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Zahlreiche deutsche Arbeitnehmer wünschen sich eine Reduzierung ihrer Arbeitsstunden und mehr Zeit für Freizeitaktivitäten. Wie problematisch ist das für die deutsche Wirtschaft?
Frankfurt – Die deutsche Wirtschaft bröckelt, der Fachkräftemangel macht es nicht besser. Im vergangenen Jahr waren in Deutschland 45,9 Millionen Menschen erwerbstätig – ein Rekordwert. Trotzdem herrscht ein akuter Fachkräftemangel in vielen Branchen. Im Jahr 2023 blieben laut Institut der deutschen Wirtschaft (IW) 570.000 Stellen unbesetzt. Deutschland könnte eigentlich mehr produzieren, doch dafür fehlen die Mitarbeiter.
Deutsche wollen weniger Arbeiten: 49 Prozent der Befragten für weniger Arbeitszeit
Ein weiteres Problem besteht darin, dass Unternehmen Schwierigkeiten haben, qualifiziertes Personal zu finden. Um dem entgegenzuwirken und die Produktivität der Beschäftigten zu erhöhen, fordern Ökonomen und Politiker der Union längere Arbeitszeiten, wie die 42-Stunden-Woche.
Eine Studie im Auftrag des Karrierenetzwerks Xing zeigt jedoch, dass 49 Prozent der befragten Arbeitnehmer den gegenteiligen Wunsch haben: Sie möchten weniger arbeiten und fordern lautstark eine Vier-Tage-Woche.
Außerdem beklagen 30 Prozent eine steigende Belastung und ein schlechtes Betriebsklima. Darüber hinaus wären 34 Prozent der Befragten sogar bereit, auf Gehalt zu verzichten, wenn sie dafür mehr Urlaubstage erhielten.
Finanzielle Anreize für Mehrarbeit?
Mehrere Befragte gaben an, dass sie bei entsprechenden finanziellen Anreizen bereit wären, zusätzliche Stunden zu arbeiten. Besonders attraktiv wären in diesem Zusammenhang Bonuszahlungen, Prämien, eine Gehaltserhöhung oder zusätzliche Urlaubstage.
„Diese Ergebnisse zeigen uns, dass Beschäftigte in Deutschland weniger denn je bereit sind, ihr Privatleben ihrem Job unterzuordnen, es sei denn, die Bedingungen stimmen“, sagt Xing-Geschäftsführer Thomas Kindler.
So viel arbeiten die Deutschen im Vergleich
Im Jahr 2023 betrug die durchschnittliche Wochenarbeitszeit in Deutschland 34,4 Stunden, was unter dem europäischen Durchschnitt von 36,9 Stunden liegt. Trotzdem möchten 49 Prozent der Arbeitnehmer, unabhängig von der Generation, ihre Arbeitszeiten reduzieren.
Besonders ausgeprägt ist dieser Wunsch bei der Generation Z, von der 53 Prozent eine kürzere Arbeitszeit bevorzugen. Bei den Millennials sind es 50 Prozent, und 48 Prozent der Generation X teilen diesen Wunsch. Bei den Babyboomern, die sich dem Ruhestand nähern, sind es hingegen nur 37 Prozent, die eine Reduzierung ihrer Arbeitszeit anstreben. Lediglich neun Prozent der Befragten würden gerne mehr arbeiten.
Wie realistisch ist die Vier-Tage-Woche?
Obwohl die Studie nahe legt, dass Deutsche immer weniger arbeiten wollen, haben wohl noch nie so viele Menschen in Deutschland gearbeitet wie heute, sagt Arbeitsmarktexperte Enzo Weber im Gespräch mit ntv.
„Während auch die Arbeitszeit in den 2000er Jahren gestiegen ist, beobachten wir seit einigen Jahren bei den gewünschten Arbeitszeiten einen Rückgang. Die Zahl bricht aber auch nicht ein. Wir beobachten, dass die gewünschte Arbeitszeit im Schnitt um gut zwei Stunden pro Woche gesunken ist“, erläutert er.
Verlust von Arbeitskapazität bei reduzierter Arbeitszeit
Zwar sollten flexible Arbeitszeiten berücksichtigt werden, eine starke Reduzierung ist jedoch offenbar kaum möglich. „Wenn in Deutschland alle Vollzeitbeschäftigten nur noch vier Tage die Woche arbeiten würden, gingen uns dadurch zwölf Prozent Arbeitskapazität verloren. Das wäre schon ziemlich happig.“
Um die Effektivität und Produktivität zu erhöhen, setzt der Arbeitsmarktforscher eher auf Veränderungen in der Arbeitswelt - wie Künstliche Intelligenz -, die gewährleisten, dass eine kürzere Arbeitszeit durch gesteigerte Produktivität ausgeglichen wird.
Darüber hinaus kann eine flexible, selbstbestimmte Arbeitszeit den Beschäftigten spürbare Entlastung bieten. Denn Selbstbestimmung führe zu einer höheren Zufriedenheit im Job, erklärt Weber. Mit Material der dpa.
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