VonLisa Mayerhoferschließen
Deutschland bezieht große Mengen von Öl und Gas aus Russland. Doch die Diskussion um ein mögliches Embargo für Kohle, Öl Gas aus Russland läuft. Welche Folgen das hätte, was Experten erwarten.
Berlin - Die Öl- und Gaspreise bewegen sich seit dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs* auf einem Rekordhoch. Gleichzeitig werden immer mehr Rufe laut, Russland mit einem Energie-Embargo zu belegen und einen Lieferstopp für Öl und Erdgas zu erreichen.
Das Problem: Damit schneidet sich Deutschland auch ins eigene Fleisch. 2021 bezog Deutschland mehr als ein Drittel der Öleinfuhren aus Russland, bei Gas war es sogar mehr als die Hälfte der Lieferungen. In der gesamten EU liegt der Anteil bei rund 40 Prozent bei Erdgas und knapp 30 Prozent bei Erdöl.
Öl und Erdgas: Habeck warnt vor Sanktionen gegen Russland
Die deutsche Regierung sperrt sich deshalb auch gegen einen Importstopp von russischem Öl und Gas, das beispielsweise schon die USA und Großbritannien am Dienstag verhängt hatten. „Wir können nur Maßnahmen beschließen, von denen ich weiß, dass sie nicht zu schweren wirtschaftlichen Schäden in Deutschland führen und das wäre der Fall, wenn wir jetzt sofort Öl, Kohle und Gas nicht mehr in dieses Land lassen würden“, erklärte deshalb auch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) am Mittwochabend im ZDF „heute journal“.
Habeck warnte vor dramatischen wirtschaftlichen Auswirkungen, die Deutschland dann zu erwarten hätte: „Hier geht es darum, wirtschaftliche Schäden abzuwehren, die uns dann über Jahre binden und auch politisch lähmen würden. Fünf Prozent wirtschaftlicher Einbruch - wenn es denn so käme - ist mehr als die Covid-Pandemie.“
Die Deutschen sind allerdings laut einer Umfrage wegen des Ukraine-Kriegs mehrheitlich für einen Stopp* der Öl- und Gasimporte aus Russland. 54 Prozent gaben in einer Befragung des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag des Handelsblatts an, ein Embargo zu befürworten.
Energie-Embargo gegen Russland: Alternativen für Öl, aber nicht für Erdgas
Doch wie bewerten Experten die Lage - ist ein Energie-Embargo überhaupt möglich? Laut der Energieexpertin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) wäre ein Lieferstopp zumindest bei Kohle und Rohöl denkbar - hier gebe es Alternativen. Die Internationale Energieagentur (IEA) verweist auf Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate sowie den wachsenden Ölschiefersektor in den USA.
Problematischer sei die Situation beim Erdgas, erklärt Kemfert weiter. Die Abhängigkeit insbesondere Deutschlands sei hier besonders groß, zudem gebe es nur wenige Alternativen. Mehr Erdgas könnte über Pipelines aus Norwegen und Aserbaidschan kommen, doch die zusätzlichen Kapazitäten sind begrenzt.
Eine weitere Alternative ist verflüssigtes Erdgas, bekannt unter der Abkürzung LNG. Im Jahr 2020 importierte Europa laut Zahlen des Energiekonzerns BP bereits knapp 115 Milliarden Kubikmeter LNG. Die Lieferungen kamen zumeist aus Katar und den USA. Auch aus Russland kamen 17,1 Milliarden Kubikmeter.
Deutschland steht jedoch vor einem Problem: Für die Annahme von LNG-Lieferungen und die Aufbereitung des Gases werden besondere Terminals zur Schiffsabfertigung benötigt - und die gibt es in Deutschland nicht, ein direkter Import ist also nicht möglich.
Bisher wird das LNG in Deutschland über Terminals im belgischen Zeebrügge, im französischen Dünkirchen und aus den Niederlanden bezogen. Das will die Regierung immerhin ändern: Wegen des Ukraine-Krieges hat Bundeskanzler Scholz kürzlich den beschleunigten Bau von zwei LNG-Terminals in Brunsbüttel und Wilhelmshaven angekündigt.
Leopoldina: kurzfristiger Lieferstopp im Ukraine-Krieg „handhabbar“
Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina geht dagegen davon aus, dass ein kurzfristiger Lieferstopp von russischem Gas* für die deutsche Volkswirtschaft „handhabbar“ wäre. Dazu veröffentlichten die Forscher am Dienstag in Berlin eine Ad-hoc-Stellungnahme zu einer raschen sowie auch einer langfristigen Ersetzbarkeit von Erdgas aus Russland.
Kurzfristig empfehlen die Wissenschaftler Flüssiggasimporte, Einsparungen beim Erdgas und das Füllen von Gasspeichern als Puffer für den Winter. „Um die Erdgasnachfrage zu reduzieren, könnte zudem auf eine stärkere Kohleverstromung gesetzt werden“, heißt es in der Stellungnahme. Mehrkosten müssten gegebenenfalls für Bürger und Unternehmen abgefedert werden, zum Beispiel durch Entlastungen bei Energiesteuern.
„Mittelfristig - innerhalb eines Jahres - benötigt Deutschland eine robuste Reserve an Energieträgern, einen Ausbau der Flüssiggaskapazitäten und eine Ertüchtigung des Gasnetzes“, heißt es weiter. Langfristig, also innerhalb von zwei bis zehn Jahren, wird der Ausbau der Infrastruktur für den Umschlag und Import von Wasserstoff empfohlen sowie der stärkere Ausbau der erneuerbaren Energien.
Erneuerbare Energien statt fossiler Energien
Zudem hält die Leopoldina eine stärkere staatliche Regulierung des Energiemarktes für notwendig. Die Optionen reichten dabei „von einer vollständig staatlichen Energieversorgung bis hin zu einer rein privatwirtschaftlichen Energieversorgung unter staatlicher Regulierung und Aufsicht“. Dabei sollen Politik und Gesellschaft den geplanten Kohleausstieg 2030 aber nicht infrage stellen. „Er hilft dabei, von russischen Kohleimporten, die 50 Prozent der Kohleeinfuhr nach Deutschland ausmachen, unabhängig zu werden“, betonten die Forscher.
Auch Habeck betonte in der Diskussion um die Abhängigkeit von Energieimporten aus Russland die Notwendigkeit des Ausbaus von erneuerbaren Energien: „Was den Ausstieg aus fossilen Energien insgesamt angeht, ist diese Krise sicherlich auch noch mal ein Mahnruf, ein Beschleuniger“, bekräftigte Habeck. „Davor haben wir diese Transformation, diese Notwendigkeit unter Klimaschutzgesichtspunkten diskutiert. Jetzt diskutieren wir sie auch endlich unter sicherheitspolitischen Gesichtspunkten.*“
Mit Material der dpa und AFP
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