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Am Samstag werden die letzten drei deutschen Atomkraftwerke abgeschaltet. Was das für die Wirtschaft bedeutet, erläutert die Energie-Expertin und Wirtschaftsweise Veronika Grimm im Interview.
Frau Prof. Grimm, am Samstag gehen die letzten drei verbliebenen Atomkraftwerke in Deutschland vom Netz. Viele Unternehmen und Verbraucher sehen das mit Sorge. Sie auch?
Ich finde die Entscheidung unglücklich. Mit der Gaskrise hatten sich die Rahmenbedingungen für unsere Energiepolitik drastisch verändert: Gas ist als Brückentechnologie nun deutlich unattraktiver und möglicherweise auch nicht in dem Umfang verfügbar, wie wir es brauchen. Die Politik hätte dem Rechnung tragen sollen. Die AKWs noch drei bis vier Jahre länger laufen zu lassen, hätte uns Luft verschafft. Dann wären die Strompreise niedriger, wir hätten weniger Kohleverstromung und daher geringere Zertifikatspreise im europäischen Emissionshandel und weniger Verstromung von Gas. Mir ist nach wie vor nicht klar, warum man diese Vorteile unter den Tisch gekehrt hat.
Dafür machen jetzt düstere Visionen die Runde. Einige Beobachter befürchten etwa, dass im kommenden Winter bei Großverbrauchern aus der Industrie der Strom abgedreht werden könnte, weil Wind- und Solaranlagen zu wenig liefern und wir zu wenig Strom aus Nachbarländern wie Frankreich kriegen. Wie realistisch ist ein solches Blackout-Szenario?
Wir sind in der Energiekrise noch nicht über den Berg, das ist richtig. Der kommende Winter kann nochmal herausfordernd werden. China hat die Lockdowns ja nun beendet. Wenn die Gasnachfrage aus Asien dynamisch zurückkommt und es bei uns kalt wird, dann könnte es nochmal unangenehm werden. Hohe Gaspreise oder auch Engpässe wären möglich. Auf jeden Fall muss weiter Gas gespart werden, um dies zu vermeiden. Und beim Strom kann es natürlich sein, dass wir bei geringer Produktion der Erneuerbaren auf die europäischen Nachbarn angewiesen sind - auf französischen Atomstrom und polnische Kohlekraftwerke.
Kritiker werfen der Ampel daher Doppel-Moral vor. Was heißt die Entwicklung aber für Unternehmen und Verbraucher: Wird Strom jetzt teurer?
Im Vergleich mit einem Szenario, in dem die AKWs weiterlaufen würden, wird der Strom natürlich teurer sein. Durch den europäischen Strommarkt wird das übrigens auch in den Nachbarstaaten der Fall sein, wir haben also einen negativen Effekt auf andere EU-Länder. Aber dieses kontrafaktische Szenario beobachtet ja niemand, insofern kann die Politik es leicht unter den Tisch kehren. Wenn man darauf hinweist, erntet man zuweilen empörte Reaktionen. Ich denke dann: Man kann sich ja politisch dagegen entscheiden, die AKWs weiterlaufen zu lassen, man sollte aber der Bevölkerung nichts vormachen. Es ist hochproblematisch, dass man nicht wenigstens die Vorteile ehrlich gegen die Nachteile abgewogen hat. Dabei geht es nicht zuletzt um unsere Reputation in Europa. Im Ausland hat man teils wenig Verständnis für die deutsche Entscheidung.
Beim Strompreis ist in Deutschland im internationalen Vergleich schon jetzt Schlusslicht. Viele Unternehmen wollen das nicht mehr hinnehmen. Laut DIHK verlagern immer mehr Firmen ihr Geschäft ins Ausland, auch wegen der hohen Energiepreise hierzulande. Wie gefährlich sind hohe Stromkosten für die deutsche Wirtschaft?
