Russische Wirtschaft

Schuldenkrise in Russland

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Die russische Zentralbank in Moskau.
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Fachleute warnen vor sich häufenden Unternehmenspleiten und einer Bankenkrise im kommenden Jahr.

Sergejs Frau hat Hautkrebs. Und sie ist nach Moskau gefahren, in eine Spezialklinik, wo man ihr helfen kann. Die Operation dort kostet allerdings umgerechnet 1,4 Millionen Rubel (gut 15 000 Euro). Das Geld hat Sergej nicht, obwohl er als Manager eines Autoreifenvertriebs im nordrussischen Kirow umgerechnet knapp 900 Euro monatlich verdient.

Er hat gerade erst seinen chinesischen Geländewagen verkauft, auch, um zwei teure Verbraucherkredite für einen Schwitzbadofen und mehrere Wettkampfreisen seiner Volleyball spielenden Tochter zu bezahlen. Trotz Vollbeschäftigung und offiziell steigender Realeinkommen sinkt der Lebensstandard mancher Russen gefährlich. Einen neuen Kredit über 1,4 Millionen Rubel würde die Kirower Uralsib-Bank Sergej mit 23 bis 39 Prozent verzinsen, das sind Standardsätze angesichts des Leitzinses der Zentralbank von 20 Prozent.

Der Leitzins bereitet auch der russischen Wirtschaft zusehends Schwierigkeiten. Nach einem analytischen Bericht der Zentralbank vom Mai über die vorhergehenden zwei Quartale wuchs der Umfang der Umschuldungen bei den Unternehmen auf ein Volumen von umgerechnet 25,1 Milliarden Euro im März. Aber seit Oktober 2024 liege der Anteil von „Problemkrediten“ für juristische Personen stabil bei vier Prozent. Im Ganzen bleibe die Privatwirtschaft finanziell stabil und sei weiter fähig, ihre Schulden zu begleichen.

Aber die offiziellen Zahlen könnten den wahren Umfang des russischen Schuldenproblems tarnen. Das schrieb die Agentur Bloomberg am Donnerstag unter Berufung auf mehrere leitende Angestellte verschiedener russischer Geldinstitute. Nichtöffentlich schlage man dort schon Alarm wegen der Zahl der Firmen und Privatkunden, die angesichts der hohen Zinssätze ihre Schulden nicht mehr bedienen könnten. In der Branche sei von „bösen Schulden“ in Höhe von Dutzenden Milliarden Euro die Rede. Bloomberg zitiert ein internes Papier aus „einer der Hauptbanken“. Danach werden viel mehr Kredite nicht wie geplant zurückgezahlt, als man offiziell angebe.

„Die russische Wirtschaft ist innerhalb ihres gegenwärtigen Modells nicht überlebensfähig.“

Wjatscheslaw Schirajew, Wirtschaftsexperte

Auch die Zentralbank bestätigte in ihrem Mai-Bericht, 13 der 78 größten Unternehmen Russlands hätten inzwischen Probleme, ihre Schulden zu bezahlen, sieben mehr als Ende Juni 2024. Laut Bloomberg reden die Bankleute davon, dass das Risiko einer Bankenkrise in den nächsten zwölf Monaten wahrscheinlich ist. Nach einer nichtoffiziellen Schätzung sei der Umfang der von den russischen Banken vergebenen Unternehmenskredite in den ersten beiden Monaten 2025 um über 16,4 Milliarden Euro gefallen.

Fachleute reden von einer gespaltenen russischen Wirtschaft. Die vom Staat finanzierte Rüstungsindustrie arbeitet mit Volldampf, während andere Branchen unter sinkender Nachfrage und wachsenden Unkosten leiden. Selbst der Gasmonopolist Gasprom schreibt inzwischen rote Zahlen, ein Großteil der Kohlegruben ist dem Bankrott nahe.

Die boomenden Waffenfabriken sorgen zwar für Vollbeschäftigung. Aber auch für eine enorm hohe Inflation, die laut Staatsstatistik 2024 bei 9,52 Prozent lag, die unabhängige Buchhalter aber deutlich über zehn sehen. Um die Preisspirale zu stoppen, erhöhte die Zentralbank vergangenes Jahr den Leitzins von 16 auf 21 Prozent, senkte ihn Anfang Juni aber wieder auf 20 Prozent.

Aber das rettet nach Ansicht vieler Fachleute die Zahlungsfähigkeit der „Problemschuldner“ nicht. „Die russische Wirtschaft ist innerhalb ihres gegenwärtigen Modells nicht überlebensfähig“, sagt der oppositionelle Wirtschaftsexperte Wjatscheslaw Schirajew dem YouTube-Kanal Breakfast Show. Russland stehe vor der Wahl, den Ukraine-Konflikt abzubrechen und sich wieder dem Westen und seinen Investitionen zu öffnen. Oder eine Plan- und Mobilisierungswirtschaft einzurichten, auf Kosten des Lebensstandards seiner Bürger:innen sowie der Eigentumsrechte seiner Unternehmer. Und nach dem Vorbild Stalins oder Nordkoreas.

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