IW-Studie

Trotz Fachkräftemangel: Arbeitslosenquote so hoch wie seit zehn Jahren nicht mehr

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Die Rezession bringt die Arbeitslosenquote auf ein neues Hoch. Laut einer IW-Studie gehen Unternehmen daher auf Sparflamme - besonders bei der Einstellungen.

Berlin - Die Wirtschaftskrise zeigt jetzt auch ihre Auswirkungen auf dem Arbeitsmarkt. Wie eine aktuelle Studie des Instituts der Deutsche Wirtschaft (IW) vom 26. April zeigt, werde die Zahl er Arbeitslosen im laufenden Jahr auf den höchsten Stand seit 2015 steigen. Die Studie liegt der Nachrichtenagentur Reuters vor. Demnach werde sich die Arbeitslosenquote auf knapp 2,8 Millionen erhöhen. 

„Im vergangenen Jahr war der Arbeitsmarkt recht stabil, trotz Rezession“, so IW-Arbeitsmarktexperte Holger Schäfer. In diesem Jahr, ergänzte der Experte, bekomme man die Folgen der Wirtschaftskrise stärker zu spüren. Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes war das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2023 um 0,3 Prozent niedriger als im Vorjahr. Im Jahr 2022 konnte in Deutschland noch eine Wirtschaftsleistung von 1,9 Prozent Wachstum festgestellt werden.

Das Jahr 2024 für Jobsuchende laut IW nicht einfach.

Widerspiegeln würde sich dies folglich auf dem Jobmarkt. „Die Beschäftigungspläne der Unternehmen lassen für den weiteren Jahresverlauf kein Wachstum erwarten“, wie der Studie zu entnehmen ist. Die Zahl der neu gemeldeten offenen Stellen erreichte im März den niedrigsten Stand seit fünf Jahren. 

Das Boomer-Dilema: Fachkräfte werden dringend benötigt

Der Arbeitsmarkt weist Experten zufolge ein Paradoxon auf. So wird händeringend nach Fachkräften gesucht, obwohl die Arbeitslosenquote infolge der Wirtschaftskrise steigt. Der Mangel an qualifizierten Personal habe sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt, wie eine MPG-Studie feststellt. Unternehmen werden dadurch zunehmend unter Druck gesetzt, mit Lohnerhöhungen und flexiblen Arbeitszeitmodellen zu regieren. 

„Weil geburtenstarke Jahrgänge das Rentenalter erreichen, besteht aber Ersatzbedarf und die Fachkräftelücke schließt sich kaum“, hieß es weiter in der Analyse des IW. Unternehmen, so die Studie, würden ihre vorhandenen Fachkräfte eher halten, als neue einzustellen. Dies leiten die Autoren aus der gestiegenen Anzahl der Arbeitsstunden ab (+0,4 Prozent).

Sollte die konjunkturelle Situation dauerhaft auf einem niedrigen Niveau bleiben, “ist mit zunehmender Wahrscheinlichkeit mit einer Anpassung des Personalbestandes zu rechnen, weil dauerhafte Produktivitätsrückgänge die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen untergraben”, wie es in der Studie nachzulesen ist.

Prognose: Arbeitslosigkeit 2024 wird offenbar Corona-Jahr übertreffen

„Die Zurückhaltung der Betriebe bei Neueinstellungen verschlechtern die Chancen von Arbeitsuchenden, eine passende Stelle zu finden“, so die IW-Studie weiter. Unternehmen kämpfen noch immer mit gestiegenen Kosten infolge der Energiekrise, Inflation, schwacher Kaufkraft und dem Auslaufen der Staatliche Hilfen. Die Zahl der Firmen-Insolvenzen nahm laut Finanzinformationsdienstes Crif im vergangenen Jahr um 22,4 Prozent auf 17.850 Fälle zu. Crif prognostiziert für das laufende Jahr eine Steigerung auf 19.800 Pleiten.

Der IW-Analyse zufolge wird die Arbeitslosigkeit weiter steigen, und sogar Ende des Jahres das Corona-Krisenjahr 2020 übertreffen: „Im vierten Quartal ist zu erwarten, dass sogar der Stand aus der Krise in der Corona-Pandemie im Jahr 2020 übertroffen wird“. Die Quote werde sich demnach auf sechs Prozent belaufen. Im Pandemie-Jahr lag die Quote bei 5,7 Prozent. Damals wurde die Wirtschaft wegen großflächigen Lockdowns lahmgelegt. Viele Arbeitgeber entschieden sich dazu, als Sparmaßnahme Mitarbeiter zu entlassen oder die Einstellungen herunterzufahren. In vielen Fällen halfen personalpolitische Maßnahmen, wie das Einführen von Kurzarbeit. 

Fachkräftelücke schließen: bessere Integration von Zuwanderern auf dem Arbeitsmarkt

Die Zuwanderung sei mitunter ein Grund dafür, warum die Zahl der offenen Arbeitsstellen (März 2024: 706.661) nicht ausreiche, um die Arbeitslosenzahl zu senken. So wanderten im vorangegangenen Jahr 650.000 Personen netto ein. Im Jahr 2022 befanden sich unter den 1,5 Millionen Geflüchteten eine Million allein aus der Ukraine. Statistiken zeigen, dass sich i der Ukraine 285.000 IT-Fachkräfte befinden. In Deutschland stieg 2023 der Bedarf an Fachkräften im IT-Sektor auf ein neues Rekordhoch von 149.000 (Quelle: Bitkom).

Länder und Kommunen fordern daher die Ampel-Regierung zu mehr gesetzlichen Initiativen auf, um das Potenzial der vorhandenen Arbeitskraft zu nutzen. Spracherwerb und bessere Vernetzung mit Arbeitgebern könne Integrationen beschleunigen. Zudem müssen bürokratische Verfahren und Nachschulungen zur Anerkennung von Abschlüssen vereinfacht werden.

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jan Woitas

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