VonAndreas Schmidschließen
Linker Fuß Kupplung, rechte Hand schalten: Was über Jahrzehnte Standard in deutschen Autos war, stirbt allmählich aus. Erste Hersteller setzen nur noch auf Automatik. Das hat Folgen.
Volkswagen und die Mercedes-Gruppe wollen künftig ganz auf Schaltautos verzichten, BMW die Produktion schrittweise herunterfahren. In der Automobilbranche hat die Umstrukturierung hin zu mehr Automatikgetrieben längst begonnen. Stirbt eine Art zu fahren aus, die sich jahrzehntelang bewährt hat?
Kaum mehr Schaltautos: „Spiegelt Anforderungen unserer Kunden wider“
Die Zahlen sprechen für sich: Im Jahr 2000 waren laut dem Datendienst Jato Dynamics 80 Prozent aller PKW-Neuzulassungen in Europa Schaltautos, mittlerweile hat sich ihr Anteil mehr als halbiert. In der ersten Hälfte 2023 lag der Marktanteil von Schaltgetrieben bei allen Neuwagen nur noch bei 32 Prozent, je nach Automarke sind die Werte sogar niedriger.
Wie Volkswagen auf Anfrage von IPPEN.MEDIA mitteilt, sind es in diesem Jahr 20 Prozent Schaltgetriebe und 80 Prozent Automatik. 2015 hatte das Verhältnis noch bei 62 Prozent Schalt- zu 38 Prozent Automatikgetrieben gelegen. „Grundsätzlich spiegelt dieses Verhältnis die Anforderungen unserer Kunden wider“, erklärt ein Unternehmenssprecher. „So sind unsere Doppelkupplungsgetriebe deutlich effizienter und verursachen keinen Mehrverbrauch.“
Ein weiterer Grund ist der Trend zur Elektromobilität. „Elektrofahrzeuge sind grundsätzlich nicht mit einem Schaltgetriebe ausgestattet – ihre zunehmende Anzahl an unseren Verkäufen spielt also in dem Verhältnis der Getriebe eine entscheidende Rolle“, so VW. Noch stärker beobachtbar ist der Trend bei der Mercedes-Benz-Gruppe. Seit dem Jahr 2023 produziert Mercedes-Benz Cars ausschließlich Fahrzeuge mit Automatikgetriebe – und hatte diesen Schritt schon lange zuvor eingeleitet. Bereits seit vier Jahren gibt es etwa die neue C-Klasse ausschließlich im Automatikformat. Und schon im Jahr 2013 lag der Anteil an Automatikgetrieben bei fast 90 Prozent, erklärt ein Sprecher gegenüber unserer Redaktion.
Verbrenner-Aus und mehr E-Mobilität: „Dann wird es keine Schaltgetriebe mehr geben“
Das in der EU geplante Verbrenner-Aus, also das Ende der Neuzulassungen von Verbrennern ab 2035, beschleunigt diese Entwicklung, erklärt Philipp Kupferschmidt vom Beratungsunternehmen Accenture. Er leitet dort den Geschäftsbereich Mobilität. Es gibt zwar auch Verbrenner mit Automatikgetriebe. Aber: „Wenn nur noch Elektroautos produziert werden, wird es keine Schaltgetriebe mehr geben“, sagt Kupferschmidt.
Die Automatikgetriebe hätten sich in den vergangenen Jahren weiterentwickelt, sagt Kupferschmidt im Gespräch mit unserer Redaktion: „Ein Automatikgetriebe ist effizienter, auch was den Kraftstoffverbrauch angeht.“ Dass Automatik-Fahrzeuge effizienter als klassische Schaltgetriebe schalten, war nicht immer so, erinnert sich Kupferschmidt. „Früher hat man gesagt, beim Automatikgetriebe muss man nochmal einen Liter drauflegen, da ein Automatikgetriebe mehr Benzin schluckt und nicht so effizient schaltet wie ein geübter Fahrer. Das ist heute nicht mehr der Fall, es ist umgekehrt. Inzwischen ist ein Automatikgetriebe deutlich effizienter.“
Schaltautos für weniger Geld: „E-Autos sind einfach unbezahlbar“
Ein Nachteil besteht im Preis. „E-Autos sind einfach unbezahlbar für die Bevölkerung“, sagte jüngst ein Mitglied des EU-Rechnungshofs. Schaltautos sind in Zukunft damit wohl nur noch für eine Gruppe interessant: Menschen mit geringerem Einkommen. Denn womöglich sind Schaltautos auf dem Gebrauchtwagenmarkt billiger, wie die CDU/CSU beobachtet. „Autos mit Schaltgetriebe werden zunehmend auf dem Gebrauchtwarenmarkt zu finden sein und wegen der geringeren Anschaffungskosten kostengünstiger“, sagt Florian Müller, Unions-Berichterstatter für Verkehrssicherheit und Verkehrsrecht, zu IPPEN.MEDIA.
Müller sieht in diesem Fall noch eine weitere Zielgruppe: „Junge Fahranfänger mit kleinem Geldbeutel.“ Der CDU-Politiker hat zuletzt federführend einen Antrag zum billigerem Führerschein verantwortet. Die Lösung sieht er in Fahrsimulatoren. „Fahrschulen brauchen dann keinen Schaltwagen mehr vorhalten. So kann das Fahren auf einem Schaltwagen erfolgreich, aber günstiger erlernt werden.“ Insgesamt ist sich auch Müller sicher: „Das Automatikgetriebe wird sich zum Standard entwickeln. Dazu trägt allein schon die Elektromobilität bei.“ (as)
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