr 2024 hinein erwartet.“ Das Risiko: Bei einer erstarkenden Nachfrage dürften die Ölpreise steigen: „Eine Abkehr des Königreichs von dieser restriktiven Angebotspolitik ist auch bei Ölpreisen bis 100 Dollar und mehr auf kurze Sicht nicht zu erwarten. Diesen Verdacht legen zumindest die jüngsten Erfahrungen nahe.“ Bei Russland sei es aber nicht sicher, ob höhere Preise nicht zu mehr Exporten führen könnten.

Bisher ist die Prognose günstig: „Nachfrageseitig haben wir für China, Europa und die USA eher überschaubare Wachstumszahlen. Wir erwarten für die kommenden Monate wenig Dynamik.“ Dementsprechend rechnet Hettler für die kommenden drei Monate mit einem Preiskorridor von 80 bis 90 Dollar.

Gas: Preissprung bei kaltem Winter möglich

Beim Gaspreis sind die Dezember-Lieferungen ein guter Indikator: Waren es vor dem Überfall der Hamas noch 46 Euro pro Megawattstunde, stiegen die Preise Ende Oktober auf gut 55 Euro und fielen Stand gestern auf 45. Auch die Preise für das kommende Gesamtjahr sind mit rund 46 Euro günstiger als noch im Sommer. Das bedeutet: Die Risikoaufschläge schmelzen: „Wir sind mit vollen Speichern und den bereits installierten sowie noch geplanten LNG-Terminals eigentlich gut gerüstet –das zeigt sich auch am Gaspreis“, erklärt Hettler.

Das Risiko: „Sollte es zu einem außergewöhnlich kalten Winter kommen – wie etwa 2012 – könnte es aber durchaus noch mal einen Preissprung geben.“ Grundsätzlich erwartet Hettler 2024 ein ähnliches Preisniveau wie 2023: „Am Markt werden erst ab 2025 wesentlich größere Flüssiggaskapazitäten erwartet. Gleichzeitig erwarten wir keine wesentliche Nachfragesteigerung in Europa.“

Strompreise sinken – Lage entspannt sich

Gas bleibt der Preissetzer am Strommarkt. Dementsprechend ist es dieser Tage so günstig, Strom für 2024 einzukaufen, wie das ganze Jahr noch nicht. Die Vorbereitungen durch die LNG-Terminals haben sich gelohnt. Denn durch das zeitweise Überangebot im Sommer hat es sich für die Händler offenbar rentiert, Gas physisch einzuspeichern. Der Zeitplan wurde marktgetrieben übererfüllt, das beruhigt den Markt.

Bei der Steinkohle, nach Gas dem zweitwichtigsten Faktor, ist der Ausblick entspannt, erklärt Sören Hettler: „Aus den großen Nachfrageländern China und Indien dürften kaum Impulse kommen. Chinas schwächelnde Wirtschaft und steigende lokale Produktion reduzieren den Importbedarf. Dies gleicht eine anziehende Nachfrage nach Kohleimporten aus Indien aus.“ Zudem seien viele europäische Lager gut gefüllt. „Unterm Strich dürfte Kohle im kommenden Jahr etwa so teuer sein wie heute, im Schnitt etwas günstiger als im Gesamtjahr 2023.“

Das Gesamtbild: „Der diesjährige Stresstest der Übertragungsnetzbetreiber hat gezeigt, dass die Lage in der Stromerzeugung entspannter ist als vergangenen Winter“, erklärt Luisa Wasmeier, Wissenschaftlerin bei der Forschungsstelle für Energiewirtschaft. Auch die Lage bei den französischen AKW sei entspannter. Durch deren großflächigen Ausfall musste Deutschland vergangenes Jahr große Mengen Strom exportieren. Das hat auch die deutschen Strompreise in die Höhe getrieben. Inzwischen scheinen die größten Probleme jedoch in behoben.

„Den ganzen Sommer über war die Verfügbarkeit relativ gut und gerade zeichnen sich keine größeren Probleme ab“, so Wasmeier. „Nichtsdestoweniger ist ein großer Teil der französischen AKW nach wie vor alt und störungsanfällig.“ Zum Vergleich: Aktuell sind über 20 Gigawatt französischer AKW-Leistung nicht verfügbar, Deutschland hat im April vier GW abgeschaltet. Das zeigt sich auch in den Börsenstrompreisen: Die sind nach wie vor höher als in Deutschland, was Importbedarf zeigt. Dieser Fakt wird in der öffentlichen Diskussion vernachlässigt, weil Frankreich die Strompreise massiv subventioniert.

Tipp für Verbraucher

Ähnlich günstig wie heute waren Strom und Gas für Verbraucher im Juli, zuletzt erreichten die Neukundentarife laut dem Vergleichsportal Verivox einen neuen Tiefststand. Strom gibt es im Bundesdurchschnitt für 27 Cent/kWh brutto inklusive Grundgebühr, Gas für 8,5 Cent. Seit einigen Tagen sinken mit den Gasölpreisen auch die Heizölkosten, Stand gestern waren es in München 106 Cent den Liter bei 3000 Litern Liefermenge.

Rubriklistenbild: © Schuldt/dpa

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