VonLisa Mayerhoferschließen
Den ganzen Tag in ergebnislosen Meetings sitzen und unsinnige Formulare verwalten: Eine Studie zeigt, in welchen Branchen das Gefühl von Sinnlosigkeit der eigenen Arbeit besonders ausgeprägt ist.
München – Millionen Menschen sind in sogenannten „Bullshit-Jobs“ gefangen, sagt David Graeber, Freigeist und Wirtschaftsprofessor an der London School of Economics and Political Science, in einem vor fünf Jahren erschienenen Sachbuch. Damit meint er sinnentleerte, aber gut bezahlte Jobs, die keinen gesellschaftlichen Nutzen haben. Das Buch sorgte damals für Furore. Eine neue Studie zeigt jetzt: Viele Menschen haben eine ähnliche Einstellung zu ihrem Job – in manchen Branchen sind es mehr, in anderen weniger.
„Kästchenankreuzer“ und „Aufgabenverteiler“: Beispiele für Bullshit-Jobs
Als Beispiel für einen sogenannten Bullshit-Job nennt Graeber in seinem Buch die Arbeit einer seiner Befragten – ihr Name ist Betsy: Ihre wichtigste Aufgabe bei ihrem Job in einem Altenheim bestehe darin, die Bewohnerinnen und Bewohner mithilfe eines Formulars regelmäßig nach ihren Freizeitwünschen zu fragen und die Angaben in eine Tabelle einzutragen. Das sei mehr oder weniger alles – sobald sie etwas davon umsetze und mit den Bewohnern im Altenheim singe oder koche, verhindere ihr Chef den Plan. Denn ihre Aufgabe bestehe einzig und allein darin, dem Unternehmen zu helfen, Engagement vorzutäuschen, aber nicht umzusetzen, so Graeber.
In seinem Buch ordnet der Professor Betsys Job der Kategorie „Kästchenankreuzer“ zu. Dann gebe es beispielsweise noch die „Aufgabenverteiler“, also Manager, deren Aufgabe es sei, eine Gruppe Mitarbeiter zu leiten, die ohne sie besser klarkämen.„Flickschuster“ seien dagegen in ihrem Job hauptsächlich damit beschäftigt, die Suppe auszulöffeln, die unfähige Chefs ihnen einbrocken. Unglücklich seien fast alle Betroffenen, so Graeber, ihre Arbeits- und damit auch Lebenszeit mit unsinnigen Formularen oder Meetings zu verschwenden.
Studie: Bullshit-Jobs vor allem bei Führungskräften und in der Verwaltung
Graebers These einer breiten Existenz von Bullshit-Jobs kann jetzt der Soziologe Simon Walo von der Universität Zürich ausbauen. Der Forscher wertete statistische Daten aus den USA aus und untersuchte dabei vor allem, in welchen Branchen Menschen ihre Jobs als „Bullshit“ empfinden. Das Ergebnis: Jeder fünfte Befragte gab an, sein Job sei nur selten oder nie nützlich oder generiere einen Mehrwert für die Gesellschaft.
Besonders häufig kamen diese Angaben von Menschen, mit Berufen in der Verwaltung, im Verkauf, in der Wirtschaft und im Finanzwesen sowie bei Führungskräften. Dort sei das Gefühl von Sinnlosigkeit des eigenen Tuns stärker ausprägt als in anderen Branchen. Seine Ergebnisse würden damit Graebers These einer breiten Existenz sinnloser Jobs untermauern, meint der Forscher.
Experte: Menschen in gut bezahlten Positionen sind gut darin, sich selbst etwas vorzumachen
Der Schweizer Wirtschaftspsychologe Christian Fichter erklärt dazu gegenüber der Schweizer Zeitung 20min.ch, wie es in einem Unternehmen zu Bullshit Jobs kommen kann – vor allem auf Manager-Ebene. Denn: Je höher das Gehalt, desto mehr müssen viele Manager um ihre Position kämpfen, erklärt Fichter. „Das führt dazu, dass diese Manager nicht mehr wissen, was in ihren Teams eigentlich genau läuft.“ Zusätzlich müssten sich die Führungskräfte stark mit sich selbst und mit übergeordneten Themen beschäftigen, die letztlich irrelevant seien und nichts zum Kerngeschäft beitrügen, erklärt der Wirtschaftspsychologe der Zeitung.
Fichters Fazit: „Wenn ein Unternehmen auf diese Weise den Erfolg und die Mitarbeiterzufriedenheit vernachlässigt, kreiert es vor allem eines: Bullshit-Jobs.“ Außerdem seien Menschen in gut bezahlten Positionen gut darin, sich selbst etwas vorzumachen, sagte der Wirtschaftspsychologe 20min.ch: „Wenn ich eine Viertelmillion jährlich verdiene, kann ich mir auch einreden, dass es extrem wichtig ist, dass ich den ganzen Tag Daten von einem Excel ins andere übertrage.“
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