Viele Frauen befassen sich zu spät mit den eigenen Finanzen.
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VonTatjana Coerschulteschließen
Die Autorinnen Ulrike Scheffer und Irene Genzmer sprechen im Interview über Unsicherheiten und Hürden, die bei einer Erbschaft entstehen können.
Hunderte Milliarden Euro pro Jahr werden in Deutschland vererbt – so viel wie nie zuvor. Mit diesem Geldsegen gehen Frauen anders um als Männer. Sie sind oft verunsichert und fühlen sich überfordert. So auch Ulrike Scheffer. Gemeinsam mit der Finanzcoachin Irene Genzmer berichtet sie über ihre Erfahrungen.
Frau Scheffer, Sie haben ein Vermögen geerbt. Über die Herausforderung, die sich daraus entwickelte, haben Sie ein Buch geschrieben. Außenstehende könnten fragen: Wo ist das Problem?
Ulrike Scheffer: Das ist natürlich ein Luxusproblem – man sollte sich nicht beschweren, wenn man erbt. Aber: Eine Erbschaft ist nicht einfach nur ein glücklicher Geldsegen, sondern mit traurigen familiären Ereignissen und emotional schwierigen Aufgaben wie der Auflösung eines Hausstandes verbunden. Es stehen Entscheidungen an: Was fange ich mit dem Geld an oder mit dem Haus? Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass ich mich überfordert gefühlt habe, Finanzentscheidungen zu treffen.
Warum?
Scheffer: Weil ich gemerkt habe, dass ich gar kein Finanzwissen habe. Und das geht vor allem Frauen in dieser Situation so. Man vertraut dann Beratern, weil man denkt, ich habe ja eine Bank und auch schon ein Depot für mein selbstverdientes Geld. Man merkt dann erst nach einiger Zeit, dass man vielleicht Entscheidungen getroffen hat, die vor allem der Bank nutzen oder dem Berater, der Provisionen kassiert.
Was konkret ist bei Ihnen schiefgelaufen?
Scheffer: Bei mir war es eine Lebensversicherung, die ich später von der Verbraucherzentrale habe prüfen lassen. Es zeigte sich, dass ich die Lebensversicherung eigentlich sofort hätte verkaufen müssen, weil daran vor allen Dingen die Versicherungsgesellschaft und der Bankberater verdienten. Ich selbst hätte über 100 Jahre alt werden müssen, um von der Versicherung zu profitieren. Man begreift schnell: Alle wollen einen Teil vom Kuchen, aber man selbst hat nicht das Wissen und fühlt sich vollkommen überfordert. Bei mir ging das so weit, dass ich nachts nicht mehr schlafen konnte.
Frau Genzmer, sonst sind Frauen im Vergleich zu Männern eher finanziell benachteiligt. Hier sorgt sich nun eine Frau plötzlich ums Geld, als sie eigentlich keine Geldsorgen mehr hat. Wie erklären Sie sich das?
Irene Genzmer: Frauen erben anders als Männer. Zum einen gibt es nicht nur eine Einkommenslücke, sondern auch eine Erblücke. Wenn es etwa um Unternehmen geht, erben eher die Söhne. Zum anderen sieht die soziale Norm den Mann als Versorger vor, also als denjenigen, der Geld verdient und sich mit Geld auseinandersetzt. In Familien wird zum Beispiel mit Jungs mehr über Geld gesprochen als mit Mädchen. Die Rolle der Frau ist eher, sich um Kinder und Eltern zu kümmern, also der Caring Part. Und der hat mit Geld nichts zu tun. Deswegen haben Frauen auch eher die Einstellung, dass Geld nicht so wichtig sei. Für dieses Thema sind dann die Männer zuständig. In dem Moment, in dem Frauen erben, stellen viele fest: Ich bin jetzt für Geld verantwortlich, und ich habe keine Ahnung davon.
Frau Scheffer, Sie wussten ja, dass Ihr Vater als Unternehmer aller Voraussicht nach ein relativ großes Erbe hinterlassen würde. Warum waren Sie unvorbereitet?
