- VonNicola de Paolischließen
Seit Jahren wird über die Einführung von Strompreiszonen diskutiert. Eine neue EU-Studie empfiehlt, Deutschland in mehrere Strom-Regionen aufzuteilen. Doch der Widerstand ist groß.
Berlin – Strompreiszonen dienen dazu, ein Land in verschiedene Regionen mit unterschiedlichen Strompreisen aufzuteilen. In einer Zone also gilt dann jeweils ein eigener Börsenstrompreis, der sich von der anderen Region unterscheidet. Der Börsenstrompreis ist aber nicht mit dem Endkunden-Preis zu verwechseln, den Verbraucherinnen und Verbraucher zahlen. Er kommt nun auf den Prüfstand. Der europäische Verband der Stromnetzbetreiber Entso-E hat im Auftrag der Europäischen Agentur für Zusammenarbeit der nationalen Regulierungsbehörden (ACER) untersucht, ob sich durch die Neuordnung von Strompreiszonen im Großhandel in Europa eine größere Effizienz erzielen lässt, berichtet die Welt.
Auf europäischer Ebene wurden dabei verschiedene Modelle für Deutschland diskutiert, die zu zwei, drei, vier oder fünf Strompreiszonen führen könnten. Die Studie der europäischen Übertragungsnetzbetreiber kommt zu dem Schluss, dass eine Aufteilung in fünf Zonen wirtschaftlich am besten sei.
Millionenschwere Einsparung durch Strompreiszonen laut Experten
Den Berechnungen der Experten zufolge könnten die Stromkosten durch die Neuordnung der verschiedenen Preiszonen in Deutschland um insgesamt mehrere Hundert Millionen Euro sinken. Verschiedene Strompreise zu spüren bekommen würde hauptsächlich die Industrie, die ihren Strom direkt an der Börse einkauft.
Strompreiszonen: Andere Staaten machen es vor
So funktioniert das zum Beispiel seit 2011 bereits in Schweden. Das Land ist in vier geografische Preiszonen aufgeteilt. Die Idee dahinter: Regionale Unterschiede bei Angebot und Nachfrage von Strom sollen so besser geregelt werden. In Schweden gibt es also nicht mehr einen Börsenstrompreis, sondern dieser unterscheidet sich in den einzelnen Zonen. Die Europäische Union prüft dieses Modell gerade für Deutschland.
Regionale Unterschiede bei der Stromerzeugung
In Deutschland gibt es nämlich derzeit regional große Unterschiede bei der Stromerzeugung. In Norddeutschland weht viel Wind, und dort stehen entsprechend mehr Windräder als etwa im Süden. So entsteht günstiger Strom eben vor allem im Norden an den Küsten. Im Süden hingegen wird der Strom aber in erster Linie gebraucht. Dieser muss transportiert werden, doch es fehlt an Stromtrassen in den Süden. Wird also an windreichen Tagen viel Windstrom produziert, kann das die Netze überlasten und der Strom kann in diesen Fällen nicht nach Süden transportiert werden.
Um den Bedarf zu decken, werden Gaskraftwerke im Süden hochgefahren. Nach Angaben der Bundesnetzagentur betrugen die Kosten, um Engpässen im Stromsystem entgegenzuwirken, 2024 knapp 2,8 Milliarden Euro, berichtete das ZDF. Es wird erwartet, dass die Ausgaben in Zukunft steigen – am Ende bezahlen sie alle Verbraucher über die Netzentgelte.
Im Norden könnten die Strompreise sinken
Weil dieses Vorgehen also viel Geld kostet, steigt der Strompreis in ganz Deutschland. Mit Preiszonen soll das umgangen werden. Wenn insgesamt weniger Strom transportiert werden muss, dann könnten auch weniger Kosten für den Netzausbau insgesamt anfallen.
Laut den Befürwortern von mehreren Preiszonen könnten erneuerbare Energien wie Wind- und Sonnenenergie effizienter genutzt werden. Außerdem würden die Netze in Deutschland entlastet, weil weniger Strom transportiert werden muss. Durch die Zonen wird nämlich versucht, Investitionsanreize zu setzen. Das soll dazu führen, dass sich die Industrie eher dort ansiedelt, wo der Strom günstiger ist. Wenn in Deutschland je nach Region der Strom unterschiedlich viel kostet, ist es denkbar, dass Unternehmen aus den „teuren“ Regionen in „günstigere“ abwandern - das könnte sich auf die wirtschaftliche Entwicklung dieser Regionen auswirken.
Wirtschaft im Süden Deutschlands warnt vor Strompreiszonen
Verschiedene Wirtschaftsverbände warnen dementsprechend vor höheren Preisen für die Industrie, vor allem jene mit Standorten im Süden des Landes. Widerstand gegen die Einführung von Strompreiszonen in Deutschland kommt vor allem aus Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und aus dem Saarland. Dort befürchtet man eine wirtschaftliche Schwächung der Länder im Süden und Westen.
Auf Bundesebene sieht man das ähnlich. Die bisherige Bundesregierung und auch die geplante schwarz-rote Koalition lehnen eine Aufteilung Deutschlands in mehrere Preiszonen ab, vor allem wegen der möglichen Kostensteigerungen für die Wirtschaftsstandorte des Südens und Westen Deutschlands. CDU und CSU hatten in den neuen Koalitionsvertrag eine klare Absage gegenüber Strompreiszonen hineinverhandelt.
Deutschland hat sechs Monate Zeit zur Reaktion auf EU-Studie
Deutschland hat jetzt sechs Monate Zeit, auf die Studie zu reagieren. Voraussichtlich wird Deutschland aber diesen Vorschlägen auf EU-Ebene nicht zustimmen. Sollten sich die EU-Mitgliedsstaaten nicht auf eine Neuordnung der Strompreiszonen einigen können, dann trifft die Kommission eine Entscheidung. Stand jetzt wäre das spätestens im Frühjahr 2026 der Fall.
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