Düstere Prognose im Interview

Ex-Kaufhof-Chef warnt: „In drei Jahren ist das Unternehmen platt“

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Hat das Warenhaus eine Zukunft? Im Fall von GaleriaKarstadt-Kaufhof ist Lovro Mandac skeptisch. Die Gründe erklärt er im Interview.

Drei Insolvenzen in dreieinhalb Jahren, weitere 16 von derzeit 96 Filialen sollen schließen: GaleriaKarstadt-Kaufhof kommt aus den Negativ-Schlagzeilen nicht heraus. Im Interview spricht der ehemalige Kaufhof-Chef Lovro Mandac über seine Erfahrungen mit dem neuen, alten Galeria-Investor, den Investitionsbedarf für alle Häuser – und die Zukunft des Handelsformats Warenhaus.

Herr Mandac, in der Vorbereitung auf unser Gespräch habe ich einen Text über Sie aus dem Jahr 2001 gefunden. Damals verantworteten Sie als Chef von Kaufhof 134 Filialen, 4 Milliarden Euro Jahres-Netto-Umsatz, täglich 2 Millionen Kunden – und 30.000 Vollzeitmitarbeiter. Wie klingen diese Zahlen heute für Sie?
Ehrlich gesagt: wunderschön. Wir hatten ja Anfang der 2000er-Jahre Karstadt überholt und waren das stärkste deutsche Warenhaus.
Heute reden wir von 92 Häusern für Kaufhof und Karstadt zusammen. Der Gesamtumsatz beträgt knapp 3 Milliarden Euro. Was ist alles schiefgelaufen?
Ich habe mich Ende September 2015, ein paar Monate nach dem Einstieg von Hudson‘s Bay Company (HBC) als Investor, als Vorstandschef zurückgezogen. 2017 bin ich dann offiziell aus dem Unternehmen ausgeschieden. HBC hatte damals verpasst, sich den veränderten Gegebenheiten anzupassen. Vor allem wurde versäumt, gemeinsam mit den Städten Passantenfrequenzen in den Innenstädten zu generieren. Man hatte es einfach laufen lassen, aber nicht bemerkt, dass gerade die Unterzentren sich negativ entwickelten.
Wieder Wirbel um Karstadt GaleriaKaufhof: Lovro Mandac sieht schwere Zeiten auf das Warenhaus zukommen

GaleriaKarstadt-Kaufhof in Nöten: „Die Strategie ging nicht auf“

Gut, aber zwischen 2002 und 2015 ging es ja auch schon bergab mit dem Handelsformat Warenhaus.
Deswegen hatten wir ja Filialen, in die immer weniger Kunden kamen. Das Haus am Bahnhof in Witten war so ein Beispiel. Warum sollten die Leute dort noch einkaufen, wenn sie schnell in Köln, Düsseldorf oder Wuppertal waren?
Sie hatten einmal gesagt, es war schade, dass 2014 der falsche Investor eingestiegen sei. Das war dann in dem Fall die HBC um Chef Richard Baker, der Sie, nun ja, rausgeekelt hat, richtig? Was werfen Sie Baker vor?
Wir waren nicht auf einer Wellenlänge.

Dass das vor allem in diesen Zeiten den wirtschaftlichen Tod bedeutet, muss ich nicht betonen.

Lavro Mandac über zurückliegende Mieterhöhungen in den Immobilien von Karstadt GaleriaKaufhof
Das allein reicht ja nicht.
Die Kanadier hatten damals gedacht, es sei besser, wenn man ein deutlich hochwertigeres amerikanisches oder kanadisches Sortiment bietet. Diese Strategie ging nicht auf.
Ein frischeres Sortiment war doch aber geboten?
Frischer schon, aber nicht derart hochpreisig, wie die Kanadier wollten. Und wenn Sie das Sortiment aufwerten, muss auch der Ladenbau angepasst werden. Dafür sind allerdings Investitionen notwendig – doch die gab es damals nicht, weder in die Läden, noch ins Personal, noch ins Marketing. Geld floss allenfalls, wenn eine defekte Rolltreppe erneuert werden musste. Und wir als Management konnten nicht mehr frei agieren. Letztlich ging es Baker nur um die Immobilien. Die Mieten wurden gleich nach der Übernahme angehoben, allein, um den Kaufpreis vom vorigen Eigentümer Metro zu refinanzieren. Und als René Benko 2019 auch Kaufhof übernommen hatte, hatte Baker gut daran verdient – und die Mieten wurden nochmals drastisch erhöht. Allein in einem Haus, dessen Namen ich nicht nennen möchte, stieg die Jahresmiete von 6 Millionen Euro in meiner Zeit auf 18 Millionen Euro. Dass das vor allem in diesen Zeiten den wirtschaftlichen Tod bedeutet, muss ich nicht betonen.

