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USA: Trinkgeld auch beim Bäcker

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Den Tip nicht vergessen: Bäckerei in Belleview, Forida.
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Einen ordentlichen Tip erwartet in den USA inzwischen nicht mehr nur das Restaurantpersonal.

Der freundliche Verkäufer in der Bäckerei an der Connecticut Avenue dreht das iPad mit schwungvoller Routine Richtung Kunde. Erwartungsvoll lächelt er ihn an. „Wann immer Sie so weit sind.“ Auf dem Bezahlbildschirm tauchen auf blauem Grund drei Felder auf. Sie bieten die Wahl zwischen 15, 20 und 30 Prozent. Fast mit der Lupe suchen, muss man die Option „No Tip“ am unteren Rand des Bildschirms.

Der Nächste in der Schlange kann ohne Mühe sehen, wie großzügig das Trinkgeld ausfällt. Wie auch der Verkäufer nicht lange raten muss. Überforderte Kundinnen oder Kunden vergessen nach der digitalen Unterschrift regelmäßig den Schirm zu schließen, bevor er das iPad zurückdreht. Der sanfte Druck – in der Soziologie auch „Nudging“ genannt – funktioniert. Am Ende des Monats haben die Beschäftigten der Bäckerei ein paar hundert Dollar mehr in der Tasche.

Deswegen haben die Beschäftigten von Starbucks Druck auf den Konzern gemacht, „the turn“, wie die Routine des drehbaren Bezahlbildschirms auch genannt wird, einzuführen. Während die Trinkgeld-Gläser in der Vergangenheit selten mit mehr als ein paar Cent Wechselgeld gefüllt waren, tragen die „Tips“ jetzt spürbar zum Einkommen bei. Laut einer Statistik des Starbucks-Konzerns zahlt die Hälfte der Kundinnen und Kunden heute ein Trinkgeld von mindestens 15 Prozent.

Gleichzeitig wächst der Widerstand gegen den Versuch von Dienstleistern, immer und überall die Hand aufzuhalten. Inzwischen sind es nicht mehr nur Restaurants, in denen Trinkgelder schon immer normal waren. Hinzu gekommen sind alle möglichen Geschäfte, in denen Tips keine Tradition haben: von Autowaschanlagen über Nachbarschaftskioske und Fastfood-Plätze bis zum Selbstbedien-Checkout am Flughafen.

Laut einer Studie von „Bankrate.Com“ haben zwei von drei Amerikaner:innen eine negative Einstellung zu der aus ihrer Sicht außer Kontrolle geratene Trinkgeld-Unkultur. Die übergroße Bereitschaft während der Covid-Pandemie, Menschen zu danken, die zur Erbringung von Dienstleistungen große persönliche Risiken eingegangen sind, weicht dem Gefühl, abkassiert zu werden.

Was die Amerikaner dabei am meisten störe, so der Analyst Ted Rossman bei Bankrate.Com, sei der Eindruck, bevormundet zu werden. „Sie müssen sich wirklich anstrengen, wenn Sie kein Trinkgeld geben wollen“, meint Rossman zu dem Trick mit Dreh des Bezahlbildschirms. „Das mögen die Leute nicht.“

Lifestyle-Produkt statt orthopädischer Schuh

Zumal sich längst herumgesprochen hat, dass Geschäfte damit versuchen, auf dem leer gefegten Arbeitsmarkt, Personal zu gewinnen. Diese Strategie beobachtet auch der Experte Sean Jung von der renommierten Boston University. „Die Gehälter in der Service-Industrie reichen nicht aus“, weiß Jung. „Deshalb versucht jeder auf diesem merkwürdigen Weg, den Lohn zu erhöhen, ,ohne selbst höhere Kosten zu haben.“

In der traditionell an Trinkgelder gewöhnten Gastronomie macht sich „Tipflation“ durch einen Anstieg der Obergrenzen bemerkbar. Während in den 1950er-Jahren die Amerikaner:innen noch zehn Prozent auf ihre Restaurant-Rechnung aufschlugen, stieg der Betrag auf 15 Prozent in den 1980er-Jahren und etablierte sich vor Covid bei 20 Prozent. In Metropolen wie Washington, New York oder Los Angeles ist das heute die in Restaurants erwartete Untergrenze. 25 und 30 Prozent an „Tip“ stehen selbstverständlich als vorgeschlagene Option auf dem Kreditkarten-Beleg.

Was Kundinnen und Kunden wie Personal gleichermaßen verärgert, sind die oft nicht transparenten Gebühren, die neuerdings aufgeschlagen werden. In Los Angeles verklagten Kellner:innen eines italienischen Restaurants die Eigentümer. Der Vorwurf: Sie würden sie um ihre Trinkgelder prellen, indem sie eine „Service“-Gebühr von 18 Prozent verlangten. Geld, das nicht dem Personal, sondern der Profitabilität des Geschäfts zugutekam. Mit dem Effekt, dass die Gäste dachten, damit sei das Trinkgeld bereits abgedeckt. Die Kläger:innen bekamen Recht. Seitdem steht auf dem Beleg, die Gebühr sei „kein Tip“. Pfiffige Gastronomiebetriebe bezeichnen die Aufschläge kreativ als „Gesundheits“- oder „Wohlfühl“-Gebühr, die helfe, die Krankenversicherung oder angemessene Löhne für die Beschäftigten zu bezahlen. Behauptungen, die sich nicht belegen lassen.

„Da bin ich nicht mehr zu bereit“, beschwert sich Andrew Rathburn, dem genau das kürzlich widerfuhr, als er bei „seinem“ Italiener in Georgetown die Rechnung präsentiert bekam. Statt 56 Dollar laut Menü wollte das Restaurant 82 Dollar für sein Abendessen sehen. Er wundere sich, fügt Andrew ironisch hinzu, „wann ich auch meinem Anwalt und Arzt einen Tip geben muss.“

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