Scheffer: Ich staune da selbst über mich, weil ich das tatsächlich seit Jahrzehnten wusste und trotzdem so naiv rangegangen bin. Die meiste Zeit meines Erwachsenenlebens habe ich mit einer größeren Erbschaft gerechnet. Ich habe mir aber nie überlegt, was ich dann konkret mit dem Geld mache und ob ich dafür Finanzwissen brauche. Solange das Geld und damit auch die Verantwortung für das Geld bei den Eltern war, habe ich das einfach verdrängt. Die Verantwortung ist mir erst schlagartig klar geworden, als der Erbfall wirklich eintrat – und das, obwohl ich ein sehr rationaler Mensch bin und sonst alles gut plane.
Frau Genzmer, erleben Sie das öfter?
Genzmer: Ja, das Interessante ist – auch in Ulrikes Fall –, dass viele nicht vorher beginnen, sich mit Finanzen zu beschäftigen. Das könnten Frauen ja durchaus. Sie sind ja nicht weniger intelligent oder können weniger gut im Internet recherchieren. Die soziale Norm lässt Frauen aber oft Geld komplett ausblenden. Hinzu kommt, dass Mädchen Risikofreude meist abtrainiert wird und sie zum Perfektionismus neigen. Frauen denken etwa, sie müssten alles über Aktien wissen, bevor sie an der Börse investieren können.
Und am Ende verlassen sie sich auf die Beratung der Bank?
Genzmer: Frauen neigen eher dazu. Es gibt Studien darüber, dass Frauen teurere Finanzprodukte verkauft werden als Männern. Frauen werden auch seltener Rabatte angeboten, weil viele Kundinnen danach nicht fragen. Frauen zahlen, was zu zahlen ist und fertig – und das ist oft mehr als bei Männern.
Was ist noch typisch für Erbinnen?
Genzmer: Es sind meist Töchter, die sich um die Eltern kümmern. Es ist aber gesellschaftlich überhaupt nicht akzeptiert, dass das einen monetären Wert hat. Man könnte ja sagen, dass jemand, der sich um die Eltern gekümmert hat, mehr erbt als die anderen Geschwister. Die Töchter fordern das aber nicht ein. Die Konfliktscheu geht so weit, dass Frauen sich bei einem Streit ums Erbe viel schwerer tun, ihr Recht durchzusetzen. Auch da entsprechen sie lieber der sozialen Norm, diejenigen zu sein, die für Frieden und Harmonie sorgen, statt sich einen Anwalt zu nehmen.
Frau Scheffer, in Ihrem Buch beschreiben Sie, dass sich das Erbe auf Ihre sozialen Beziehungen ausgewirkt hat. Inwiefern?
Scheffer: Mein Umfeld weiß natürlich, dass ich relativ viel geerbt habe. Ich bin freiberuflich tätig, habe aber den Eindruck, dass ich nicht mehr als arbeitende Person wahrgenommen werde, sondern als weiblicher Privatier. Ich bin geschieden, und gerade Männer zeigen sich überrascht, dass ich jetzt mit meinem Geld eigene Entscheidungen treffe. Konkret habe ich mir eine Wohnung in Frankreich gekauft. Da kommen Reaktionen wie: Und was ist, wenn ein neuer Partner kommt? Nach meinem Empfinden ist das nicht Neid oder Böswilligkeit, sondern eher Erstaunen. Ich glaube, aus Sicht vieler wäre die richtige Reihenfolge, dass ich mir erst einen neuen Partner und dann eine Zweitwohnung in Frankreich suche – denn vielleicht möchte ein neuer Partner ja gar nicht nach Frankreich.
Frau Genzmer, berichten Ihre Klientinnen öfter von solchen Erfahrungen?
