Verfassungsschutz warnt mit neuem Hinweis

Russlands Schattenkrieg: Sabotage und „verdächtige Dinge“ bei deutschen Unternehmen

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Russische Sabotage? Ungeklärter Brand einer Metallfabrik der Firma Diehl in Berlin im Mai – das Unternehmen stellt auch das Luftverteidigungssystem Iris-T SLM her, das Deutschland an die Ukraine geliefert hat
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Russland steht im Fokus der Geheimdienste: Sabotage und Spionage bedrohen die deutsche Wirtschaft. Die Mittel des Kremls sind neu und alarmierend.

Berlin/Moskau – Die steigende Bedrohung aus Russland, insbesondere für die deutsche Wirtschaft, wird zunehmend von Unternehmen zur Kenntnis genommen. Wie der Präsident des Thüringer Verfassungsschutzes, Stephan Kramer, in der WirtschaftsWoche sagt: „Ein Krieg beginnt nicht erst, wenn Bomben fallen“. Deutsche Unternehmen dürften spätestens seit der vereitelten Attacke auf Armin Papperger, Vorstandsvorsitzender von Rheinmetall, alarmiert sein. Zudem gab es in den letzten Monaten in Europa eine Reihe von merkwürdigen Ereignissen, die Fragen aufwerfen. Ist das alles nur Zufall?

Brände die auf Sabotage aus Russland hindeuten – auch vor Olympia in Frankreich?

Beispielsweise der Großbrand bei der Firma Diehl in Berlin-Lichterfelde, das Feuer in einer Lagerhalle in London, in der später Brandbeschleuniger gefunden wurde, oder das größte Einkaufszentrum in Polen, das plötzlich in Flammen stand. Während dieser Artikel entsteht, wird über Sabotage in Frankreich berichtet, die den Zugverkehr kurz vor der Eröffnung der Olympischen Spiele lahmlegt. Noch gibt es keine Vermutungen über die Verantwortlichen, aber angesichts der jüngsten Hinweise und vergangenen Ereignisse kommt die Frage auf, ob eine Verbindung zu Russland besteht.

Auch die Sportministerin Amélie Oudéa-Castéra wollte Russland gegenüber dem britischen Sender Sky News noch nicht als Täter ausschließen. Ihre Antwort auf diese Frage: „Vielleicht“.

Die Geheimdienste richten ihren Fokus auf Russland, außer im jüngsten Fall. Sie warnen nun deutlicher als zuvor: Russland versucht, in Europa Chaos zu stiften. „Zunehmende geopolitische Rivalitäten wie auch der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine verschärfen die Gefährdungslage“, so das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) in einem Sicherheitshinweis an die Wirtschaft im Juni 2023. In Polen wurde ein Spionagering enttarnt, der offenbar beauftragt war, kritische Infrastruktur auszukundschaften und Sabotageaktionen vorzubereiten. „Der Fall des Spionagerings in Polen deutet darauf hin, dass künftig vermehrt auch mit Sabotageversuchen zu rechnen ist“.

Am Freitag, den 26. Juli, veröffentlicht das BfV einen weiteren Hinweis mit einer Warnung an die Wirtschaft: „Im europäischen Ausland wird derzeit in mehreren Fällen versuchter bzw. erfolgter Brandstiftung sowie in Bezug auf Vandalismus und Propagandaaktivitäten ermittelt, die auf russische Nachrichtendienste zurückzuführen sein könnten“.

Putins Russland setzt auf neue Wege für die Sabotage

Laut BfV setzt der Kreml offenbar auf neue Mittel für die Sabotage – russischstämmige Mitarbeiter werden angesprochen. Es wird nicht nur auf „hauptamtliche Akteure“ – also Spione – gesetzt, sondern auch Kleinkriminelle über Kanäle wie Telegram kontaktiert. Daher rät der Verfassungsschutz Unternehmen, ihre Mitarbeiter für „Ausforschungs- und Anbahnungsversuchen“ zu sensibilisieren.

Es gibt Hinweise des Verfassungsschutzes, dass russische Nachrichtendienste gezielt Social-Media-Profile von Mitarbeitern deutscher Unternehmen auswerten. „Ziel soll es gewesen sein, Personen zu identifizieren, die für russische Einflussnahme- oder Anbahnungsversuche empfänglich sein könnten“, heißt es in einem aktuellen Sicherheitshinweis des Bundesamtes für Verfassungsschutz.

Günther Schotten, Geschäftsführer der Interessenvereinigung Allianz, berichtet gegenüber der Zeit, dass mehrere Unternehmen bereits „verdächtige Dinge festgestellt haben, etwa unbekannt Pkw in der Einfahrt, aus denen Leute herausfotografieren“. Noch beunruhigender ist: „Wir bemerken auch die Kontaktaufnahme durch russische Organisationen zu russischstämmigen Mitarbeitenden in deutschen Unternehmen und Organisationen, mit dem Ziel, dass sie sich in den Dienst Russlands stellen“, so Schotten. „Du hast als Unternehmen nicht nur Freunde“, warnt er.

Russland hat für Sabotage nicht nur militärische Ziele im Visier

Er fordert daher, ebenso wie das BfV, dass verdächtige Aktivitäten und Situationen sofort dem Verfassungsschutz gemeldet werden. Auf der Webseite des BfV gibt es spezielle Kontaktwege für Wirtschaft und Wissenschaft.

Die Ziele Russlands sind laut Experten nicht nur militärische Bereiche oder Rüstungsfirmen. Jedes Unternehmen und jeder Bereich der öffentlichen Ordnung könnte ein Ziel sein. „Es geht darum, westliche Demokratien zu destabilisieren“, sagt Verfassungsschützer Kramer in der WiWo. Ein anonymer Sicherheitsmitarbeiter drückt es in der Zeit noch deutlicher aus: „In den Ländern Europas soll der Bevölkerung klargemacht werden, dass sie für die Unterstützung der Ukraine einen Preis bezahlen wird“. Es soll die öffentliche Meinung beeinflusst und so die Unterstützung des Westens für die Ukraine geschwächt werden.

Dass diese Strategie bereits erfolgreich ist, ist offensichtlich. Laut einer aktuellen Umfrage der EU sehen 41 Prozent der Deutschen die finanzielle Unterstützung der Ukraine skeptisch. In Italien befürwortet eine Mehrheit der Befragten (51 Prozent) eine neutralere Position der EU gegenüber dem Konflikt, 40 Prozent unterstützen die Ukraine. Nur eine knappe Mehrheit (55 Prozent) befürwortet Waffenlieferungen an die Ukraine.

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