GaleriaKarstadt-Kaufhof: Benko war „nur an den Gebäuden interessiert“

Was ist denn eine realistische Miethöhe für ein Haus?
Zwischen 6 und 8 Prozent vom Umsatz.
Haben Sie jemals bei Benko ein stimmiges Warenhauskonzept erkennen können?
Nein. Er war nur an den Gebäuden interessiert. Dort wollte er erst die Mieten hochdrücken, um anschließend die Immobilien gewinnbringend weiterzuverkaufen.
Es gab Kaufhofmitarbeiter, die sagten, dass die HBC-Leute 2015 in das deutsche Unternehmen eingefallen waren wie Kolonialherren. War das so?
Ja. HBC hatte das Zusammengehörigkeitsgefühl bei Kaufhof zerstört. Solange ich Vorstandschef war, hatten wir wie eine Familie agiert. Alle konnten ihre Meinungen äußern, zum Standort, zum Sortiment, zur persönlichen Zusammenarbeit. Aber dann galt nur noch die kanadische Meinung, alles Deutsche war verpönt.
Zehn Jahre später ist dieser Baker wieder zurück – zusammen mit Bernd Beetz. Haben Sie ein gutes Gefühl oder schlechtes Gefühl?
Eher schlecht. Galeria befindet sich in seiner dritten Insolvenz. Ich weiß nicht, welche der Lieferanten jetzt noch mitspielen werden, denn die meisten müssen auf viel Geld verzichten. Warum sollten sie Galeria treu bleiben, ohne Garantien auf bezahlte Rechnungen? Niemand weiß ja auch, welche Zukunft Galeria hat, wie viel Geld in die Häuser investiert wird. Die Lieferanten haben doch längst andere Absatzkanäle, das Warenhaus besitzt nicht mehr die Kraft, Sortimente und Trends zu bestimmen.

Wie viele Filialen kann GaleriaKarstadt-Kaufhof retten? „70 wären zu viel“

Der aktuelle Galeria-Chef Olivier van den Bossche sagt, dass Galeria eine Mindestgröße brauche, um mit den Lieferanten auf Augenhöhe verhandeln zu können. Baker und Beetz hatten ursprünglich angekündigt, von den verbliebenen 92 Häusern 70 erhalten zu wollen, jetzt sind es 76. Glauben Sie an diese Zahl?
70 wären zu viel.
Zu viel? Aber van den Bossche hatte doch behauptet, allein 60 Filialen seien jetzt schon profitabel?
Ach Gott, ich kann Ihnen auch jedes Haus profitabel rechnen. Es kommt immer darauf an, wie sie vorgehen.
Das klingt nicht gut.
In jede verbleibende Filiale müssen Sie mindestens 20 Millionen Euro investieren. Bei 70 Häusern wären das 1,4 Milliarden Euro. Das zahlen weder Baker, noch Beetz. Gehen Sie mal in die mittlerweile geschlossenen Häuser, etwa in Offenbach oder Hanau und schauen unter die Decken. Dort finden Sie eine uralte Kabellage. Wir wollten damals in der Filiale Hohe Straße in Köln nur die Technik modernisieren: Das hätte uns schon 30 Millionen Euro gekostet.
Also?
In drei Jahren ist das Unternehmen platt. Ich sehe noch Bedarf für maximal 30 einzelne Häuser, in den restlichen Städten werden die Gebäude nur noch als Ruinen stehenbleiben. Oder die Oberbürgermeister wie eben von Offenbach und Hanau kaufen die Immobilien und entwickeln sie.
Demnach hat für Sie das Format Warenhaus keine Zukunft mehr?
Nicht, wenn wir vom klassischen Galeriakonzept sprechen. Der Markt braucht etwas Neues.
Was denn?
Gute Frage. Die Häuser müssen mittlerweile auf jeden Fall höherwertiger positioniert werden. Denn Sie wollen ja die jungen Leute von heute als Kunden von morgen zurückgewinnen, und das geht nur mit besserer Qualität.
Aber das reicht doch nicht für das Warenhaus der Zukunft?
Nein. Mit Wäsche und Strümpfen verdienen Sie unglaublich viel Geld. Allein die große Szene der Schwulen hier in Köln gibt schnell mal 150 Euro für eine Unterhose aus. Das ist längst kein versteckter Nischenmarkt mehr. Und dann kann das Warenhaus mit seiner Präsenz Modemarken groß machen. Ohne Kaufhof wäre vor 25 Jahren beispielsweise Gerry Weber und s.oliver nie zu dem geworden, was sie sind – oder eben waren.
Und was braucht das Warenhaus noch?
Parfümerie muss stark sein, ebenso Geschirr und Besteck, Glas und Porzellan, Bettwäsche und Handtücher sowie Heimdeko. Nicht mehr dazugehören dürfen etwa Elektronik und Teppiche, Lampen und Küchen. Und dann muss das Personal dem Sortiment angepasst werden. Eine 60-jährige Verkäuferin ist vielleicht nicht optimal bei Young Fashion, eine 18-Jährige erwartet der Kunde nicht im Bettwarenverkauf.

Ex-Kaufhof-Chef Mandac: „Wenn Sie einmal in diesem Wirtschaftsmoloch waren, ...“

Würden Sie eigentlich nochmal beratend zur Seite stehen? Schließlich sind Sie ja immer noch eine Integrationsfigur in der deutschen Warenhauslandschaft?
Nein. Das soll van den Bossche alleine machen. Warum er jetzt um zweiten Mal den Job des Vorstandschef gibt, kann ich mir nicht erklären. Wenn er jetzt übrigens über die hohen Mieten klagt, kann ich nur sagen: Als er am 1. Oktober 2015 mich beerbte und zum ersten Mal Chef von Kaufhof wurde, hatte er übrigens alle noch heute gültigen Mietverträge unterschrieben.
Aber Sie sind doch heute wieder ein gefragter Mann?
Ja, in der Tat wollen jetzt viele meine Meinung hören. Aber ich bin 73 Jahre alt und genieße mein Leben. Wenn Sie einmal in diesem Wirtschaftsmoloch waren, sind Sie froh, wenn sie eines Tages frei sind. Ich hatte insgesamt 35 verschiedene Posten und Ämter. Links und rechts von mir sterben alle. Ich war in einer Tennis-Mannschaft mit acht Leuten. Nun sind fünf tot, zwei andere können nicht mehr spielen – und allein macht es keinen Spaß.

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