Genzmer: Ja, da schlägt die soziale Norm durch. Das Thema Erben ist in Deutschland generell belastet, für Männer wie für Frauen. Hierzulande gilt: Geld muss man verdienen, und ein Erbe hat man quasi nicht verdient. Hinzu kommt: Ein Mann mit Geld ist in Ordnung, eine Frau suspekt. Sie hat dann zu viel Macht und bringt das patriarchalische Gefüge durcheinander. Auch wenn es sich allmählich ändert, ist es zum Beispiel nach wie vor nicht allgemein akzeptiert, dass eine Frau mehr verdient als ihr Mann. Viele Männer würden sich damit schwertun. Sie wollen keine Partnerin, die sie aushalten sollen, aber auch keine, die mehr Geld hat als sie.
Sollte man zu Lebzeiten mit Eltern über das Erbe sprechen?
Genzmer: Der Tod ist ein Riesentabuthema. Der Idealfall wäre aber, mit den Eltern über das Erbe zu sprechen, und dafür plädieren wir in dem Buch. Wenn die Eltern ihre Entscheidungen vorher erklären, kommen die Kinder wahrscheinlich besser damit zurecht. Wenn ein Gespräch darüber abgelehnt wird, dranbleiben und den Eltern die eigene Motivation immer wieder erklären.
Scheffer: Es geht nicht darum, Forderungen zu stellen, sondern zu verstehen, was die Eltern wollen. Deshalb ist es im Interesse beider Seiten, vorher über das Erbe zu sprechen. Als Kind sollte man den Eltern aber unbedingt das Gefühl geben, dass am Ende sie über ihren Besitz entscheiden. Das ist ihr Recht.
Frau Scheffer, was würden Sie als Erbin heute anders machen?
Scheffer: Ich hätte mich schon zu Lebzeiten meines Vaters informieren sollen, wie das Geld angelegt ist. Und, ganz wichtig: Ich würde mich von niemandem mehr – auch nicht von der Bank – zu schnellen Entscheidungen drängen lassen. Das habe ich erlebt. Ich hatte allerdings auch innerlich so einen Druck, damit ich mit dem Thema durch bin. Das hat sich als total falsch herausgestellt. Ich würde jedem und jeder anraten, sich erst mal Zeit zu geben, wenn das Finanzwissen nicht da ist, und sich einzuarbeiten. Man sollte natürlich nicht fünf Jahre warten, aber im Zweifel ist es besser, das Geld auch bar auf dem Konto liegenzulassen. Sonst verliert man am Ende mehr, als wenn man ein paar Monate auf Zinsen verzichtet.
Frau Genzmer, was raten Sie als Finanzcoachin Frauen, die erben?
Genzmer: Das erste ist, sich zu fragen: Wie ist meine Einstellung zu Geld? Wenn eine Frau diffuse Glaubenssätze hat wie „Geld ist nicht wichtig“ oder „Geld interessiert mich nicht“, dann sollte sie hinterfragen, warum sie das denkt. Der nächste Schritt ist zu überlegen: Wie will ich leben, was davon könnte ich mit dem Geld verwirklichen? Das ist die wichtigste Frage, denn wenn ich das nicht weiß, hilft mir auch das Geld nicht.
Scheffer: Das stimmt, das war bei mir auch so. Ich war Mitte 50 und habe überlegt, was will ich jetzt eigentlich, wie plane ich meine nächsten Jahre, vielleicht auch Jahrzehnte? Das ist ganz wichtig, denn letztlich macht nicht das Geld uns glücklich, sondern das Leben.
Genzmer: Erst wenn das geklärt ist, kommt die Anlagestrategie. Ich würde grundsätzlich empfehlen, das Geld selbst zu verwalten. Man kann sich in einigen Dingen auch beraten lassen. Aber an sich muss man sich das Wissen aneignen, dass man selbst Entscheidungen treffen kann. Dann ist man für sein Geld selbst verantwortlich, und das ist etwas völlig anderes. Dann wird man sich nie ohnmächtig fühlen.
Das bedeutet: Erben ist mit Arbeit verbunden.
Genzmer: Geld ist immer mit Arbeit verbunden. Das zu akzeptieren, ist ein guter Einstieg in das Thema Erben.

