VonSteffen Herrmannschließen
Philosoph Christian Uhle über Umbrüche auf dem Arbeitsmarkt, die Gefahr wachsender Ungerechtigkeiten und neue Skillsets für die Welt der Künstlichen Intelligenz.
Berlin – Für den Philosophen Christian Uhle befinden wir uns an einem besonderen Zeitpunkt: Künstliche Intelligenz, so seine Prognose, wird den Alltag, Beziehungen, Politik und Gesellschaft verändern. Darin liegen Risiken und gewaltige Chancen – wenn die KI-Innovationen mit sozialen Innovationen verbunden werden. Im Interview spricht Uhle über Folgen für die Arbeitswelt, verschwindende Computer und neue Kompetenzen.
Herr Uhle, in Ihrem Buch stellen Sie sich die Frage: Wird Künstliche Intelligenz uns die Arbeit abnehmen – oder wird sie uns die Arbeit wegnehmen? Haben Sie eine Antwort gefunden?
Wir befinden uns an einem sehr frühen Zeitpunkt der Entwicklung. Und noch ist diese Entwicklung gut gestaltbar. Das heißt: Es liegt an uns, wie diese Frage beantwortet werden wird – an individuellen, unternehmerischen, gesellschaftlichen und politischen Entscheidungen. Ich bin überzeugt, dass wir die Weichen stellen können für eine positive KI-Zukunft.
Aber diese Weichen müssen gezielt gestellt werden. Eine Gefahr ist, dass Künstliche Intelligenz die bestehenden Ungerechtigkeiten auf den Arbeitsmärkten und in der ökonomischen Sphäre verschärft.
Wertverlust durch Künstliche Intelligenz – „So könnte sich die Schere verschärfen“
Zum Beispiel?
Nehmen wir das Beispiel der Illustratorinnen und Illustratoren. Es ist heute möglich, Illustrationen KI-generiert innerhalb von Sekunden zu erstellen. Das bedeutet nicht, dass alle Illustratorinnen und Illustratoren arbeitslos werden. Aber der Konkurrenzdruck wird sich in einem ohnehin prekären Bereich weiter verschärfen. Wer bislang noch ganz gut davon leben konnte, könnte stärker unter Druck geraten.
Denn nun sind auch Illustratorinnen und Illustratoren mit eher schwach ausgeprägten Fähigkeiten in der Lage, gute Ergebnisse zu erzielen. Gute Illustrationen werden so zur Massenware, können in viel kürzerer Zeit erzeugt werden und verlieren dadurch an ökonomischen Wert. Das setzt vor allem das Mittelfeld unter Druck. So könnte sich die Schere zwischen einem kleinen Top-Segment und einem großen prekären Bereich verschärfen und verfestigen. Das Beispiel lässt sich auch auf andere Bereiche übertragen.
Wie steuert man diese Veränderungen, damit möglichst viele Menschen von ihnen profitieren?
Damit KI zu einem Gewinn aller wird, müssen wir verstehen, womit wir es zu tun haben: Um uns herum brechen Strukturen auf. Diesen Strukturwandel müssen wir gestalten. Effizienzgewinne sollten wir nutzen, um Beschäftigte zu entlasten – damit der Druck nicht noch weiter steigt. Das ist ein Element.
Und weiter?
Die Mehrheit aller arbeitenden Menschen in Deutschland arbeitet am Computer. Und genau hier kann die KI besonders gut zum Einsatz kommen. Da stellt sich die Frage, ob wir künftig noch so viele Millionen Menschen brauchen, die Computer bedienen – oder ob sie andere Dinge tun können. Zum Beispiel in der Pflege oder in anderen Branchen mit Fachkräftemangel. Es gibt natürlich immer einzelne Menschen, die sich schwer umschulen lassen, aber es geht hier um eine strukturelle Gestaltung der kommenden Jahre und Jahrzehnte hin in eine neue Arbeitswelt. Dazu braucht es aber auch eine größere Wertschätzung der Care-Arbeit zum Beispiel, auch finanziell. Die Arbeit wird uns jedenfalls nicht ausgehen. Es ist nicht so, dass es in der Zukunft plötzlich zu wenig zu tun gibt.
„Handwerkszeug wird an Wert verlieren“ – Deutsche Jobs im Wandel durch KI
Die Bevölkerung in Deutschland altert, in den nächsten Jahren werden viele Menschen in Rente gehen – es wird weniger Arbeitskräfte geben.
