VonFabian Hartmannschließen
Nicht überall in Deutschland haben Kinder aus prekären Verhältnissen gleiche Chancen auf Bildung. In zwei Ländern tritt die Ungleichheit am deutlichsten zutage.
Berlin – Deutschlandweit besuchen 26,7 Prozent der Kinder aus sogenannten benachteiligten Familien ein Gymnasium, während Kinder mit einem bildungstechnisch oder ökonomisch besser gestellten Hintergrund es in 59,8 Prozent der Fälle schaffen, die höchste Schulform zu erreichen. Wie aber unterscheiden sich die Bildungschancen von Kindern unterschiedlicher sozialer Klassen und verschiedener Bildungshintergründe in den einzelnen Bundesländern?
Diese Frage hat sich jüngst das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e. V. (ifo-Institut) gestellt und im Rahmen dessen nun eine neue Studie vorgelegt. In ihr vergleichen die Wirtschaftsforscher die Wahrscheinlichkeit eines Gymnasialbesuchs für Kinder aus sogenannten benachteiligten Verhältnissen mit Kindern, die in besser gestellten Verhältnissen aufgewachsen sind.
Als „benachteiligt“ gelten Familienverhältnisse demnach, wenn weder ein Elternteil das Abitur besitzt, noch das Einkommen des betreffenden Haushalts im bundesweiten Vergleich im oberen Viertel angesiedelt ist. Als „günstig“ gilt ein familiärer Hintergrund der Studie zufolge, wenn mindestens ein Elternteil das Abitur besitzt, und/oder, wenn das Haushaltseinkommen der Familie zum bundesweiten oberen Viertel gehört.
Wo in Deutschland haben Kinder aus benachteiligter Verhältnissen die besten Bildungschancen?
Ein Ergebnis der ifo-Institut-Studie ist, dass Bildungschancen der Kinder und Jugendlichen in Deutschland zwischen einzelnen Bundesländern teils mit deutlichen Unterschieden zutage treten. Am wenigsten negativ wirkt sich ein ungünstiger familiärer Hintergrund für Kinder demnach in Berlin und Brandenburg aus.
Dort stehen die Chancen eines Kindes aus benachteiligten Verhältnissen, ein Gymnasium zu besuchen, mit 53,8 Prozent in Berlin und 52,8 Prozent in Brandenburg im Vergleich zu anderen Bundesländern noch am besten. Chancengleichheit wäre der ifo-Studie im Rahmen dieser Betrachtungsweise bei 100 Prozent erreicht – Kindern benachteiligter Familien in Berlin und Brandenburg ist es somit etwas mehr als halb so wahrscheinlich wie besser gestellten, Gymnasialbildung zu erhalten.
Bundesweit beträgt der Durchschnittswert dem ifo-Institut zufolge 44,6 Prozent. Am unteren Ende liegen jeweils zwei Freistaaten: Sachsen mit 40,1 Prozent und Bayern mit 38,1 Prozent. Chancengleichheit wäre bei 100 Prozent erreicht. „Bildung und Einkommen der Eltern sind entscheidende Faktoren für die Bildungschancen von Kindern in Deutschland. Aber dies gilt in den Bundesländern in unterschiedlichem Ausmaß“, sagt Ludger Wößmann, Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomik.
Wie hoch sind Bildungschancen? Reihe von Bundesländern liegt unter dem Bundesdurchschnitt
Mit Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein, Thüringen, Nordrhein-Westfalen, Hessen und Bremen liegen der Studie des ifo-Instituts zudem gleich eine ganze Reihe von Bundesländern bei der Chancengleichheit auf Bildung unter dem bundesweiten Durchschnitt.
Als Datenbasis ihrer Analyse wählte das ifo-Institut die Mikrozensi 2018 und 2019. So konnten die Wirtschaftsforscher Daten von 102.005 Kindern und Jugendlichen im Alter von 10 bis 18 Jahren miteinander vergleichen. Die Fallzahlen reichten dabei von 947 Kindern in der Hansestadt Bremen bis hin zu 23.022 Kindern in Nordrhein-Westfalen.
Alternativ zur obigen Vergleichsweise der Daten, kann allerdings auch der absolute Abstand zwischen den beiden Werten berechnet werden, merkt das ifo-Institut an. Dieser Berechnung zufolge läge Mecklenburg-Vorpommern mit 26,4 Prozentpunkten vor Rheinland-Pfalz mit 28,4 Prozentpunkten an der Spitze. Am Ende liegen Sachsen-Anhalt mit 38,1 und Sachsen mit 40,1 Prozentpunkten Abstand. Chancengleichheit wäre nach diesem Analysemodell bei einem Nullabstand erreicht.
„Ausmaß der Ungleichheit von Bildungschancen ist zum Glück nicht unumstößlich“
Die Unterschiede sind statistisch, bildungspolitisch und wirtschaftlich bedeutsam. Tatsächlich verdienen Menschen mit Abitur im Durchschnitt monatlich netto 42 Prozent mehr als Menschen ohne Abitur, die statt eines potenziellen Studiums nach dem Abitur, etwa einer Ausbildung nachgegangen sind.
Florian Schoner, der als Co-Autor an der Studie des ifo-Instituts beteiligt war, zeigt sich bezüglich künftiger Verbesserungsmaßnahmen der Situation aber zuversichtlich: „Das große Ausmaß der Ungleichheit von Bildungschancen ist zum Glück nicht unumstößlich. Politische Maßnahmen könnten Kinder aus benachteiligten Verhältnissen gezielt fördern, am besten schon im frühkindlichen Alter“, wird Schoner in einer der Studie beigefügten Pressemitteilung zitiert.
Wichtige Ansatzpunkte seien Schoner zufolge nicht nur eine gezielte Unterstützung von Eltern und Schulen in herausfordernden Lagen, sondern auch eine datenbasierte Sprachförderung und Mentoring-Programme. Schließlich könne auch eine spätere schulische Aufteilung etwas an der ungleichen Verteilung von Bildungschancen für Kinder ändern. „Interessanterweise sind Berlin und Brandenburg die einzigen Länder, in denen die Kinder erst ab der 7. Klasse auf das Gymnasium wechseln“, sagt Prof.Dr. Ludger Wößmann, Leiter des ifo-Zentrums für Bildungsökonomik. (fh)
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