VonMax Müllerschließen
Gleicher Preis, minderwertige Qualität: Verbraucherschützer beobachten eine besonders perfide Art der Inflation in Supermärkten.
Die „Mogelpackung des Jahres“ dürften einige Menschen bereits kennen. Der von der Verbraucherzentrale Hamburg ausgelobte Preis ging im letzten Jahr an den Brotaufstrich „Rama“: Im identisch großen Becher sind seit 2022 nur noch 400 statt 500 Gramm Aufstrich enthalten. Das entspricht, bei gleichbleibendem Preis, einer versteckten Preiserhöhung von 25 Prozent. Doch nicht nur bei der Füllmenge lässt sich für Lebensmittelerzeuger kräftig sparen. Auch bei gleichbleibendem Inhalt gibt es einen Trick, der sehr intuitiv funktioniert: Man nimmt einfach qualitativ billigere, minderwertigere Produkte.
Ob Wasser statt Öl und Butter im Streichrahm, weniger Fruchtanteil im Apfelsaft, Kokosfett statt Schlagsahne im Vanilleeis oder weniger Alkoholgehalt (36 statt 38 Prozent) im Weinbrand: Die Verbraucherzentrale Hamburg (VZHH) hat mehrere Produkte verglichen. Der Fachbegriff dafür lautet „Skimpflation“. „Skimp“ ist ein englisches Wort und bedeutet so viel wie knausern. Die Inflation kommt nicht im ursprünglichen Sinne daher, denn der Preis bleibt ja gleich. Für Verbraucher ist es dennoch ein Minusgeschäft, weil sie mindere Qualität erhalten.
Ausmaß der „Skimpflation“ in Supermärkten schwer messbar
In welchem Ausmaß Skimpflation von Herstellern angewendet wird, ist der VZHH nicht bekannt. Denn diese zu erkennen, ist schwierig. Man muss alte und neue Zutatenlisten nebeneinanderlegen können, um die in der Regel schlechtere Produktqualität zu entlarven.
Auch Thilo Bode weiß nicht genau, wie verbreitet die „Skimpflation“ mittlerweile ist. Sein Gefühl: Sie breitet sich aus. „Das liegt ganz einfach daran, dass alles ohnehin teurer wird – dann muss zwangsläufig an jeder Schraube gedreht werden und im Zweifel leidet halt die Qualität“, sagt der Gründer der Verbraucherschutzorganisation „Foodwatch“. Dass das so ist, liege auch an der Unternehmenskonzentration des Lebensmitteleinzelhandels. „Die vier Handelsgiganten Edeka, Rewe, Lidl und Aldi haben eine derartige Marktmacht, dass sie den Herstellern die Preise diktieren können. Diese sind dann gezwungen, immer billiger zu produzieren – auf Kosten der Qualität“.
An sich wäre das nicht weiter schlimm, solange das Prozedere transparent bleibt. „Doch das ist es nicht, wie die VZHH abermals dokumentiert“, moniert Bode. „Wenn Verbraucher derartig getäuscht werden, verstößt dies gegen europäisches und deutsches Recht. Trotzdem passiert nichts, weil die Verbraucher den Schwindel nicht bemerken“.
„Skimpflation“: Gleicher Preis, ungesünderes Produkt
In seinem Buch „Der Supermarkt-Kompass“ knöpft sich Bode zum Beispiel Backwaren vor. „Die Vollautomatisierung der Backwarenherstellung erfordert den Einsatz von technischen Enzymen, die jedoch nicht deklarationspflichtig sind, aber dennoch die Qualität der Lebensmittel verändern können.“ Ob Aromen, Zusatzstoffe oder Enzyme. Laut Bode sind das alles Auswüchse der „Skimpflation“ und nichts anderes als der Versuch, die Herstellung billiger zu gestalten und gleichzeitig die Kunden im Glauben zu lassen, die Qualität bleibe unverändert. Der Nachteil: Ernährungsexperten warnen vor hoch verarbeiteten Lebensmitteln. Je länger die Zutatenliste, desto größer die Risiken.
Als Katalysator für die „Skimpflation“ habe der Ukraine-Krieg gewirkt, sagt die VZHH. So stieg sich nach dem russischen Überfall beispielsweise der Preis für Sonnenblumenöl rapide an. Ein Öl, das in vielen Produkte steckt, zum Beispiel in den Frühstücksflocken „Cini Minis“. Hersteller Nestlé nimmt nun das von vielen (ungesunden) gesättigten Fettsäuren geprägte Palmöl statt Sonnenblumenöl – auch jetzt noch, obwohl die Preise wieder gesunken sind.
Verbraucherschützer fordern mehr staatliche Regulierung in Supermärkten
Für Supermarkt-Experte Bode ist klar, dass das Substituieren von Sonnenblumenöl durch Palmöl noch lange nicht das Ende der Fahnenstange ist. „Die Lebensmittelindustrie ist sehr findig“, sagt Bode. Aus Sicht der Konsumenten liege die Lösung auf der Hand. „Hier liegt Rechtsbruch vor. Der Staat hat die Pflicht, die Verbraucher zu schützen, müsste eingreifen und vorschreiben, dass die Qualität von Lebensmitteln zu erkennen ist und Qualitätsänderungen durch eine Veränderung der Zutaten deutlich gemacht werden“, sagt Bode.
Ansonsten würden Verbraucher weiter ratlos vor den Regalen stehen. „Wie soll ein Mensch denn bei dutzenden Olivenölen, die alle der höchsten Güteklasse ‚nativ extra‘ angehören, aber deren Preise sich um mehrere hundert Prozent unterscheiden, wissen, was nun hochwertig ist?“, fragt Bode. Bevor das nicht klar werde, rät der Experte: „Wenn Qualitätsunterschiede nicht erkennbar sind, würde ich direkt zum Discounter gehen – da kommt man wenigstens billig weg.“
*Die Bilder wurden mithilfe maschineller Unterstützung erstellt. Dafür wurde ein Text-to-Image-Modell genutzt. Auswahl des Modells, Entwicklung der Modell-Anweisungen sowie finale Bearbeitung der Bilder: Art Director Nicolas Bruckmann.