Es wird jetzt nicht gleich die ganze Wirtschaft abwandern, nur weil wir die AKWs abstellen. Sie haben zuletzt etwa sechs Prozent zur Stromerzeugung beigetragen. Aber man kann sich durchaus verzetteln, wenn man zu häufig suboptimal entscheidet.
Nämlich?
Problematisch ist, dass wir gerne aussteigen, ohne die Alternativen konsequent vorbereitet zu haben - bei den AKWs, aus der Kohle und nun ziemlich abrupt aus der fossilen Wärmeerzeugung. Wir sollten mehr in zukunftsorientierte Technologien einsteigen, und zwar ohne dies so stark auf die Elektrifizierung zu verengen, wie es im Moment geschieht. Das ist gefährlich, falls die entsprechenden Pläne nicht aufgehen.
Was muss passieren?
Wir sollten einen wirksamen Emissionshandel in allen Sektoren etablieren und die Einnahmen aus dem Emissionshandel pro Kopf als Klimageld an die Menschen zurückgeben. Damit wäre der finanzielle Anreiz gegeben, Emissionen zu vermeiden, aber die Menschen würden nicht überlastet. Insbesondere bei den niedrigen Einkommensgruppen würde das Klimageld die Ausgaben für CO2-Emissionen übersteigen - die Leute haben nicht so einen hohen CO2-Fußabdruck. Die hohen Kosten für Emissionen dürften eine Dynamik befeuern bei der Entwicklung von klimafreundlichen Alternativen. Parallel müsste man natürlich umfangreich die Voraussetzungen schaffen, dass Emissionen tatsächlich vermieden werden können, etwa durch entsprechende Angebote im Verkehr und im Wärmesektor, den Aufbau von Infrastrukturen sowie durch die schnelle Dekarbonisierung der Stromerzeugung.
Bis 2030 sollen auch die Kohlekraftwerke vom Netz. Die entsprechenden Versorgungslücken will die Bundesregierung über den Ausbau der Erneuerbaren und über neue Gaskraftwerke schließen. Ist die Ampel hier nicht ein bisschen arg ambitioniert?
Es muss in der Tat vieles auf einmal passieren. Der Strombedarf wird aufgrund der stärkeren Elektrifizierung von etwa 580 TWh heute auf etwa 750 TWh im Jahr 2030 ansteigen. Es muss gelingen, die Ausbaugeschwindigkeit bei den erneuerbaren Energien zu vervierfachen. Neben den erneuerbaren Energien brauchen wir etwa 20 bis 30 GW an Gaskraftwerkskapazität. Diese Gaskraftwerke müssen perspektivisch klimaneutral mit Wasserstoff betrieben werden und den müssen wir natürlich auch beschaffen. Nur einen kleinen Teil davon werden wir in Deutschland erzeugen. Das meiste müssen wir importieren. Wir brauchen dann auch die Infrastrukturen, um den Wasserstoff und den Strom zu transportieren und eine ganze Menge Flexibilität im Stromsystem, um die Fluktuation der Erneuerbaren abzufedern.
Aber es fehlt an Fertigungskapazitäten bei den Herstellern von Gasturbinen. Dazu müsste sich die Anzahl der neuen Windkraftanlagen innerhalb kürzester Zeit verdoppeln. Werden wir bis 2030 Kohlekraftwerke 2030 wirklich ohne Engpässe ersetzen können oder wird es spätestens dann eng mit einer stabilen Stromversorgung in Deutschland?
Man kann das alles schon schaffen, es scheitert nicht unbedingt an den technischen Möglichkeiten, sondern an den Rahmenbedingungen für die Umsetzung. Planung und Genehmigung geht zu langsam. Die Politik greift zu dirigistisch und detailliert ein. Dadurch verengt sich der Optionsraum und das kann in Sackgassen führen. Würde man den Emissionshandel nutzen, so wäre klar: Wer Technologien und Geschäftsmodelle entwickelt, die Emissionen vermeiden, kann Geld verdienen. Ich wäre ziemlich zuversichtlich, dass den deutschen Unternehmen dann schon schnell ziemlich gute Lösungen einfallen würden.
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