Volkswagen

Krise bei VW: „Wasser auf die Mühlen der AfD“

+
Ein Mitarbeiter des VW-Werks Kassel in Baunatal arbeitet an einem Elektroantrieb.
  • schließen

Carsten Büchling, Betriebsratschef des VW-Werkes in Baunatal, spricht im Interview über den drohenden Jobabbau, das Versagen des Managements bei der Entwicklung von E-Autos und mehr Mitbestimmung.

Alarmstimmung im VW-Werk Baunatal, dem größten Industriebetrieb Hessens. Die Konzernführung hält betriebsbedingte Kündigungen und die Aufgabe von Werken im Unternehmen für nötig. Am Mittwoch kamen die Beschäftigten zu einer Betriebsversammlung zusammen. Davor konnte die FR mit dem Betriebsratschef Carsten Büchling sprechen.

Herr Büchling, der Vorstand von VW hat überraschend eine jahrzehntealte Vereinbarung zwischen Konzern und Betriebsräten aufgekündigt, die bisher betriebsbedingte Kündigungen und die Schließung einzelner Werke ausschloss. Wie ist das bei Ihnen als dem Vorsitzenden des Betriebsrates des großen VW-Werks in Kassel-Baunatal angekommen?

Ich bin genauso schockiert wie die gesamte Belegschaft. Wir konnten bisher nicht davon ausgehen, dass aufgrund einer finanziellen Krise an den Grundfesten der Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaft und Betriebsräten einerseits und der Konzernführung andererseits gerüttelt wird. Genau das geschieht jetzt. Seit 30 Jahren konnten sich die VW-Beschäftigten darauf verlassen, dass es keine betriebsbedingten Kündigungen und keine Werksschließungen gibt. Plötzlich soll jetzt beides möglich sein. Das ist ein tiefer Einschnitt.

Wie werden Sie reagieren als Betriebsrat und als Gewerkschaft IG Metall?

Für uns ist das Vorgehen des Konzerns und des Managements vollkommen inakzeptabel. Wir leisten Widerstand. Aber nicht nur das. Wir fordern, dass der bestehende Tarifvertrag zur Zukunftssicherung von VW nicht aufgekündigt, sondern weiterentwickelt wird. Dieser Tarifvertrag existiert seit Generationen. Jetzt wird seitens des Konzerns mit plumpen Ankündigungen das Tischtuch zwischen uns zerschnitten. Das werden wir nicht hinnehmen. Unser Ziel ist ganz klar: Keine Schließungen von Werken, keine betriebsbedingten Kündigungen.

Sie sagten, dass die bestehenden Vereinbarungen weiterentwickelt werden müssen. Wie soll das im Einzelnen aussehen?

Wir fordern vom Management einen Masterplan. Der soll für jede einzelne Marke von VW exakte Ziele definieren. Und zwar jeweils für die Jahre 2025, 2030 und 2035. Wir stehen noch immer am Anfang einer ökologischen Transformation der Automobilindustrie. Am Beginn eines Umbaus weg vom Verbrenner hin zum Elektroauto. Das ist eine grundlegende Veränderung mit einer großen Dynamik. Wir glauben, dass diese Transformation bis zum Jahre 2035 dauern wird. Deshalb dieses Zieldatum für den Masterplan, den wir fordern. Wir verlangen, dass die plumpe Ankündigung von betriebsbedingten Kündigungen und von Werksschließungen zurückgenommen wird.

Wie groß ist das VW-Werk in Kassel-Baunatal? Wie viele Menschen arbeiten dort?

Bei uns im VW-Werk gibt es 16 000 Beschäftigte. Wir sind der größte Industriestandort in Hessen. Hinzu kommen aber noch die Arbeitsplätze in den Zulieferbetrieben. Nach einer Studie der Universität Kassel sind etwa 70 000 Arbeitsplätze in der Region vom VW-Werk abhängig. Die Politik weiß um die Bedeutung unseres Werkes. Deshalb freuen wir uns auch sehr, dass sich der Hessische Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori zu unserer Betriebsversammlung angekündigt hat.

Tatsächlich ist aber nicht zu leugnen, dass VW wie auch andere deutsche Autokonzerne bei der Umstellung auf E-Mobilität mit großen Problemen zu kämpfen hat. Elektrofahrzeuge werden nur in geringer Zahl gekauft. Gleichzeitig gibt es wesentlich günstigere Autos aus der Volksrepublik China.

Ja, es gibt Probleme beim Absatz der E-Autos. Zugleich wächst die Konkurrenz ausländischer Marken. Insbesondere die Importe aus China nehmen zu. Das ist einer unserer Kritikpunkte am Vorstand von VW: Die Markenpolitik der letzten Jahre war einfach schlecht. Das heißt im Einzelnen: Die Elektrofahrzeuge wurden zu spät entwickelt. Die Technik ist nicht ausgereift. Und die Autos sind zu teuer, die Preise sind einfach zu hoch.