Das ist richtig. Aber ich glaube, dass es eine zu starke Fokussierung auf diese quantitativen Fragen gibt: Wo fallen welche Jobs weg? Wo entstehen neue Jobs? Das ist nicht unwichtig…
Das sogenannte Handwerkszeug wird an Wert verlieren: mit Excel arbeiten, rechnen, illustrieren, E-Mails schreiben.
… aber?
Es verdeckt die qualitativen Aspekte: Fast jeder Job in Deutschland wird sich durch KI verändern. Viele Menschen werden ihre Jobs zwar nicht verlieren, aber die notwendigen Fähigkeiten werden sich grundlegend ändern. Und damit Strukturen von Gewinnern und Verlierern, Machtverhältnisse, Karrierewege und auch berufliche Identitäten und Sinnerfahrungen in der Arbeitswelt. Es verändert so viel auf so vielen Ebenen.
Künstliche Intelligenz beschleunigt Wandel bei der Arbeit – „Für viele Menschen wird es schwieriger“
Mit welchen Kenntnissen und Fähigkeiten überleben wir in einer Arbeitswelt, die ganz im Zeichen von KI steht?
Eine Grundregel lautet: Je standardisierter ein Prozess ist, desto eher kann ich ihn automatisieren. Das sogenannte Handwerkszeug wird deshalb an Wert verlieren: mit Excel arbeiten, rechnen, illustrieren, E-Mails schreiben. Stattdessen wird das Skillset in vielen Bereichen breiter und auch Sozialkompetenzen werden wichtiger. In einer technischen Welt gewinnen ausgerechnet die menschlichen Fähigkeiten an Bedeutung.
Der Wandel etwa hin zu mehr Autonomie im Arbeitsalltag läuft ja schon länger. Die KI beschleunigt das und wirkt als Katalysator auf diesen Wandel von Werten und Organisationsstrukturen. Dadurch wird strategisches Denken, konzeptionelles Denken wichtiger. Das bedeutet: Kompetenzen spielen eine größere Rolle, die klassischerweise eher Führungskräften zugeschrieben werden. Arbeitsaufträge formulieren, Aufgaben delegieren und Ergebnisse bewerten: ChatGPT, schreib einen Newsletter für mich über das Thema X und mit den Stichpunkten A, B und C.
In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten hat die Digitalisierung in vielen Berufen allerdings zu einer Verdichtung der Arbeit geführt: mehr E-Mails, Konferenzen, Zeitdruck.
Für viele Menschen wird es auch schwieriger werden, ja. Es gibt Menschen, die sich wohlfühlen in einer Struktur mit klaren Aufgaben und für die es kein Geschenk ist, wenn sie plötzlich mehr Eigenverantwortung tragen. Umso wichtiger ist es, solche Kompetenzen in Aus- und Weiterbildung zu schulen. Damit die Menschen befähigt werden, in den neuen Abläufen und Prozessen zu bestehen. Es ist letztlich in unser aller Interesse, dass Verlierergruppen vermieden werden und sich die Ungerechtigkeiten nicht noch weiter verschärfen. Wir spüren jetzt schon die Folgen einer zunehmend polarisierten Gesellschaft.
KI als Hype oder Dauerthema – „Sie verhalten sich so, als ob sie Lebewesen wären“
Zum Abschluss: KI ist also kein Hype, der wieder vorübergeht?
Nein, KI ist etwas grundsätzlich Neues. Bislang bestand der technische Fortschritt darin, dass neue Tools entwickelt werden: Hammer, Auto, Outlook. Das sind Werkzeuge, mit denen wir arbeiten. Bei KI ist es dagegen so, als ob eine neue Spezies geschaffen worden wäre. Es sind natürlich keine Lebewesen, aber sie verhalten sich so, als ob sie Lebewesen wären. Mit Tastatur und Outlook kann ich eine E-Mail schreiben. Bei der KI ist fundamental neu, dass ich die E-Mail für mich schreiben lasse.
Das ist eine komplett neue Mensch-Technik-Interaktion. In Organisationen arbeiten nicht mehr nur Menschen mit Menschen zusammen, sondern künftig Menschen mit selbstständigen KI-Akteuren. Das ist eine Transformation der Tiefenstruktur, die bewusst und klug gestaltet werden muss. Zum Beispiel sollten wir schauen, dass KI die Assistenz der Mitarbeitenden ist und dadurch ihre Autonomie und Selbstwirksamkeit stärkt – und nicht umgekehrt in einem schleichenden Prozess die Menschen in Arbeitsabläufen zu Assistenten der KI werden.
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