Der frühere VW-Chef Diess hatte in einer Aufsichtsratssitzung schon einmal davon gesprochen, dass 70 000 Arbeitsplätze im Konzern abgebaut werden müssten. Dann hatte es einen Aufschrei gegeben, die Zahl wurde zurückgenommen. Und die öffentliche Diskussion versandete bis zur jetzigen Ankündigung der Konzernspitze.

Diess hatte sich seinerzeit auf den Konzern weltweit bezogen. Seit 2023 hat das VW-Management Sparpläne für jede einzelne Automarke, für jeden Bereich aufgelegt. Wir waren bereit, die notwendigen Veränderungen gemeinsam zu besprechen. Aber wir wurden stattdessen mit plumpen Ideen konfrontiert, zum Beispiel Bereiche der Logistik outzusourcen. Wir haben uns gegen dieses Outsourcing ausgesprochen, weil sich die Arbeitsbedingungen der Kolleginnen und Kollegen verschlechtern würden. Sie würden dann nicht mehr nach Tarif bezahlt. Heute gilt für unsere Kolleginnen und Kollegen in der Logistik ein Haustarifvertrag. Und sie leisten hervorragende Arbeit.

ZUR PERSON

Carsten Büchling ist seit Dezember 2022 Betriebsratsvorsitzender im VW-Werk Kassel in Baunatal - mit rund 16 000 Beschäftigten der größter Industriestandort in Hessen. Der 53-Jährige begann 1991 bei Volkswagen mit einer kaufmännischen Ausbildung. Seitdem ist er aktiv in der IG Metall, seit 1999 Mitglied des Betriebsrates. Bevor er an die Spitze rückte, leitete er den Ausschuss für Tariffragen. FR

Wie ist die Stimmung bei den Menschen im Werk nach den Ankündigungen des Managements?

Ich nehme eine Mischung wahr. Da gibt es einerseits eine große Enttäuschung. Aber es gibt auch eine Wut auf das Management. Und ein großer Teil der Menschen ist niedergeschlagen. Sie haben Angst vor einer Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen.

Der Soziologe Klaus Dörre, der sich eingehend mit ihrem Werk beschäftigt hat, kam zu dem Urteil, dass etwa ein Drittel der Mitarbeitenden bei Wahlen die Stimme für die AfD abgibt.

Ja, das spiegelt sich in den Wahlergebnissen der AfD in Baunatal wider. Die Angst vor dem Statusverlust lässt die Menschen die AfD wählen. In einzelnen Bezirken von Baunatal erreicht die AfD Anteile von bis zu 30 Prozent.

Glauben Sie, dass die AfD jetzt von den Ankündigungen des VW-Managements profitieren wird?

Ja, klar. Dass jetzt betriebsbedingte Kündigungen und Werksschließungen im Raum stehen, ist Wasser auf die Mühlen der AfD. Die Rechtspopulisten werden jetzt verkünden: Da seht ihr, wohin die Elektromobilität führt! Es wird den Menschen vorgegaukelt, dass der ökologische Umbau der Industrie nicht notwendig ist.

Sind Sie denn nach wie vor von der Richtigkeit der ökologischen Transformation überzeugt?

Ganz glockenklar: Es gibt keine Alternative zum Verbrenner-Aus! Es war schon eine Katastrophe, dass im Rahmen der EU diese Transformation zum Teil wieder infrage gestellt worden ist. Die Technik der E-Fuels, die da immer wieder als Alternative in Aussicht gestellt wird, ist nicht massentauglich. Sie ist eine Lösung für Porschefahrer. Sie ist einfach zu teuer und reine Klientelpolitik.

Wie macht sich die AfD im Betrieb bemerkbar?

Die AfD hat bei der jüngsten Betriebsratswahl Flugblätter verteilt, auf denen zu lesen war: Was ist schlecht am Diesel? Bei der Betriebsratswahl ist die AfD aber nicht selbst angetreten.

Müssen die Gewerkschaften sich nicht vorwerfen lassen, dass sie die Schwierigkeiten bei der ökologischen Transformation unterschätzt haben? Und gehört zur Wahrheit nicht auch, dass dieser Umbau Jobs kosten wird?

Das muss nicht so sein. Es kommt ganz darauf an, wie ein Verlust von Arbeitsplätzen kompensiert werden kann. Eine Möglichkeit ist die Verkürzung von Arbeitszeiten. Aber die Diskussion über die Umstände der ökologischen Transformation wird viel zu wenig geführt. Wir haben beim jüngsten Gewerkschaftstag der IG Metall beschlossen, dass die Mitbestimmung in strategischen Fragen in den Unternehmen ausgebaut werden muss. Wenn wir mehr Einfluss hätten auf strategische Entscheidungen über die Produktion, dann könnten solche krisenhaften Zuspitzungen wie jetzt bei VW vermieden werden. Wir könnten dann zum Beispiel Synergieeffekte bei der Produktion verschiedener Marken nutzen.

Das berührt am Ende aber die Frage des Eigentums bei den Produktionsmitteln.

Unser Ziel muss sein, dass die Beschäftigten über die Produktion entscheiden. Die Beschäftigten müssen zu Miteigentümern der Betriebe werden.

Carsten Büchling, Betriebsratsvorsitzender im VW Kassel in Baunatal.

Kommentare